Faktencheck zu „Kolumne Deniz Yücel“

Kathrin Helmreich, 5. März 2020
Faktencheck zu "Kolumne Deniz Yücel"
Faktencheck zu "Kolumne Deniz Yücel"

Aktuell macht ein altes Sharepic wieder die Runde. Es zeigt Auszüge aus einer Kolumne von Deniz Yücel, die auf Nutzer „deutschen- und deutschlandfeindlich wirken“.

Die aus dem Kontext gerissene Kolumne von Deniz Yücel aus dem Jahr 2011

Ein Sharepic zeigt zwei längere Absätze aus einem Artikel der taz aus dem Jahr 2011.
Ja, Deniz Yücel verfasst provokante Texte, doch um die Aussage im Ganzen zu verstehen, bedarf es des ganzen Artikels.

Immer wieder erhalten wir vereinzelte Anfragen zu einem Sharepic, auf dem eine „deutschen- und deutschlandfeindliche“ Kolumne des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel zu sehen ist.

Genau genommen geht es um folgenden Ausschnitt:

Screenshot mimikama.at
Screenshot mimikama.at

„…In der Mitte Europas entsteht bald ein Raum ohne Volk. Schade ist das aber nicht. Denn mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird.
Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite. Eine Nation, deren größter Beitrag zur Zivilisationsgeschichte der Menschheit darin besteht, dem absolut Bösen Namen und Gesicht verliehen und, wie Wolfgang Pohrt einmal schrieb, den Krieg zum Sachwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit gemacht zu haben; eine Nation, die seit jeher mit grenzenlosem Selbstmitleid, penetranter Besserwisserei und ewiger schlechter Laune auffällt; eine Nation, die Dutzende Ausdrücke für das Wort „meckern“ kennt, für alles Erotische sich aber anderer Leute Wörter borgen muss, weil die eigene Sprache nur verklemmtes, grobes oder klinisches Vokabular zu bieten hat, diese freudlose Nation also kann gerne dahinscheiden…

…Nun, da das Ende Deutschlands ausgemachte Sache ist, stellt sich die Frage, was mit dem Raum ohne Volk anzufangen ist, der bald in der Mitte Europas entstehen wird: Zwischen Polen und Frankreich aufteilen? Parzellieren und auf eBay versteigern? Palästinensern, Tuvaluern, Kabylen und anderen Bedürftigen schenken? Zu einem Naherholungsgebiet verwildern lassen? Oder lieber in einen Rübenacker verwandeln? Egal. Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.“

Der Faktencheck

Über diesen Ausschnitt der Kolumne haben wir bereits im Jahr 2017 berichtet. Sie ist KEIN Fake. (siehe hier)

Wie Kollege Rüdiger schreibt, stammt die Kolumne selbst aus dem Jahr 2011. Der ganze Artikel kann hier nachgelesen werden. Yücel schrieb in seiner Zeit bei taz einige durchaus inhaltlich extremere Sachen und ja, er provoziert mit dieser Aussage. Dies ist aber auch ein offensichtliches Stilmittel seiner Beiträge. Letztendlich handelt es sich bei einer Kolumne nun mal auch um einen meinungstragenden Kommentar.

Genau betrachtet bezieht sich Yücel auf demographische Daten und die deutsche Sprache – wirklich ersichtlich wird das auf dem Sharepic nicht, da zwischen den beiden Absätzen einiges ausgelassen wurde. Die Absicht der Aussage, die also im Bild nur unvollständig wiedergegeben wird, erschließt sich beim Lesen des kompletten Artikels, aus dem die Zitate stammen.

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Er bezieht sich mit Titel und Leitmotiv auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, welches im Jahr zuvor veröffentlicht wurde. Dies im Hinterkopf behaltend, erschließt sich ein Kontext, in dem dieser Kolumnenbeitrag als satirische Reflexion unter Zuhilfenahme von statistischen Daten und willkürlicher Auswahl einseitig betrachteter Eigenheiten der deutschen Sprache und (Pseudo-)Tradition gesehen werden kann.

Quasi in Stücken wie Jean-Jacques Rousseau mit seinem Menschenbild der zivilisatorisch entwickelten Gesellschaft, nur noch krasser.

„Vor seinem Wechsel zur «Welt» war der deutsch-türkische Journalist aus dem hessischen Flörsheim bei der linken «Jungle World» und bei der «tageszeitung». In seinen «taz»-Kolumnen provozierte er mit Aussagen wie dieser: «Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.» Eine Kolumne, in der Yücel dem umstrittenen SPD-Politiker und Buchautor Thilo Sarrazin («Deutschland schafft sich ab») einen Schlaganfall wünschte, kostete die «taz» eine empfindliche Entschädigung.“
Quelle: Welt

Fazit:

Über den Artikel der TAZ vom 04.08.2011 kann man geteilter Meinung sein. Und genau das soll man auch: Absicht des Beitrags war es, zu polarisieren, zu provozieren und damit – letztendlich – zur Diskussion aufzurufen.

Das stark verkürzte Zitat aber, wie in dem Bild dargestellt, für sich alleine in den Raum zu stellen, und damit der (Miss-)Deutung in sämtliche Richtungen Tür und Tor zu öffnen, ist denkbar ungeeignet, wenn es darum geht, Yücels generelle Einstellung zu Deutschland zu repräsentieren.

Ohne den thematischen Kontext, die Einordnung der Quelle, und den inhaltlich-textlichen Zusammenhang im Artikel selbst, wird die offensichtliche satirische Intention nicht transportiert.


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