Können wir überhaupt „ohne”?

Andre Wolf, 3. Mai 2018

„Eigentlich konnte jeder Narr, dem irgendein Halbsatz in irgendeinem Posting sauer aufgestoßen war, diese Sperre ausgelöst haben.”

Ich habe heute in der Wiener Zeitung einen Artikel von Walter Gröbchen gelesen, bzw. bin auf den Artikel gestoßen, da wir auf Facebook verbunden sind und er diesen Artikel auf seinem Profil veröffentlicht hat. Gröbchen war für eine Woche auf Facebook gesperrt. Den Grund kennt er selbst nicht so genau, kann ich übrigens nachvollziehen, da Facebook es mit deutlicher Darstellung eines Problems nicht so hat.

Eine Woche ausschalten. Ich habe mir auch schon häufig überlegt, speziell im Urlaub, einfach mal GAR KEIN Internet zu nutzen. Also nicht nur keine Nutzung von Social Media, sondern auch einfach mal rein gar nichts googeln (man muss nicht immer alles besserwissen), keine Mails abrufen, aber auch keinen Routenplaner, keine Apps, kein gar nichts, wofür man eine Netzverbindung benötigte.

Gröbchens Erfahrungen nach der Zwangspause

Ich habe es übrigens noch nicht gewagt. Beruflich schalte ich zwar im Urlaub ab, bewege mich also nicht in Redaktions-Chats oder Nutzeranfragen herum, jedoch so ganz unerreichbar zu sein, habe ich mich nicht getraut. Daher war es für mich gerade interessant, welche Erfahrungen Gröbchen in der Woche gemacht hat. Diese waren durchaus zweigeteilt: Ja, toll, dass man endlich wieder Zeit für andere Aktivitäten hat, die sonst der Social Media Zeit unterlegen waren. Man kann es nicht leugnen: Viele von uns nutzen das Internet täglich und das vor allem, um auf sozialen Netzwerken rumzuhängen.

Daraus resultiert jedoch auch, dass wir eine ständige Erreichbarkeit, bzw. Präsenz geschaffen haben, über die wir ansprechbar sind. Was ist nun also, wenn wir die eingehende Kommunikation nicht mehr beantworten (können)? So wie im Falle einer Sperrung? Am Ende geht es mir ja nicht nur allein um Facebook, sondern auch um den gesamten Blick auf das Onlineverhalten von Menschen.

Onlineabstinenz = Luxus

Wenn man sich das genauer überlegt, dann kann man sich eine echte Online-Auszeit (oder besser gesagt: eine Offline-Zeit) kaum mehr leisten. Fehlende Social Media Kommunikation könnte man ja vielleicht noch verkraften, man muss auch nicht jeden Kram über ein Onlineportal bestellen. Schwieriger wird es bei E-Mail Diensten oder wenn man sich in Messengergruppen organisiert. Hier dürfte man in ein zwischenmenschliches Informationsloch fallen, da die schnelle und oberflächliche Kommunikation sehr häufig mittlerweile über Messenger stattfindet. Man läuft also Gefahr, sich selbst zu isolieren, wenn man sich eine Offline-Zeit nimmt.

Auch beruflich wird es problematisch, wenn sich Kollegen in Messengergruppen organisieren. An dieser Stelle erwische ich mich immer mehr bei dem Gedanken, dass ein gewisser Wohlstand nicht allein über Geld definiert werden kann, sondern auch über die Fähigkeit, sich souverän (ohne anschließend Nachteile zu haben) der Onlinewelt entziehen zu können. Nicht einfach nur eine Flucht oder ein ausgesperrt sein, sondern ein ganz klares Zeichen der Nicht-Partizipation, in welcher der Online-Kommunikationspartner sich gezwungen sieht, auf andere Kommunikationsmittel zurückgreifen zu müssen. Direkte Gespräche beispielsweise.

Leider

Ich dürfte leider nicht imstande sein, mir diesen Luxus zu gönnen. Ob ich will oder nicht, allein beruflich bin ich viel zu abhängig von der Onlinewelt.

Weil man im Entertainment-Business – und im weitesten Sinn rechne ich da auch das Journalisten-Gewerbe dazu – nicht ohne Trommelei auskommt. Und die Social-Media-Kanäle sind, zumal sich hier auch alle professionellen Durchlauferhitzer tummeln, die größten verfügbaren und kostengünstigsten Trommeln. – Quelle: Gesichtslos (Wiener Zeitung, Walter Gröbchen)


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