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Können Menschen an der „Hirsch-Zombie-Krankheit“ erkranken?

Ralf Nowotny, 18. Februar 2019
Artikelbild: Shutterstock / Von Dmitri Ma
Artikelbild: Shutterstock / Von Dmitri Ma

Eine Krankheit, welche Hirsche und Elche befällt, bekam von den Medien diesen sensationsheischenden Namen beschert.

Jene Krankheit, welche eigentlich „Chronic Wasting Disease“ (CWD) heißt, verbreitet sich derzeit bei Wildtieren in 24 US-Bundesstaaten. Diverse Medien möchten anscheinend noch ein wenig Panik schüren:

https://www.facebook.com/vienna.at/posts/10157197709970962?__xts__%5B0%5D=68.ARBFUnjKhYjRJeY_hpaddlvzboYCWT-mGTIv3hyJmKKK47uV9px5pkpACv-3NyUFEJ1HCUk_6se4zT2PqUMJMURhvLZN1QDyPbfOQFFkUCQmVHaWy2WvncABdo0_um6SVhcdhWfiQSo0xOMjpiiwGkGYC3axJJdNCeKr8JOVvIiVNqLgt6PD7Nmoe5RXqk45eggb4BEodiEfjeMeIMM3iA3vPJTWqNcwq2nAv3eRNJrWG30AyLXsyO8GEGjF8_sNN2SQlqdeRhOd0G3zbhZJE2m8fmgPBIs0wsCYDYOUHqzRggoHgQno4YlqRGOObmwP-Q4QnvSn8knEqDO6oUzf&__tn__=-R

https://www.facebook.com/spiegelonline/posts/10157528038594869?__xts__%5B0%5D=68.ARDiEenjfY8TKMQ1YCAJZKelX6gID5gkvOwQSogEgVS6xPab-H5T5SbN_rrZSnqWfiduJAD1c4NecZ7Lnz3AQh6DwnAH27yf66rjY13Al0WVFENoaav0rU5X7Gd4_pxDEGnGrMc6LeepRaVTBt3mD1w9hADgE3v7Un0ykI40GwbluuVvoKSdkXqOji3ijukbC6B7fPd2Jrwv3-fqwXQ4nzjMD7EdmVblNpQGukZBQWdRmdxz-7VADSe02SJP4iByyFrGew15B8wHL_qAFktazSakBwujTxfVmsxgbwMbzGYxwTAmNOu8DVMHBvAPaxn1M2znIFVHd1BknoqRXg&__tn__=-R

Auch in unserer Community auf Facebook wurde ein Artikel der Seite „Heilpraxisnet.de“ gepostet, in dem zudem auch behauptet wird, dass nun erste Fälle in Norwegen, Finnland und Südkorea aufgetaucht seien.

Was genau ist diese „Hirsch-Zombie-Krankheit“?

Bei der „Chronic Wasting Disease“ (CWD) handelt es sich um eine ansteckende neurologische Erkrankung, die Hirsche und Elche betrifft. Es verursacht eine charakteristische schwammartige Degeneration des Gehirns infizierter Tiere, die zu Abmagerung, abnormalem Verhalten, Verlust von Körperfunktionen und tödlich ist.

Benehmen sich die Tiere wie Zombies?

Wir fragten dafür unseren Horrorfilm-Experten (den Autor).
Demnach ist für Zombies charakteristisch, dass sich ihr Fleisch im mehr oder weniger fortgeschrittenen Stadium der Verwesung befindet, sie natürlich untot sind, sich je nach Quelle entweder langsam (Romero-Zombies) oder schnell (28 Days Later-Zombies) bewegen, nur noch primäre Instinkte haben, eine Artikulation kaum bis gar nicht stattfindet (Ausnahmen finden sich jedoch, zumindest das Wort „Gehirn“ und kürzere Sätze scheinen weiterhin verankert, siehe dazu beispielsweise „Return of the Living Dead“), und ein unbändiger Hunger nach menschlichem Hirn besteht, wobei auch andere Körperteile nicht verschmäht werden (siehe dazu u.a. „Day of the Dead“ und „Shaun of the Dead“).
Zombifizierte Tiere finden sich allerdings auch, so beispielsweise Schafe („Black Sheep“) und sogar einen untoten Elchkopf an der Wand („Evil Dead II“).

Für die erkrankten Tiere ist charakteristisch, dass sie nicht untot sind.
Zudem ist die Krankheit oftmals äußerlich gar nicht erkennbar, da sich die Symptome erst in den letzten Monaten vor dem Ende des Krankheitszyklus zeigen.
Sollte ein erkranktes Tier das Endstadium der Erkrankung erreichen, magern sie stark ab. Sie fressen zwar noch (zumeist Gras, kein Hirn), jedoch weniger als vorher. Es wird allerdings dafür übermäßig viel getrunken und Wasser gelassen.
Im späteren Stadium interagieren die Tiere nur noch sehr wenig mit anderen Tieren, laufen mit gesenktem Kopf, bewegen sich in wiederholenden Mustern.
Bei Elchen konnte man auch Übererregbarkeit, Nervosität, übermäßiger Speichelfluss und Zähneknirschen beobachten.

Die Gemeinsamkeiten mit Zombies beschränken sich also auf wiederholende Gehmuster, Übererregbarkeit, Speichelfluss und Zähneknirschen. Diese Symptome lassen allerdings nicht sofort auf CWD schließen, da sie auch bei anderen neurologischen Erkrankungen auftreten.

Handelt es sich um eine neu aufgetretene Erkrankung?

CWD gehört zu einer Gruppe von Krankheiten, die als transmissible spongiforme Enzephalopathien (TSE) bekannt sind. Es gibt mehrere Varianten, beispielsweise „Scrapie“, welche bereits vor 200 Jahren bei Schafen und Ziegen nachgewiesen wurde. Die bekannteste Variante ist der sogenannte „Rinderwahnsinn“ (BSE).

Es handelt sich allerdings nicht um eine neue Krankheit!
Bereits  1967 wurde in Colorado/USA die Erkrankung bei Wild in Gefangenschaft festgestellt, 1981 auch bei freilebendem Wild. In den 1990er Jahren kam es zu einer Verbreitung im Norden Colorados und im Süden von Wyoming. Seit 2000 verbreitete sich die Erkrankung nun in mittlerweile 24 Bundesstaaten der USA.

Können sich auch Menschen damit infizieren?

Wir erwähnten weiter oben bereits, dass CWD zur gleichen Krankheitsgruppe wie BSE gehört, mit der sich auch Menschen infizieren können. Demzufolge besteht die Befürchtung, dass Menschen sich auch mit CWD infizieren könnten.

Bisher ist noch kein einziger Fall aufgetreten, bei dem sich ein Mensch infiziert hat, allerdings ist das kein Grund zur Entwarnung!
So berichtet Mark Zabel, stellvertretender Direktor des Prion Research Center der Colorado State University, der Seite „Live Science„, dass die infektiösen Proteine, sogenannte Prionen, nicht ohne weiteres zwischen zwei Arten springen können. Allerdings können sich diese Prionen so weiter entwickeln, dass sie auch andere Spezies infizieren können, wie es beispielsweise bei BSE der Fall war.

Es ist also eher eine Frage der Zeit, bis sich auch Menschen damit infizieren. Momentan gibt es noch keine belegten Fälle. Aber gerade weil sich CWD nun so stark verbreitet, werden nun spezielle Untersuchungsverfahren angewendet, damit solches Fleisch nicht in den Handel gerät. Auch Jägern wird geraten, vor dem Verzehr das Fleisch untersuchen zu lassen, da die Symptome für CWD sich eben erst sehr spät während des Krankheitszyklus zeigen.

Gibt es auch CWD-Fälle in Europa?

So wird in einem der Artikel behauptet. Es macht den Anschein, als ob jene „neue“ Erkrankung quasi  vor kurzem erst den Sprung von den USA nach Europa geschafft hat.
Dies ist allerdings irreführend!
Wie weiter oben geschildert, ist CWD bereits seit 1967 bekannt. In den letzten Jahrzehnten hat es CWD dann auch tatsächlich bis nach Europa geschafft, so gab es 2016 drei Fälle in Norwegen, 2017 zwei weitere Fälle.
In Finnland gab es 2018 einen Fall, dort wird Wildfleisch seit 2003 auf CWD untersucht.
In Südkorea wurde CWD in importiertem Fleisch aus Kanada gefunden, allerdings nicht aktuell, sondern zwischen 2004 und 2010.

Derzeit gibt es keine aktuell gemeldeten Fälle von CWD in Europa.

Fazit

Diese Krankheit, CWD genannt, existiert wirklich, mit Zombies haben die erkrankten Tiere allerdings herzlich wenig gemeinsam. Zudem ist CWD nicht neu, sondern seit 1967 bekannt. Die Krankheit ist nicht heilbar, es gibt allerdings seit dem Bekanntwerden der Krankheit verlässliche Untersuchungsmethoden, um infiziertes Fleisch identifizieren zu können, bevor es in den Handel gelangt.

Bisher gibt es noch keinen belegten Fall eines Menschen, der sich mit CWD infiziert hat, jedoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Prion nicht eines Tages mutiert und auch Menschen infizieren kann, so wie es auch mit BSE geschah.


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