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„NATO plante Krieg gegen Russland“ – Das Märchen von der Kanzlerakte

Aus der Mottenkiste des Internets ist wieder ein alter Fake aufgetaucht: Die sogenannte „Kanzlerakte“.

Ralf Nowotny, 7. April 2022
"NATO plante Krieg gegen Russland" - Das Märchen von der Kanzlerakte
"NATO plante Krieg gegen Russland" - Das Märchen von der Kanzlerakte

Mit der „Kanzlerakte“ ist es wie mit dem Necronomicon, der Disk 22 bei „Secret of Monkey Island“ oder der Pokémon Creepy Black Edition: Viele reden davon, doch keiner hat sie wirklich je gesehen. Nun wird jedoch der vermeintliche Beweis der Existenz dieser Akte wieder hervorgekramt, um die Theorie aufstellen zu können, dass die NATO einen Krieg gegen Russland bereits vor Jahrzehnten geplant habe. Bundeskanzler Scholz soll dies gezwungenermaßen abgesegnet habe, was ebenfalls in der „Kanzlerakte“ stehe – die keiner kennt.
Bei dem Schriftstück, in dem die „Kanzlerakte“ erwähnt wird, handelt es sich jedoch um eine in vielerlei Hinsicht durchschaubare Fälschung aus der Mottenkiste des Internets.

Die Behauptungen

Ein ominöses, mit Schreibmaschine erstelltes Schreiben soll beweisen, dass ein Krieg der NATO gegen Russland bereits vor Jahrzehnten geplant wurde – jedoch ohne, dass in dem Schreiben auch nur annähernd irgendwas davon steht:

Behauptungen über die "Kanzlerakte"
Behauptungen über die „Kanzlerakte“

„Ist das wahr? Hat die NATO den Krieg gegen Russland von langer Hand vorbereitet und Kanzler Scholz gezwungen es im Januar abzusegnen. Lange bevor Präsident Putin irgendwo einmarschiert ist. Das findet man so in der Kanzlerakte.“

Hier das Schreiben im Ganzen:

Das ominöse Schreiben
Das ominöse Schreiben

Der Kerntext des Schreibens:

Sehr geehrter Herr Minister!

Kopie Nr. 4 des geheimen Staatsvertrages zwischen den Alliierten Mächten und der provisorischen Regierung Westdeutschlands vom 21.05.1949 ist endgültig abhandengekommen.

Der geheime Staatsvertrag offenbart u. a.:

  • die Medienhoheit der alliierten Mächten über deutsche Zeitungs- und Rundfunkmedien bis zum Jahr 2099,
  • die sog. „Kanzlerakte“, also jenes Schriftstück, das jeder Bundeskanzler Deutschlands auf Anordnung der Alliierten vor Ablegung des Amtseides zu unterzeichnen hat,
  • sowie die Pfändung der Goldreserven der Bundesrepublik Deutschland durch die Alliierten.

Sofern die Kopie Nr. 4 des geheimen Staatsvertrages in falsche Hände gelangen sollte, empfehle ich dringend, die Echtheit abzuleugen.

Hochachtugsvoll
Dr. Rickermann
Staatsminister

In Gelb haben wir schon einmal drei eklatante Rechtschreibfehler, die in einem solchen Schreiben eigentlich nicht vorkommen sollten, markiert. Aber es gibt noch weitaus mehr Ungereimtheiten!

Eine grobe Fälschung

Bereits 1999 wurde auf der Webseite „Unabhängige Nachrichten“ behauptet, dass es ein geheimes Zusatzabkommen zum Grundgesetz gäbe, wonach die Medienhoheit bis zum Jahr 2099 bei den alliierten Mächten verbliebe. Als „Teaser“ für ein Buch, das darüber erscheinen sollte, wurde dieses Schreiben angeführt.

Danach hörte man darüber: Nichts. Anscheinend ist dieses Buch nirgendwo erschienen, es blieb bei diesem einen Schreiben, in dem auch etwas von einer „Kanzlerakte“ steht, deren Definition netterweise auch noch erklärt wird, was irgendwie seltsam ist, wenn doch jeder Politiker diese Akte kennen sollte – aber so sind nun mal Bösewichte: Müssen alles nochmal erklären, kennt man ja aus schlechten Filmen.

Im Laufe der Jahre ist dieses Schreiben immer wieder mal hauptsächlich in Reichsbürgerkreisen aufgetaucht, um zu „beweisen“, dass die Bundesrepublik Deutschland kein souveräner Staat sei, schließlich ist ja nun klar, dass jeder Kanzler die „Kanzlerakte“ unterzeichnen müsse – die, falls wir es noch nicht erwähnt haben, noch nie jemand gesehen hat!

Bereits 2011 berichtete die Seite „Korrektheiten“ darüber, dass im September 2006 der Urheber des Schreibens bekannt wurde. Die Seite „Politische Hintergrundinformationen (PHI)“, auf der damals sehr viele nicht überprüfbare Informationen verbreitet wurden, schrieb erstaunlich offen:

Diese Geschichte beruht auf einer reinen Fälschung eines Herrn M. aus München, der inzwischen verstorben ist und langjähriger Abonnent der PHI war und mit einem PHI-Redakteur persönlich befreundet. Dieser Mann war ein überzeugter Nationalist. Er zeigte unserem Redakteur das Original seiner Fälschung und die alte Schreibmaschine, mit der er sie angefertigt hatte und erklärte sinngemäß dazu, die Sieger und die Juden hätten so viele Dokumente zum Nachteil Deutschlands gefälscht, also habe er auch etwas gefälscht um die Autorität der, wie er es nannte, ›westdeutschen Marionettenregierung‹ zu untergraben und er dachte sich auch eine Geschichte dazu aus, nämlich daß man im Bundeskanzleramt nach einer Kopie oder Korrespondenz über diese Kanzlerakte suchen würde. Diese Korrespondenz erfand unser Herr M und sandte sie an verschiedene rechte Vereine, welche diese Kopie fleißig weiter kopierten, bis sogar ein amerikanischer Professor über die erfundene Geschichte ein Buch schrieb.“

Das im letzten Satz genannte Buch eines gewissen Prof. Dr. Dr. James Shirley ist allerdings nirgendwo zu finden ist. Auch die Hearst Corporation, bei der das Buch erschienen sein soll, hat noch nie etwas von einem James Shirley gehört, geschweige denn ein Buch des Mannes veröffentlicht.

Doch kommen wir nun mal in Stichpunkten zu den weiteren Fehlern dieses Schreibens:

  • Scheinbar hat der Bundesnachrichtendienst, von dem das Schreiben stammen soll, nicht einmal Papier mit Briefköpfen im Jahr 1992 (oder 1996, das Datum rechts unten ist nicht gut leserlich) gehabt
  • Es handelt sich um ein externes Schreiben „nur für Minister“, doch enthält keine Innenadresse
  • Staatsminister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers ernannt und ist die Amtsbezeichnung eines hochrangigen Regierungsvertreters. Beim Bundesnachrichtendienst gibt es jedoch keine Staatsminister, dort gibt es höchstens Berufsbeamte.
  • Daraus folgernd dachte der Fälscher anscheinend, dass der BND ähnlich wie damals die Stasi der DDR von einem Ministerium geleitet würde, was jedoch nicht der Fall ist: Es ist eine Bundesoberbehörde mit beschäftigten Beamten.
  • Jener Dr. Rickermann ist nicht einmal in der oberen Hierarchie des BND, sondern laut dem Schreiben anscheinend Leiter der „Kontrollabteilung II/OP“ – also ein Abteilungsleiter.
  • Die Bundesrepublik Deutschland wurde am 23.5.1949 gegründet. Das Schreiben jedoch datiert den 21.5.1949 als „geheimen Staatsvertrag“, also zwei Tage früher, bevor es den Staat überhaupt gab.

Es gibt noch sehr viel mehr zweifelhafte Punkte an dem Schreiben, welche bis ins Detail im Laufe der Jahre analysiert wurden und die beispielsweise auf „Korrektheiten“, „Hypotheses“, „Marjorie-Wiki“ und „Sonnenstaatland“ zu finden sind.
Sogar die ansonsten für Verschwörungsmythen recht offene „Compact“ schrieb in einem älteren Artikel (archiviert HIER): „Die Kanzlerakte, die im Internet kursiert, ist definitiv eine Fälschung“.

Fassen wir zusammen

Das verbreitete Schreiben ist in vielerlei Punkten als Fälschung entlarvbar. Im Jahre 2006 offenbarte sich sogar der Fälscher ausführlich. Die in dem gefälschten Schreiben erwähnte „Kanzlerakte“, von der in echter Bösewicht-Manier auch erklärt wird, was diese beinhaltet, obwohl die Minister diese eigentlich kennen sollten, ist ohnehin nie irgendwo aufgetaucht.

Das angebliche Schreiben des BND warf allerdings so hohe Wellen, dass sogar das Bundespresseamt im Jahr 2007 dazu Stellung nahm:

„Der „geheime Staatsvertrag“, den Sie erwähnen, ist dem Reich der Legenden zuzuordnen. Diesen Staatsvertrag gibt es nicht. Und die Bundeskanzlerin musste selbstverständlich auch nicht auf Anordnung der Alliierten eine sogenannte „Kanzlerakte“ unterschreiben, bevor sie ihren Amtseid ablegte. Die erbetene kurze Antwort lautet daher: Nein.“

Bei dem Schreiben, welches die „Kanzlerakte“ erwähnt, handelt es sich eindeutig um eine Fälschung. Selbst in dem Schreiben wird ein geplanter Krieg der NATO gegen Russland nicht einmal erwähnt, in einer „Kanzlerakte“, die es nirgendwo gibt, somit ohnehin nicht.

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