Ukraine Krise / Ukraine Krieg: Faktenchecks

Kein echtes Video aus der Ukraine, sondern Hubschrauber-Szene aus „Arma 3“

Tatsächlich zeigte ein Nachrichtensender kein echtes Video mit einem Hubschrauberabschuss, sondern eine Szene aus einem Videospiel.

Ralf Nowotny, 4. April 2022
Hubschrauber: Tatsächlich zeigte ein Nachrichtensender kein echtes Video mit einem Hubschrauberabschuss, sondern eine Szene aus einem Videospiel.
Hubschrauber: Tatsächlich zeigte ein Nachrichtensender kein echtes Video mit einem Hubschrauberabschuss, sondern eine Szene aus einem Videospiel.

Was im Laufe des letzten Monats viele Medien lernen mussten: Nicht alle Videos, die in sozialen Medien geteilt werden, sind echt, und Kriegspropaganda kann von allen Seiten kommen. Dazu gehört ein Video, welches erstaunlich echt aussieht und auch in Nachrichtenmedien gezeigt wurde: Im Dämmerlicht sind mehrere, fliegende Hubschrauber zu sehen, die abgeschossen werden. Sogar das ukrainische Verteidigungsministerium verbreitete das Video auf Twitter, löschte den Tweet aber wieder.
Verständlich, denn der Clip entstand in dem Videospiel „Arma 3“.

Das Hubschrauber-Video

Ende März wurde das eher unscharfe Video in sozialen Medien geteilt. Auch auf YouTube ist das Video mehrfach zu finden, beispielsweise hier:

Titel des Videos: Zerstörung von 4 K-52 Hubschraubern der russischen Luftwaffe bei Cherson

Auch das ukrainische Verteidigungsministerium verbreitete augenscheinlich das Video in einem Tweet, der jedoch anscheinend wieder gelöscht wurde.

Tweet mit dem Hubschrauber-Video

Und auch auf einem Nachrichtensender tauchte das Video in der Berichterstattung auf, siehe HIER auf YouTube, Position 1:09:48.

Ein Nachrichtensender zeigte das Video ebenfalls, Quelle: YouTube

Der Faktencheck

Tatsächlich sieht das Video mit seiner wackeligen Kameraführung, den sichtbaren Details und den realistischen Geräuschen sehr echt aus. Jedoch weckt auch die verbreitete, unscharfe Aufnahme bereits Zweifel: Die Geräusche der Explosionen sind beispielsweise zwar zwei Sekunden verzögert zu hören (was auf eine Entfernung des „Filmenden“ auf rund 700 Metern schließen lässt), die letzten beiden Treffer sind jedoch absolut synchron. Zudem ist der Ton für die Szene zu gut: In den stilleren Sekunden des Videos ist Grillenzirpen und Vogelgezwitscher zu hören, die Hubschrauber und die Explosionen klingen glasklar.

Noch deutlicher wird es bei einer schärferen Version des Videos, denn dort fallen noch andere Details auf. Der YouTuber hat sogar im Titel des Videos stehen, dass es aus dem Videospiel „Arma 3“ stammt:

Titel des Videos: Attack Helicopters shot down by Anti-Air Systems – Arma 3 Military Simulation, Quelle: YouTube

Dieses Video, welches sowohl im Titel als auch in der Beschreibung, keinerlei Bezug auf die Ukraine nimmt, wurde am 21. März hochgeladen. Wenige Tage später, am 24. März, erschien es erstmals in der unscharfen Version mit der Behauptung, es sei der Abschuss von Hubschraubern in der Ukraine.

In der unscharfen Version, welche noch zusätzlich „verwackelt“ und gezoomt wurde, um sie noch realistischer erscheinen zu lassen, ist beispielsweise bereits bei genauem Blick ein Detail zu erkennen, welches in der scharfen Version noch besser zu sehen ist und einen Grafikfehler offenbart: Schwebende Bäume!

Links: Das verbreitete Video, Rechts: Das Original, bei dem die „schwebenden Bäume“ gut erkennbar sind

Auch die Explosionen sind in der scharfen Version des Videos deutlich künstlicher, während sie in der unscharfen Version, bei der die erste Explosion durch die Nachbearbeitung und Änderung des Bildformats nur am Rande sichtbar ist, fast echt erscheint.

Links: Die Explosion um unscharfen Video, Rechts: Die Explosion im Originalvideo

Im Original ist auch gut erkennbar, dass die Explosion sehr deutlich und detailreich zu sehen ist, was aber unrealistisch wirkt – wahrscheinlich ein weiterer Grund, warum die Verbreiter der Falschbehauptung das Video zusätzlich unscharf machten.

Doch wie sind solch nahezu realistischen Szenen in einem Computerspiel möglich, das mit seinen 10 Jahren auf dem Buckel grafisch nicht mehr wirklich auf der Höhe ist? Die Antwort ist: Geschickte Grafikeinstellungen und diverse Modifikationen (Mods genannt).

Der YouTuber „Norov“ zeigt in einem Video, wie relativ einfach es ist, diese Szene in „Arma 3“ darzustellen, wobei er allerdings dies nicht als Tutorial verstanden haben möchte, weswegen er auch nur sehr kurz die Modifikationen zeigt.
Hier eine normale Szene aus „Arma 3“:

Normale Szene aus „Arma 3“, Quelle: YouTube

Mit dem Tageszeit-Editor stellt er die Tageszeit auf den frühen Abend:

Es wird düsterer durch den Tageszeit-Editor, Quelle: YouTube

…und zeigt dann „Arma 3“ mit den neuen Einstellungen, in denen der Himmel exakt wie in dem verbreiteten Video aussieht:

Nahezu realistisch mit den geänderten Einstellungen, Quelle: YouTube

Mit einer Vielzahl von Mods lassen sich Gewehrfeuer, Explosionen und die entsprechenden Sounds noch realistischer darstellen:

Mit Mods noch realistischer, Quelle: YouTube

Fazit

Mit einem Computerspiel, den richtigen Einstellungen und diversen Mods lassen sich (leider) solch nahezu realistischen Szenen darstellen, worauf dann mindestens das ukrainische Verteidigungsministerium und ein Nachrichtensender hereingefallen sind. Wir müssen dazu allerdings sagen, dass es wirklich schwer ist, solche Videos als unecht zu erkennen, wenn man sich nicht gerade intensiv mit Computerspielen und den enthaltenen Möglichkeiten beschäftigt.

Das verbreitete Video wurde editiert, indem es unschärfer gemacht wurde und mehr Kamerabewegungen und Zooms eingefügt wurden, um es realistischer aussehen zu lassen. Das Originalvideo ist eindeutig aus dem Computerspiel „Arma 3“.

Umso wichtiger ist es, wirklich jedes Video, welches derzeit im Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Konflikt auftaucht, sehr genau unter die Lupe zu nehmen, denn offensichtlich gibt es genug Leute, die sich einen „Spaß“ daraus machen, solche falschen Videos zu verbreiten.

Auch interessant:
Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor droht Wikipedia mit einer Geldstrafe von bis zu 4 Millionen Rubel (ca. 45.000 Euro), wenn sie Informationen über die russische Invasion in der Ukraine, die von der Darstellung des Kremls abweichen, nicht lösche.
Russland will Wikipedia-Informationen über den Krieg löschen


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

  • Mit deiner Hilfe unterstützt du eine der wichtigsten unabhängigen Informationsquellen zum Thema Fake News und Verbraucherschutz im deutschsprachigen Raum. Ein unabhängiges und für jeden frei zugängliches Informationsmedium ist in Zeiten von Fake News, aber auch Message Control besonders wichtig. Wir sind seit 2011 bestrebt, allen Internetnutzern stets hochwertige Faktenchecks zu bieten.  Dies soll es auch langfristig bleiben. Dafür brauchen wir jetzt deine Unterstützung!

Mehr von Mimikama