Faktencheck

Nein, nicht alle Hilfsgüter für die Ukraine wurden entsorgt

Es wurden auch keine LKW „entleert“, um Platz für Waffenlieferungen zu haben.

Claudia Spiess, 16. März 2022
Hilfsgüter für die Ukraine
Hilfsgüter für die Ukraine

Aktuell kursieren Beiträge in sozialen Medien und auch Blogs, in denen behauptet wird, dass gesammelte Hilfsgüter für die Ukraine niemals an ihr Ziel gelangen würden. Stattdessen würden sie entsorgt und zur Müllverbrennung gebracht. Eine weitere Schlussfolgerung daraus lautet, dass so Platz für die Lieferung von Waffen geschaffen würde.

In einem Blog, der sich selbst „Satireblog“ nennt, wurde am 11. März 2022 folgender Screenshot veröffentlicht:

Screenshot "Hilfsgüter für die Ukraine werden entsorgt"
Screenshot „Hilfsgüter für die Ukraine werden entsorgt“

Auch auf Facebook findet sich diese Aufnahme in einem Beitrag vom 11. März 2022 mit Mutmaßungen, was mit gespendeten Hilfsgütern für die Ukraine passieren würde.

Screenshot Facebook "Hilfsgüter für die Ukraine!
Screenshot Facebook „Hilfsgüter für die Ukraine“

Es wird also behauptet, dass die LKW entladen würden und alle Hilfsgüter entsorgt bzw. verbrannt würden. Weiters wird gemutmaßt, warum leere LKW in die Ukraine fahren würden.

Aktion „Gemeinsame HILFE für die Ukraine“

Tatsächlich werden derzeit in aller Herren Länder Spenden für Menschen in der Ukraine oder Flüchtlinge aus der Ukraine gesammelt.
Die Fotos, die in der Oberpfalz aufgenommen wurden, stammen von einer Sammelstelle einer Hilfsorganisation, die 220 Tonnen Hilfsgüter in mehreren LKW zur polnisch-ukrainischen Grenze gebracht haben, wie Merkur berichtet.
Organisiert wurde diese Hilfsaktion vom Verein RKT Rettungsdienst, der A.i.B. Hero GmbH und der Alfred Böhm Spedition.

Am 2. März 2022 gab es hierzu auch einen Aufruf auf Facebook:

Screenshot Facebook "Gemeinsame HILFE für die Ukraine"
Screenshot Facebook „Gemeinsame HILFE für die Ukraine“

Hier wird aufgelistet, welche Artikel benötigt werden. Auch der Zusatz, dass derzeit keine Kleidung gesammelt wird, ist hier zu lesen.

Die Fakten

Am 4. März 2022 startete der Hilfskonvoi vom Industriegebiet Leonie in Auerbach Richtung polnisch-ukrainischer Grenze. Über die Abwicklungen und die Fahrt wurde in einem Liveblog berichtet.
Die Fotos, die nun in sozialen Medien kursieren, kann man mit jenen im Bericht des Merkur abgleichen. Man erkennt hier die Anordnung der gehäuften Hilfsgüter, Kartons und LKW sowie Bäume am Rand des Sammelplatzes.

Da entgegen dem Aufruf doch sehr viel Kleidung geliefert wurde, wurde diese auf Kosten des Landkreises Amberg-Sulzbach entsorgt. Diese wurden zur Verbrennung ins Müllkraftwerk in Schwandorf gebracht.

Auf der Facebook-Seite „Gemeinsame HILFE für die Ukraine“ wurde am 14. März 2022 ein Statement zu den Vorwürfen gepostet:

+++ Hilfstransport Ukraine +++
Seit Ende letzter Woche erreichen uns Bilder und Nachrichten, welche unseren Hilfstransport in ein besorgniserregendes Licht rücken sollen. Auf diesen Bildern sind Berge von Verpackungsmaterialien und in Säcken verpackte Altkleider zu erkennen. Hierbei handelt es sich um nicht geeignete Spenden und übrig gebliebenen Verpackungsmüll. Diese wurden von der Spedition Alfred Böhm vorschriftsmäßig entsorgt. Wie so oft, wenn zum Spenden aufgerufen wird, kommt es zu Abgaben, welche dem eigentlichen Vorhaben nicht dienlich sind. Zum großen Teil haben wir über die letzten Wochen Spenden erhalten, welche vor Ort wirklich gebraucht werden. Was wir allerdings auch erhalten haben, waren Kisten voll mit Bikinis, Badeschuhen, Krawatten, Hochzeitskleidern, und sogar Dessous und benutzte Unterwäsche. Diese Dinge helfen in der Ukraine niemandem. Auch uns bringen diese Dinge zusätzliche Arbeit – Arbeit, in die wir gerade jede freie Minute unserer Zeit stecken. RKT e.V. Verein für Rettungsdienst und Katastrophenschutz in Bayern ist seit über einer Woche kontinuierlich für das Projekt „Gemeinsame Hilfe – Ukraine“ ehrenamtlich tätig. Jetzt zu hören, man würde LKWs leerräumen, um Waffen zu liefern, lässt einen jeden unserer Helfer fassungslos werden. Doch dann schnaufen wir wieder durch und machen weiter, denn für viele Menschen geht der Krieg in der Ukraine und die Flucht aus ihrem Land weiter.
In wenigen Tagen kehren wir zurück an die Polnisch-ukrainische Grenze und werden uns hier für 8 Wochen positionieren – Denn wir wissen, unsere Hilfe kommt an.

Fazit

Es ist korrekt, dass in der Oberpfalz Hilfsgüter für ukrainische Flüchtlinge gesammelt wurden, um sie dann zur polnisch-ukrainischen Grenze zu bringen. Trotz der genauen Angabe, welche Artikel benötigt werden und welche eben nicht, wurde eine Menge Kleidung – zum Teil sogar unbrauchbar – zur Sammelstelle geliefert. Diese musste entsorgt werden.

Es ist falsch, dass nichts von den Hilfsgütern an die polnisch-ukrainische Grenze und somit an die Bedürftigen geliefert wurde. Es ist außerdem falsch, dass so die Lieferung von Waffen „verdeckt“ würde. Die Organisatoren hinter diesem Hilfskonvoi zeigen sich fassungslos ob dieser Vorwürfe.

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Quelle: Merkur, dpa, Facebook „Gemeinsame HILFE für die Ukraine“


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