Faktencheck

Handbuch belegt nicht, dass die Ukraine Russland angreifen wollte

Pro-russische Gruppen verbreiten die Nachricht, dass die Ukraine angeblich geplant hatte, Russland oder die russisch besetzten Gebiete im Donbass anzugreifen. Als Beweis diene ein Handbuch.

Claudia Spiess, 1. Juni 2022

Die Behauptung

Anhand eines Handbuchs soll nun bewiesen sein, dass die Ukraine einen Angriff auf Russland von langer Hand geplant hätte.

Unser Fazit

Diese Behauptung ist falsch. Das Handbuch dient der Unterstützung ukrainischer Veteranen und Soldaten und klärt über deren Rechte und Pflichten auf.

In diesem Video sieht man ein Handbuch, einen Leitfaden für verwundete Soldaten und Soldatinnen aus der Ukraine. In einem Facebook-Beitrag kann man dazu Folgendes lesen:

„Das „Handbuch für Teilnehmer des ukrainisch-russischen Krieges“, komplett mit Kampfprämien.Herausgegeben von NED (National Endowment for Democracy) und Freeroll House, zwei sogenannte „nichtstaatliche“ Organisationen der USA.“

Screenshot Facebook Video

Im Video sind Untertitel eingeblendet, die besagen, dass hier das „Merkblatt für die Teilnehmer am russisch-ukrainischen Krieg“ vorgestellt wird. Es sei „lange vor Beginn der Sonderoperation der russischen Armee zur Entmilitarisierung und Entnazifizierung der faschistischen Ukraine erstellt worden“. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass sie sich „darauf vorbereiten, als erste anzugreifen“.
Somit sei klar, dass die Ukraine sich „planmäßig auf einen Militäreinsatz gegen Russland vorbereitet“ hätte. Die Ukraine hätte sicher angegriffen, „wenn es nicht das rechtzeitige Vornehmen dieser Sonderoperation durch den russischen Generalstab gegeben hätte.“
Auch seien US-Organisationen bei der Erstellung des Merkblatts beteiligt gewesen.

Was ist das für ein Handbuch?

Der Titel „Handbuch für die Teilnehmer des russisch-ukrainischen Krieges“ wurde aufgrund der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland 2014 gewählt. Es wird in Zusammenarbeit mit der Regierung der Ukraine von einer ukrainischen Nicht-Regierungsorganisation herausgegeben. „Legal Hundred“ wurde im Jahr 2014 von freiwilligen Anwälten und Anwältinnen gegründet, um Verwundeten des Kriegs zwischen der Ukraine und Russland juristische Hilfe anzubieten.

Bereits seit 2016 werden mit dem Handbuch Veteranen, ukrainische Streitkräfte und deren Familien über deren Rechte und Pflichten aufgeklärt. Darunter fallen Ansprüche auf Sozialleistungen und Gehälter, auch Geldprämien im Fall von Zerstörung und Beschlagnahmung feindlicher militärischer Ausrüstung sind gelistet.

Eine Ableitung daraus, dass die Ukraine damit ihren Streitkräften eine Anleitung für einen Krieg gegen Russland gebe, ist schlichtweg falsch. Mit diesem Handbuch setzt sich eine ukrainische Organisation für verwundete Soldaten ein, sie erhalten auf diese Weise Informationen, welche Ansprüche sie geltend machen können.

Erstellt von US-Amerikanischen Organisationen?

Auch diese Behauptung ist nicht richtig. Im Video wird auf eine Seite mit Logos der US-Amerikanischen NGOs National Endowment for Democracy (NED) und Freedom House hingewiesen. Diese haben allerdings nur unterstützt, und zwar in der Form, wie man es in der Version des Handbuchs vom Juni 2021 lesen kann: „Entwickelt und veröffentlicht mit Unterstützung des National Endowment for Democracy“ und „aktualisiert und gedruckt mit Unterstützung von Freedom House“.

Freedom House ist in der aktuellsten Version (vom 31.01.2022) nicht mehr angeführt. Auch in der Version von 2018 sucht man beide Organisationen vergeblich (HIER).

Fazit

Das Handbuch dient einzig und allein der Information von ukrainischen Veteranen und Soldaten, was deren Rechte und Pflichten angeht.
Herausgegeben wird es von einer ukrainischen Nicht-Regierungsorganisation und nicht von US-Amerikanischen Organisationen.

Das Handbuch ist keine „Anleitung“ für einen Angriff auf Russland, wird jedoch zu Propaganda-Zwecken pro-russischer Gruppen als solche bezeichnet.

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Quelle: DPA


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
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