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Faktencheck: Großbritannien und die Muslime

Ralf Nowotny, 11. November 2019
Großbritannien und die Muslime
Großbritannien und die Muslime

In einem ausführlichen Text auf einem Bild werden viele Zahlen aufgelistet, die aufzeigen sollen, wie sich die Briten „passiv der Muslimischen Invasion“ unterwerfen.

Dabei geizt der Text nicht mit Zahlen, so dass man tatsächlich den Eindruck hat, dass Muslime einen sehr großen Einfluß auf Großbritannien haben.
Doch wie es nun mal mit Zahlen und Behauptungen so ist: Auf einem Bild finden sich fast nie Quellenvermerke, und die Wenigsten werden sich die Zeit nehmen, die Angaben zu überprüfen: Es steht auf einem Bild, also muss es stimmen.

Um dieses Sharepic handelt es sich:

Eine muslimische Invasion in Großbritannien?
Screenshot: mimikama.at

Der Text des Sharepics im Wortlaut:

„Wie die Briten sich passiv der Moslemischen Invasion unterwarfen:
Bürgermeister von London…. MOSLEM
Bürgermeister von Birmingham …. MOSLEM
Bürgermeister von Leeds …. MOSLEM
Bürgermeister von Blackburn …. MOSLEM
Bürgermeister von Sheffield …. MOSLEM
Bürgermeister von Oxford…. MOSLEM
Bürgermeister von Luton…. MOSLEM
Bürgermeister von Oldham …. MOSLEM
Bürgermeister von Rochdale…. MOSLEM
Britischer Innenminister Sajid Javid….. MOSLEM

Über 3.000 Moslemische Moscheen
Über 130 Moslemische Scharia-Gerichte
Über 50 Moslemische Scharia-Räte
Moslems-Only No-Go Bezirke überall in GB
78% der Moslemischen Frauen …. arbeiten nicht und beziehen Sozialleistungen/Wohngeld
Moslemische Familien …. mit 6-8 Kindern, die Sozialleistungen/Wohngeld beziehen wollen
…. und jetzt servieren alle britischen Schulen NUR noch HALAL-FLEISCH!
All dies wurde von nur 4 Millionen Muslimen von einer Gesamtbevölkerung von 66 Millionen Einwohner erreicht!“

Im Folgenden werden wir die einzelnen Behaupten genauer unter die Lupe nehmen.

Die Bürgermeister

Während hierzulande die Bürgermeister direkt gewählt werden, gibt es in Großbritannien zwei Arten von Bürgermeistern: direkt gewählte und sogenannte bürgerliche. Wenn man diese beiden Sorten von Bürgermeistern mit einbezieht, haben bzw. hatten alle diese Orte tatsächlich zu irgendeinem Zeitpunkt mal einen muslimischen Bürgermeister.

Direkt gewählte Bürgermeister gibt es in Großbritannien erst seit dem „Local Government Act 2000„, davor und jetzt noch immer in vielen Orten gibt es die „bürgerlichen“ Bürgermeister (civic mayors), dies sind in der Regel jahrelange Ratsmitglieder, die für ein Jahr die Rolle des Bürgermeisters übernehmen und eine weitgehend zeremonielle Funktion haben.
Während der Zeit als „Civic Mayor“ nimmt er nicht an den politischen Entscheidungen des Rates teil.

Im Jahr 2017, als das Sharepic erstmals auf Englisch auftauchte, gab es 16 Orte mit direkt gewählten Bürgermeistern und 7 direkt gewählte „Metro-Bürgermeister“, beispielsweise der Bürgermeister von London, der für den kompletten Ort und seine Umgebung zuständig ist. Von diesen direkt gewählten Bürgermeistern sind bzw. waren zwei Muslime: Sadiq Khan, der derzeitige Bürgermeister von London, und Lutfur Rahman, Bürgermeister des Londoner Stadtteils Tower Hamlets von 2010 bis 2015.

Nun zu den „Civic Mayors“: Birmingham, Leeds, Blackburn, Darwen, Sheffield, Oxford, Luton, Oldham und Rochdale hatten tatsächlich zu verschiedenen Zeitpunkten muslimische Bürgermeister.

Der Text des Sharepics ist insoweit irreführend:
Die Bürgermeister wurden zum größten Teil nicht direkt gewählt, sondern vom Rat bestimmt. Zudem waren sie alle zu verschiedenen Zeitpunkten für ein Jahr Bürgermeister und hatten eine zeremonielle Funktion, nahmen in der Zeit keine politischen Funktionen wahr.

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Der Innenminister

Der erwähnte Sajid Javid war Innenminister Großbritanniens, seit Juli 2019 ist er Finanzminister.
Was seine Religion angeht, sagt er selbst:

„Das Erbe meiner eigenen Familie ist muslimisch. Ich selbst und meine vier Brüder wurden erzogen, um an Gott zu glauben, aber ich praktiziere keine Religion. Meine Frau ist praktizierende Christin und die einzige Religion, die in meinem Haus praktiziert wird, ist das Christentum.“

Die Behauptung ist somit falsch.

Die Moscheen

Die Anzahl an Moscheen ist, genauso wie die Anzahl an Kirchen und anderen Gotteshäusern und Gebetsstätten, schwer zu ermitteln, da es darüber kein verpflichtendes, offizielles Verzeichnis gibt und die Definition von „Moschee“ weitreichend ist, von gemieteten Räumen bis hin zu Bauwerken.

Die Cardiff University, deren Seite regelmäßig aktualisiert wird, schreibt von 1.600 Moscheen, die Seite „Muslims in Britain“ zählt insgesamt 2.131 Moscheen und gemietete Hallen auf, allerdings für Großbritannien und Irland gesamt. Doch jede verfügbare Quelle schätzt zwischen rund 1.000 bis 2.000 Moscheen, je nach Definition, was bereits als Moschee gilt.

Die angegebene Zahl von 3.000 Moscheen ist somit zu hoch gegriffen.

Die Scharia-Gerichte und -Räte

Die Unterscheidung zwischen Scharia-Gerichten und -Räten macht nicht viel Sinn, da beides gegründet wird, um Entscheidungen nach muslimischem Religionsrecht zu treffen. Die internen Verfahrensweisen mögen sich unterscheiden, jedoch wirken sie nach außen hin in der gleichen (gerichtlichen) Funktion. Hauptsächlich geht es bei diesen Gerichten um rein religiöse Fragen.
Allerdings handelt es sich in keinem Fall um formale Gerichte, stehen also nicht über dem nationalen Recht!

Auch hier gibt es keine offiziellen Zahlen, wieviele tatsächlich existieren, da diese nicht offiziell registriert werden müssen. Forschungen der University of Reading gehen zumindest von 30 Haupträten aus, räumen aber ein, dass es auch kleinere, lokale Scharia-Räte gibt.
Aktuellere Zahlen gehen von 30 – 85 Scharia-Gerichten aus. Bereits 2009 wurde von 85 Scharia-Gerichten ausgegangen, allerdings wurden dazu auch Online-Foren gezählt.

Eine definitive Zahl existiert also überhaupt gar nicht, sondern reine Schätzungen. Die angegeben Zahlen im Sharepic tauchen jedoch in keiner Schätzung auf und sind zu hoch gegriffen.

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Die No-Go Bezirke

Sogenannte „No-Go Bezirke“ sollen in Großbritannien Bezirke sein, in denen die Polizei nicht mehr wirkt und das Scharia-Recht alleine gilt, nur Muslime sollen dorthin Zutritt haben.

Bereits 2011 wurde immer wieder von diesen No-Go Bezirken in London alleine geschrieben. Ein Autor der Seite „Bellingcat“ untersuchte 2018 daraufhin vor Ort die Behauptungen. Herausfinden konnte er zusammenfassend, dass sämtliche Karten der No-Go Bezirke von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Quellen stammen, er aber in London nirgendwo eine tatsächliche No-Go Zone feststellen konnte. Im Gegenteil werden die meisten Bezirke davon sogar nur von einer muslimischen Minderheit bewohnt, zumeist leben Christen dort.

Auch von Birmingham wird gerne behauptet, es habe No-Go Bezirke, woraufhin ein Bewohner auf „Quora“ ausführlich mit Fotos und Adressen der angeblichen für Nicht-Muslime verpönten Bezirke schildert, dass dies alles andere als No-Go Bereiche seien!

Diese Gerüchte werden immer wieder von rechte Seite gestreut, so dass 2018 ein Drittel aller Briten glaubte, es gäbe tatsächlich solche Bezirke.
2015 heizte Donald Trump den Mythos noch an, indem er behauptete, London habe viele No-Go Areas, woraufhin der damalige Bürgermeister Londons, Boris Johnson, konterte, dass ganz New York eine No-Go Area wäre, da man dort Donald Trump treffen könnte.

Auch einige Reporter machten sich immer mal auf die Suche nach diesen Bezirken, nur um wieder mit leeren Händen zurückzukehren:
Wo immer auch behauptet wurde, dass es eine No-Go Zone in England oder Frankreich gäbe, wurde zwar manchmal ein größerer Teil an muslimischen Bewohnern ermittelt, ansonsten waren dies jedoch allesamt normale Städte und Stadtteile.

Das Gerücht über No-Go Bezirke in England ist somit als falsch einzustufen.

Die Arbeitslosigkeit unter Muslime

Im Jahr 2015 waren 16 Prozent der muslimischen Frauen und 11 Prozent der muslimischen Männer als arbeitslos gemeldet.
Als erwerbslos wurden 58 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer gelistet, diese hatten also keine Arbeit und suchten auch keine Beschäftigung. Darunter befinden sich allerdings auch Schüler, Studenten und Rentner.

Insgesamt liegen die Quoten also über dem Gesamtschnitt der Arbeitslosigkeit von 5-6 Prozent im gleichen Zeitraum, was auch darauf zurückzuführen ist, dass muslimische Frauen eher arbeits- und erwerbslos sind, muslimische Männer zwar in geringerem Maße, aber weniger als Frauen, arbeits- oder erwerbslos werden.

Die behauptete Zahl von 78 Prozent ist somit viel zu hoch gegriffen.

Die Anzahl der Kinder in muslimischen Familien

Die letzte Volkszählung in Großbritannien fand im Jahr 2011 statt. Dort konnte ermittelt werden, dass der durchschnittliche Haushalt 1.8 Kinder hat, der durchschnittliche muslimische Haushalt 2.3 Kinder.

Die behauptete Zahl von 6-8 Kindern pro Haushalt ist somit viel zu hoch gegriffen.

Halal-Fleisch in den Schulen

In Großbritannien gibt es Essensstandards, die jede Schule einzuhalten hat. Neben den Punkten, immer eine bestimmte Menge an Gemüse, Obst und Fleisch anzubieten, gibt es jedoch keine Anweisung, die besagt, dass Halal-Fleisch angeboten werden muss.

Bereits 2010 jedoch wurden Grundschulen in der Region London von der Cateringfirma Harrison Catering Services die Möglichkeit offeriert, nur Halal-Fleisch, neben vegetarischem Essen und Fisch, anzubieten. Das Angebot wurde auch von einigen Schulen angenommen, Beschwerden gab es auch damals nicht darüber.

Die Behauptung, dass alle Schulen in England nur noch Halal-Fleisch haben, ist falsch!
Überhaupt ist die Essensversorgung der Schulen in England an bestimmte Lebensmittel gebunden, die Finanzierung liegt jedoch bei den Schulen selbst, so dass bestimmte Optionen, wie eben Halal-Fleisch, freiwillig ist. Jedoch gehört Halal-Fleisch nicht zu den Lebensmitteln, die angeboten werden müssen.

Die Anzahl der Muslime in Großbritannien

Gemäß der neuesten Statistiken von 2018 leben 3,4 Millionen Muslime in Großbritannien, die Gesamtbevölkerung beträgt 65,3 Millionen.

Auch hier wurde bei der Zahl von 4 Millionen Muslime zu hoch gegriffen.

Fazit

Gesamt kann man sagen, dass sämtliche Behauptungen und Zahlen in dem Sharepic entweder irreführend oder falsch sind!


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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
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