Gott mit Gendersternchen? Vorstoß kein Fake.

Andre Wolf, 28. Oktober 2021
Gott mit Gendersternchen? Vorstoß kein Fake.
Gott mit Gendersternchen? Vorstoß kein Fake.

Gott mit Gendersternchen – oder auch: Ist hier die Größe der Baustelle überhaupt absehbar, die damit gegraben wurde?

Natürlich ist es auch ein Aufregerthema. Für viele Menschen eine Provokation. Vielleicht sogar eine bewusste Provokation? Zumindest taucht das Thema in vielen Medien auf und verschafft sich somit einen Platz in den Gesprächen: Ein katholischer Verband will Gott mit Gendersternchen schreiben.

Dementsprechend brauchen wir auch nicht darüber diskutieren, ob es sich um einen Fake handelt. Eine Menge seriöser Medien gehen auf dieses Thema ein und zitieren zumeist eine Presseaussendung der dpa. Also egal, ob in der ZEIT, der Rheinischen Post oder den Stuttgarter Nachrichten, alle beziehen sich auf diese Pressemitteilung.

Darin wird berichtet, dass ein katholischer Verband (genauer gesagt die Katholische junge Gemeinde KJG) möglicherweise in Zukunft Gott mit Gendersternchen schreiben will. Das sähe dann so aus „Gott*“. Eventuell kann auch die Schreibweise „Gott+“ auftauchen, aber das stünde noch nicht fest. Die Bundesleiterin der KJG wird in diesem Fall zitiert:

„Wir haben noch keine Beschlusslage dazu, aber wir wollen auf jeden Fall etwas ändern“

Kurzer Check

Bei der KjG handelt es sich um den zweitgrößten katholischen Jugendverband in Deutschland. Sie ist ein Mitglied im Dachverband Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Es wäre also an dieser Stelle falsch zu sagen „die Kirche“ wolle den Begriff Gott gendern.

Die Idee ist also, das an vielen Stellen sehr männlich geprägte Gottesbild in eine Vielfalt zu setzen. Aber diese Entscheidung fällt erst im Frühjahr 2022 und dürfte dann auch lediglich für den eigenen Verband eine Gültigkeit haben. Also weder generell für die römisch-katholische Kirche in Deutschland, noch für andere Konfessionen.

Die Idee ist jedoch nicht neu. Es gab in der jüngeren Vergangenheit bereits Vorstöße zur Idee des gegenderten Gottesbegriffs. Die Website Domradio.de schrieb hierzu bereits im Dezember 2020:

Neben einigen evangelischen Kirchengemeinden hatte im Herbst die Katholische Studierende Jugend (KSJ) eine Kampagne für ein anderes Gottesbild gestartet: „weg von dem strafenden, alten, weißen Mann mit Bart hin zu einer Gottes*vielfalt“. Mit dem Genderstern solle Gott aus der geschlechtlichen Ebene herausgehoben werden.

Diese Idee wurde als „Peinlich“ und „Gender-Gaga“ von CSU-Geschäftsführer Stefan Müller kommentiert. Laut Schweizer Rundfunk gab es überdies hinaus sogar 2018 schon in den USA die Idee, dem Begriff Gott eine gendergerechte Sprache zu verleihen (siehe hier).

2017 gab es bereits eine mittelgroße Medienberichterstattung darüber, dass die schwedische Kirche den Begriff Gott zu einem grammatikalischen Neutrum umformen wolle. In einem Faktencheck darüber haben wir seinerzeit beschrieben, dass es sich hierbei um eine nicht korrekte Wiedergabe in den Medien handelt (unser Faktencheck HIER).

Und auch schon vorher, am 3. November 2015, hat der Tagesspiegel einen Artikel veröffentlicht, in dem es um die Frage nach dem Geschlecht Gottes aus wissenschaftlicher Sicht ging. „Gott ist männlich und weiblich“ lautet der Titel. Darin findet eine Auseinandersetzung zwischen biblischer Theologie und dem modernen Geschlechterbild statt (hier).

Wir erkennen also: Die Idee, dem Begriff Gott ein Gendersternchen zu verleihen, ist nicht neu. Dennoch eignet sie sich augenscheinlich gut, um Reaktionen hervorzurufen. Vor allem in der medialen Berichterstattung. Wir können also davon ausgehen, dass auch in der Zukunft immer wieder Vorstöße auftauchen werden, dem Begriff Gott auf der Metaebene das Geschlecht zu entziehen.

Gott mit Gendersternchen: Die Baustelle, an der gegraben wird

Gott* oder Gott+. Sicherlich kann hier von der grammatikalischen Seite argumentiert werden. Vor allem konservative Religionsvertreter dürften die Idee von Grund auf ablehnen, da viele dieser Gruppen sich recht wörtlich an Bibeltexte halten. In der Bibel gibt es mehrere Begriffe für Gott. In unseren deutschen Übersetzungen kommt das nicht immer ganz so deutlich hervor, aber in den Originalsprachen gibt es verschiedene Bezeichnungen.

Im Alten Testament ist anfangs noch von Elohim die Rede. Speziell in der Schöpfungsgeschichte. Elohim (אֱלֹהִים) ist interessanterweise ein Plural, und zwar der Plural zu Eloah (אֱלֹהַּ). Aber das auch nur am Rande, denn hierzu gibt es auch mehrere Interpretationsmöglichkeiten.

Daneben finden wir in alttestamentarischen Schriften hauptsächlich das Kürzel JHWH (יהוה). Hierbei handelt es sich um den Eigennamen Gottes. Unter gläubigen Juden wurde dieser Eigenname nie ausgesprochen, sondern stattdessen der Begriff Adonai verwendet. Adonai bedeutet ganz einfach übersetzt „Herr“ oder „Herren“ (weil das Wort ein Plural ist) im Sinne einer Anrede. Also immer, wenn JHWH als geschrieben Variante auftaucht, wird Adonai gelesen.

Besonders deutlich wird dieser Unterschied zwischen geschrieben und gelesen (Ketib und Qere) im sogenannten Masoretischen Text. Das ist der Text, in dem die hebräischen Worte eine Punktation bekommen haben, welche die gesprochenen Vokale darstellen. Hier wurde in den Schriften der Eigenname JHWH mit der Punktation (also den Vokalen) von Adonai untermalt, sodass beim Lesen und Vorlesen des Begriffs deutlich wurde, dass an dieser Stelle der Eigenname Gottes durch den Begriff Adonai ersetzt wird.

All diese Begriffe sind soweit grammatikalisch maskulin. Auch in den neutestamentarischen Schriften haben wir ein Maskulinum vorliegen, θεός in der Septuaginta und Deus in der Vulgata. All diese Begriffe werden im Deutschen mit Gott oder Herr (vor allem in der Lutherversion) wiedergegeben. Grammatikalisch kann Gott+ oder Gott* also problematisch interpretiert werden.

Geht es überhaupt um das grammatikalische Geschlecht?

Doch geht es hier überhaupt um eine Grammatik oder ein „Gender-Gaga“? Die Idee dahinter, also das Gottesbild von der geschlechtlichen Ebene zu lösen, dürfte vielmehr eine ambitionierte Großbaustelle sein. Gerade die Bibel und vor allem die Interpretationen daraus haben sich immer wieder als stark patriarchalisch gezeigt. Das ist natürlich eine Aufgabe, die schon länger Thema in der feministischen Theologie ist.

Hinter der Symbolik eines Gendersternchens am Begriff Gott dürfte nicht einfach ein grammatikalischer Eingriff gemeint sein, sondern vielmehr eine formelle „rechtliche Gleichstellung“ von Menschen innerhalb der Kirche. Damit ist am Ende nicht nur die Gleichstellung von Frau und Mann gemeint, sondern überdies hinaus auch ein Blick in Richtung LGBTQ+ geworfen. Eine Baustelle, deren Größe und Dauer derzeit noch nicht abzusehen ist.

 

 


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