Der Typ, der Google Maps mit einem Handkarren voller Smartphones manipulieren wollte …

Andre Wolf, 5. Februar 2020
Google Maps Manipulation
Google Maps Manipulation

Viele Medien haben darüber berichtet, manche unkritisch schlagzeilenorientiert, andere skeptisch tiefergehen: Es geht um den Künstler, der nach eignen Angaben mit einem Bollerwagen voller Smartphones auf Google Maps einen Stau erzeugt haben wolle.

Das Wichtigste über den Handkarren und Google Maps in Kürze:

  • Künstler aus Berlin gibt vor, Google Maps mithilfe von 99 Smartphones in einem Handkarren manipuliert zu haben
  • Medien berichten teils unkritisch, Twitternutzer äußern Kritik
  • Faktencheck aufgrund Intransparenz nicht durchführbar, Ergebnis offen

Was nach Aussagen des Berliner Künstlers Simon Weckert geschehen ist: Er hat 99 Smartphones in einem Handkarren transportiert, um einen virtuellen Stau auf Google Maps zu erzeugen. Durch diese Aktivität sei es möglich gewesen, eine Straße mit grüner Verkehrslinie in eine rote Staustraße zu verwandeln.

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Weckert beschreibt sich auf Twitter selbst als „artist from Berlin with the focus in digital world – including everything related to code and electronics under the reflection on current social aspects.“ Mit dieser Aktion wollte er darauf hinweisen, dass die virtuellen Aktivitäten auf Google Maps anschließen sehr reale, teils negative Auswirkungen haben. Denn es geht nun um Navigationen und Routen, die sich auf Google Maps beziehen und aus Konsequenz auf diese Manipulation nun die Routen ändern.

Zu dieser Aktion gibt es ein Video, welches auf YouTube öffentlich zu sehen ist und die gesamte Aktion darstellt.

Gegenüber der FAZ erklärte Weckert, wie er auf die Idee dazu kam: Er habe auf einer Demo am 1. Mai bemerkt, dass Google Maps für Kreuzberg (wo die Demo war) einen Stau angezeigt hat, obwohl keine Fahrzeuge unterwegs waren, sondern nur Menschen.

Hier suchte er den Zusammenhang und kam auf die Idee, dass viele Smartphones, die sich langsam fortbewegen, dem Kartendienst einen Stau simulieren könnten. Diese Situation wollte er nun auf die Spitze treiben, indem er 99 Smartphones in einem Handkarren langsam die Straße entlangziehen wollte.

Seine Ergebnisse

Nach eigenen Angaben waren alle Smartphones aktiviert und hatten eine eingeschaltete GPS-Verbindung. Ebenso war Google Maps eingeschaltet und alle Geräte hatten dieselbe Adresse als Navigationsziel eingestellt.

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Weckert will damit zeigen, dass aufgrund seines manipulativen Verhaltens ein Stau auf seiner Route angezeigt wurde (was im Video jeweils eingeblendet ist). Daraus sollen nach seiner Erklärung Folgeerscheinungen seitens Google Maps auftauchen: Der Kartendienst würde beispielsweise regieren, und Fahrzeuge um die Stauzone herumleiten, auch über Wege, die nicht als Ausweichrouten geeignet wären.

Durchaus wichtiger Lernaspekt darin: Wir vertrauen (speziell) Google zu sehr. Im täglichen Leben geht man schlichtweg davon aus, dass die angezeigten Ergebnisse stimmen. Dieser Gedankengang ist durchaus zustimmenswert, da wir dasselbe Verhalten auch bei Suchergebnisssen bezüglich der normalen Suchmaschinensuche kennen.

Google als Marktführer hat schlichtweg eine große Macht, auf die man sich interessanterweise blind verlässt. Sei es bei den Suchergebnissen, oder eben bei der Routenplanung. Grundsätzlich darf man nicht vergessen, dass Google die Androidnutzer trackt und somit natürlich Daten aus dem Verhalten gezogen werden.

Kritiken am „Google Maps Hack“

Zunächst: Ein echter Hack war das natürlich nicht. Der Dienst wurde natürlich nicht im klassischen Sinne gehackt, sondern ein Manipulationsversuch mithilfe einer künstlich erzeugten Situation wurde unternommen, bzw. dargestellt.

Für einen Faktencheck an dieser Stelle problematisch sind die fehlenden Angaben zur Nachvollziehbarkeit der Situation. Es gibt keine Dokumentation (unabhängiger) Dritter. Es fehlen die Zeitangaben, um den, nach Angaben des Künstlers“ inszenierten Stau nachvollziehen zu können. Es wurde lediglich angegeben, dass die Aktion im Sommer 2019 stattgefunden habe und nun zum 15-jährigen Bestehen von Google Maps veröffentlicht wurde. Dadurch bleiben viele Fragen offen, die auch in Form von Kommentaren unter seinem Twett zu finden sind.

Einige Nutzer merken an, dass sie bereits die Smartphones für einen Fake halten (vergleiche). Die Displays würden unrealistisch gleich wirken und auch alle dieselbe Position aufweisen, was in der Realität häufig nicht der Fall sei. Verschiedene Telefone würden gerne auch mal unterschiedlich in der Genauigkeit sein.

Ebenso sieht ein Artikel von Marcel Weiss auf Neunetz.com die Aktion kritisch. Der Autor fragt sich, ob Google Maps nicht hätte bemerken müssen, dass da etwas nicht stimmt:

Nur bereits leere Straßen lassen sich dann erfolgreich auf Google Maps in Staus verwandeln. Weil befahrene Straßen gegensätzliche Daten an Google Maps zurückschicken. Da langsame Geschwindigkeit verschiedene Gründe haben kann, schnellere Geschwindigkeit aber eindeutig „kein Stau“ für die Plattform impliziert, dürften die schneller fahrenden Autos mit Google Maps an Bord immer schwerer wiegen als die langsamen.

In seinem Artikel deutet Weiss auch auf die Rolle der Medien, die gutgläubig und unkritisch den Versuch veröffentlichen. In seinen Augen dürfte das Narrativ der Aktion den Vorstellungen der Medien entsprechen und somit zu wenig hinterfragt werden.

Die Webseite Watson.ch hat sich ebenfalls kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt und Google um eine Stellungnahme gebeten. Google hat zunächst mit einer recht allgemeinen Aussage geantwortet, wurde später etwas spezifischer, gibt jedoch keine klare Antwort:

«Google ist bestrebt, möglichst umfassende, genaue und benutzerfreundliche Karten bereitzustellen. Verkehrsinformationen stammen aus verschiedenen Quellen, darunter aggregierte und anonymisierte Daten von Personen, die Standortdienste aktiviert haben, und Beiträgen von der Google-Maps-Community. Verkehrsdaten werden kontinuierlich aktualisiert und wir veröffentlichen Ergebnisse nur, wenn wir ein hohes Mass an Vertrauen in ihre Richtigkeit haben.»
Matthias Meyer, Google Schweiz

[…]

«Ob mit dem Auto, mit dem Karren oder mit dem Kamel, wir freuen uns über die kreative Verwendung von Google Maps, da wir dadurch die Funktionsweise von Karten im Laufe der Zeit verbessern können.»

Max Hoppenstedt von der Südddeutschen Zeitung hat den Mobilitätsforscher Ilja Radusch vom Fraunhofer-Institut dazu befragt. Dieser hält es zwar für möglich, dass sich die Verkehrsanzeige von Google Maps von 99 Smartphones beeinflussen lasse, nennt aber direkt auch den dahinter stehenden Algorithmus für undurchsichtig („Zauberei und Voodoo für Außenstehende“). Auch Hoppenstedt bringt das Problem der fehlenden Transparenz dieses Versuchs auf den Punkt:

Ob es Weckert nun gelungen ist, die Stauanzeige zu manipulieren, wie er in seinem Video behauptet, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit prüfen.

Faktencheck: Ungewiss!

Ohne transparente Angaben ist es natürlich nicht möglich, zu einem Ergebnis zu kommen. Wie bereits gesagt, fehlt eine Dokumentation unabhängiger Dritter, Darstellungen der Vorbereitungen, Überwachung der Ergebnisse und Zeitangaben, um die Situation Rekonstruieren zu können. Das Video und die Aussagen des Künstlers reichen hier weder für eine Verifikation, noch für eine Falsifikation.

Wo wir jedoch mit allen anderen berichterstattenden Medien übereinstimmen, ist die Marktmacht von Google und das häufig uneingeschränkte Vertrauen der Nutzer in den Konzern.

Das bedeutet: Man kann durch Google von innen und außen manipuliert werden (auch Amnesty kritisierte bereits u.a. Google). Google selbst hat die Macht, den Nutzern Ergebnisse nach einer bestimmten Beliebigkeit zu präsentieren, gleichzeitig kann es aber auch möglich sein, Google selbst geschickt zu manipulieren, so dass Ergebnisse nicht korrekt dargestellt werden. Letzteres zumindest soll die Handkarren-Aktion zeigen.

Und ganz davon abgesehen: Der Künstler Simon Weckert dürfte ein iPhone nutzen. Zumindest was seine Aktivitäten auf Twitter angeht. Das ist mal Fakt:

Google Maps Tweet
Google Maps Tweet

 


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
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