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Gletscher-Wachstum in Grönland?

Claudia Spiess, 31. Januar 2020
Gletscher-Wachstum in Grönland?

Durch einen Zustrom von kaltem Wasser gewann der Jakobshavn-Gletscher ein wenig Masse. Laut Forschern ist dies jedoch nur ein temporärer Zustand.

Gletscher-Wachstum in Grönland? – Das Wichtigste zu Beginn:

  • Aktuell wächst der Jakobshavn, der größte Gletscher der Insel
  • Mehrere Forscher-Teams an Analyse komplexer Zusammenhänge beteiligt
  • Insgesamt verliert das grönländische Eisschild weiterhin große Mengen an Eis
  • Man muss langfristige und kurzfristige Phänomene unterscheiden: Gletscherwachstum: kurzfristig; Gletscherschmelze: langfristig

Weitläufig gilt die Annahme, wenn ein Gletscher erstmal geschmolzen ist, kommt er nicht wieder. In der gesamten Arktis schrumpfen durch die globale Erwärmung die Gletscher. Oder etwa doch nicht? Gar so einfach ist das nicht.

Jakobshavn-Gletscher wächst

Das Oceans Melting Greenland (OMG) Projekt der NASA zeigte erst kürzlich, dass der Jakobshavn-Gletscher zumindest am Rand wieder wächst. In einer Studie in „Nature Geoscience“ berichten die Forscher, dass das Eis seit 2016 wieder an Masse zugenommen habe. Grund dafür ist vergleichsweise kälteres Wasser, das den Schmelzprozess verlangsamt hat. Dadurch wurde die Gletscherschmelze, wie es scheint, umgekehrt. Aber auch, wenn Jakobshavn, der größte der Insel, wächst, verliert der Grönländische Eisschild nach wie vor große Mengen an Eis.

Schrumpfen und Wachsen der Gletscher schwierig vorherzusehen

Kurz hegt man beim Lesen dieser Nachricht Hoffnung, doch NASA-Wissenschaftler klären auf, dass der Klimawandel eben kein geradliniger Prozess sei.

Josh Willis, Ozeanograf vom Jet Propulsion Laboratory der NASA und leitender Wissenschaftler des OMG-Projekts: „Früher dachte man, wenn die Gletscher erstmal zu schrumpfen beginnen, kann sie nichts mehr aufhalten. Wir haben herausgefunden, dass das nicht stimmt.“

Auch andere arktische Gletscher könnten ähnlich wachsen. In einer Welt, die sich permanent weiter erwärmt, sind derartige Vorkommnisse ein Zeichen dafür, dass das saisonale Schrumpfen und auch Wachsen der Gletscher komplizierter und dadurch schwieriger vorherzusehen ist als bisher angenommen, so Willis weiter.

Nicht nur die wärmere Luft spielt eine Rolle. „Auch das Wasser erwärmt sich“, so Willis. „Die Meere spielen für das Schmelzen des grönländischen Eises eine wichtige Rolle. Mehr als 90 Prozent der Wärme, die durch die Treibhausgase zurückgehalten wird, heizt die Meere auf. Wir wissen also, dass diese Abkühlung auf lange Sicht vorübergehen wird. Wenn das geschieht, wird der Gletscher noch schneller als zuvor schrumpfen.“

Ala Khazendar, ein Glaziologe des OMG-Projekts und Hauptautor der Studie, sagt dazu: „Das alles deutet darauf hin, wie empfindlich Gletscher auf steigende Meerestemperaturen reagieren.“

Warum wächst der Jakobshavn-Gletscher zur Zeit?

Unterhalb des Gletschers mischt sich Süß- und Salzwasser. Dadurch wird das Abschmelzen beschleunigt, wodurch es häufiger zu sogenannten Kalbungen – das Abbrechen größerer Eismassen – bei Gletschern kommt, die im Meer oder Binnengewässern enden. Aktuell wächst Jakobshavn durch einen Zufluss von ungewöhnlich kaltem Wasser aus dem Nordatlantik. Die Temperaturen sind hier in einer Tiefe von 250 Metern seit 2014 um zwei Grad Celsius gesunken. Dadurch konnte das Abschmelzen des Gletschers verlangsamt werden, und es konnte sogar ein wenig Eis dazuwachsen. Der Zufluss des kalten Wassers entsteht durch den natürlichen Zyklus, der im Atlantik stattfindet. Hier wechseln sich kälteres und wärmeres Wasser etwa alle 20 Jahre ab. Derzeit gelangt also kühleres Wasser an die Westküste Grönlands, doch auch irgendwann wird sich dies wieder umkehren.

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Ganzheitlich betrachtet schreitet die Gletscherschmelze also weiterhin voran, was auch das Schrumpfen des Eisschildes mit sich bringt und somit zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt.

Einfluss des Meeres bisher unterschätzt?

Jakobshavn und andere Gletscher reichen bis auf das Meer hinaus. Die Wassertemperatur hat somit direkten Einfluss auf Größe und Bewegungen der Gletscher. Womöglich kann das bedeuten, dass sie insgesamt langsamer schrumpfen als gedacht. Laut Willis hatten Experten bisher angenommen, dass die Gletscherschmelze größtenteils vom Meeresboden gesteuert wird. Das Eis verkeilt sich an unterirdischen Erhebungen, was die Gletscher daran hindert, sich zu bewegen.

„Das Überraschende ist aber das Meer. Es hat den Rückgang dieses Gletschers im Grunde umgedreht. Wir hätten nicht gedacht, dass das Meer dabei so eine wichtige Rolle spielen könnte. Wir haben herausgefunden, dass man auch darauf achten muss, was das Meer treibt“, so Willis.

Beachtet man, dass die globale Erwärmung noch weiter fortschreiten wird, sieht die Zukunft des Gletschers trotz aktuellen Wachstums schlecht aus. Der Eisverlust wird in den Warmphasen größer sein als ein Wachstum in Kaltphasen. Allein zwischen 2000 und 2010 verlor der Jakobshavn-Gletscher mehr Stücke aus festem Eis als jeder andere Bereich des grönländischen Eisschilds. Das entspricht einer Menge, die den Meeresspiegel global von fast einem Millimeter anhebt. Würde die Insel komplett abschmelzen, würde das einen Meeresspiegelanstieg um siebeneinhalb Meter bedeuten.

Überwachung des saisonalen Wachsens und Schrumpfens

2016 startete OMG damit, das saisonale Wachsen und Schrumpfen des Eises zu beobachten, um mit diesen Daten den Anstieg des Meeresspiegels besser vorhersagen zu können. Nun wollen die Forscher die Hypothese von Willis prüfen. Großteils beschränkt sich die Klimaforschung auf Luft und Atmosphäre. OMG hingegen erforscht direkt das Wasser und die Gletscher. So will das Team vom OMG nun die Eisdecke mit Hilfe von Radar Scans vermessen. Mit dieser Technik kann diese bis auf einen Meter genau erfasst werden.

Die NASA-Mission GRACE-FO zeichnet Bewegungen irdischer Wassermassen auf. Sie wird im Laufe des Jahres zeigen, wieviel Masse Grönland in den letzten zwei Jahren verloren hat.

Josh Willis dazu: „Das kann uns dabei helfen zu erfahren, ob dieser Effekt noch weiter verbreitet ist und das Massengleichgewicht positiv beeinflussen könnte. […] Wir wissen nicht, wie wir die Ergebnisse vom Jakobshavn im grönländischen Gesamtkontext einordnen sollen, bis wir diese zusätzlichen Daten haben.“

David Holland, Professor der New York University hat zwölf Jahre lang die Interaktionen zwischen dem Jakobshavn-Gletscher und dem Meer erforscht. Er vermutet ebenfalls, dass diese Wechselwirkung von der Arktis bis zur Antarktis weit verbreitet sein könnte und stimmt somit den Überlegungen Willis´ zu.

„Im Sommer kann man sehen, wie der Jakobshavn wächst, anstatt zu schrumpfen“, so Holland. „Ich denke, die Frage ist eher: Warum tut der Gletscher, was er tut? Meiner Meinung nach ist das Meer der dominante Faktor, der das kontrolliert.“

Unterschiedliche Ansichten und Meinungen

Martin Truffer von der University of Alaska misst Gletscherbewegungen mit Hilfe von Bodenradarscans. Ihn hat die Beobachtung Hollands ein wenig überrascht. Truffer ist der Meinung, dass die Erwärmung der Luft zum Gletscherwachstum beiträgt.

„Dabei ist wichtig zu wissen, dass diese Gletscher viel schneller auf kurzfristige Temperaturveränderungen reagieren können. Wir dachten früher, dass solche Eisschilde nur sehr langsam reagieren. Aber das hier zeigt, dass Gletscher sehr schnell auf das Klima reagieren können“, erzählt er. „Es bleibt abzuwarten, ob sich das ausbreitet oder nicht“, so Truffer.

Truffer sieht die Ausbreitung dieses Effekts auch abhängig von den Wassertemperaturen, die allerdings laut Willis erst im Laufe der nächsten Monate von der Mission GRACE zu Verfügung stehen werden.

„Die Temperatur der Luft ist dabei vermutlich wichtig, ebenso wie eventueller Schneefall“, ergänzt Willis. „Wärmere Luft wird zu stärkerem Abschmelzen und mehr Eisverlust führen. Kältere Luft könnte einen geringeren Eisverlust zur Folge haben. Aber wir wissen, dass das, was wir gesehen haben, vom Meer verursacht wurde, da die Verzögerung [des Abschmelzens] und der Eiszuwachs sich dort konzentrieren, wo das Eis auf Wasser trifft. Der Zuwachs wird immer geringer, je weiter man landeinwärts kommt.“

Komplexe Interaktionen und Zusammenhänge

Wie man sieht, müssen hier einige Erkenntnisse zusammengetragen werden, um eine klarere Aussage zu erhalten. Die Interaktionen zwischen Gletscher, Wassertemperatur und Luftverhältnissen sind augenscheinlich sehr komplex. Außerdem zeigen Forschungen, dass der Niederschlag in Grönland von 1979 bis 2012 zugenommen hat und ebenfalls zu plötzlichen Schmelzphasen führte. Auch gibt es Belege, die zeigen, dass die wärmeren Temperaturen die Schneegrenze auf der Insel beeinflusst haben. Das Eis hatte somit direkten Kontakt zur Luft und schmolz.
Willis zufolge schließen sich die Erkenntnisse und die Ergebnisse seiner jüngsten Studie nicht gegenseitig aus. Auch, wenn die Daten hier zeigen, dass der Jakobshavn-Gletscher gewachsen ist, lässt sich trotzdem nicht genau sagen, wie viel und warum. Laut Willis gibt es eine ganze Reihe an möglichen Erklärungen.

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Weitgreifende Folgen

In der Antarktis sind aktuell zehn Prozent der Küstengletscher im Rückgang. Das Meer erwärmte sich zwischen 1991 und 2016 pro Jahr durchschnittlich um 60 Prozent stärker als vom Weltklimarat prognostiziert.

Die Konsequenzen daraus spürt man deutlich, angefangen bei der Rohstoffgewinnung, bei Schifffahrtswegen über die Fischerei bis hin zu Überlegungen und Gebietsansprüchen von Russland bis nach China.

Würden Gletscher wie der Jakobshavn weniger Eis verlieren, könnten weniger gefährliche Eisberge nach Süden in den Atlantik treiben, wo sie immer wieder Schifffahrtsrouten kreuzen. Es könnte auch bedeuten, dass durch Kalbungen unter Wasser mehr Eisschollen entstehen. Allein vom Jakobshavn-Gletscher brechen jährlich etwa 20 Milliarden Tonnen Eis ab und treiben auf das Meer hinaus. 2017 trieben mehr als 1000 Eisberge unterhalb des 48. Breitengrades über das Meer, wo sie eine enorme Gefahr für die Schifffahrt darstellen.

Quelle: National Geographic
Artikelbild: Shutterstock / Mathias Berlin


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