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Die gefährliche Facebook-Übersetzung

Ralf Nowotny, 30. August 2018

Die Funktion auf Facebook, sich fremdsprachige Beiträge automatisch übersetzen zu lassen, mag praktisch sein. Allerdings sind diese Übersetzungen nicht perfekt, in einem besonderen Fall sogar gefährlich irreführend.

Besondere Aufmerksamkeit erregt ein Beitrag auf Facebook, der von einem der jungen Männer, die Daniel H. in Chemnitz erstochen haben, stammen soll.

Screenshot Facebook
Screenshot Facebook

Die Facebook-Übersetzung des in arabisch geschriebenen Beitrags lautet

„Ich werde euch töten, meine Freunde.“

Viele Nutzer sehen darin eine Vorankündigung für den Mord an Daniel H. Da macht es allerdings stutzig, dass die Kommentare darunter oftmals mit Herz-Smileys ergänzt sind. Sind das etwa alles Sympathisanten eines angekündigten Mordes?

Es wird aber noch seltsamer: Stellt man nämlich die Facebook-Übersetzung auf Englisch um, bekommt man folgende Übersetzung:

„I miss my friends (deutsch: Ich vermisse meine Freunde)“

Was ist denn nun die richtige Übersetzung?

Ganz offensichtlich gibt es bei Facebook ein Problem bei den Übersetzungen aus dem Arabischen. Da von uns auch keiner der Sprache mächtig ist, holten wir uns Hilfe von zahlreichen Freunden und Bekannten, denen wir an dieser Stelle danken wollen!

Hier auszugsweise einige der Antworten:

Screenshot mimikama.at
Screenshot mimikama.at

Einhellig wurde uns gesagt, dass es in einem syrischen Dialekt geschrieben wurde und „Ich vermisse euch, meine Freunde“ heißt.

Ergänzend bekamen wir noch folgende Erklärung:

Screenshot mimikama.at
Screenshot mimikama.at

Vergleichen wir jetzt noch einmal die geschriebenen Worte miteinander:

Screenshot mimikama.at
Screenshot mimikama.at

Wie ihr erkennen könnt, haben die geschriebenen Worte eine gewisse Ähnlichkeit, bedeuten aber absolut nicht dasselbe.

Auch was die Aussprache der Worte angeht, gibt es eine phonetische Ähnlichkeit, wie uns ein Nutzer mitteilte. So sagte er uns:

„Es sind halt auch unterschiedliche Zeiten. „Ich vermisse euch“ ist Präsens, er schreibt im syrischen Dialekt. Hocharabisch würde man noch ein „a“ anhängen. Und beim „Ich töte euch“ oder „Ich werde euch töten“ wäre das Futur und dann hängt man ein „sa“ dran.“

Bei der Aussprache merkt man als jemand, der nicht arabisch spricht, dass sich nur der letzte Part ähnelt: „lkum“.

Ein Nutzer war so freundlich, uns noch ein wenig zu helfen, was die phonetische Aussprache angeht, da wir vorher im Artikel von der Endung „abdulkum“ schrieben.

„Der letzte Part ist eigentlich „lkum“ ohne abdu
sa-aqtu-lkum = ich werde euch töten
Ischtaqt-lkum= ich vermisse euch
Nur das lkum ähnelt sich“

 

„Zudem gibt es noch den deutlichen Unterschied, dass bei „vermissen“ phonetisch ein „schin“, also mit „sch“ ausgesprochen wird, während bei „töten“ ein „s“ zu hören ist. Man kann es also nicht wirklich falsch verstehen, wenn es ausgesprochen wird, selbst wenn man es wollen würde.“

Woher kommt der Übersetzungsfehler?

Dazu gibt es drei Möglichkeiten, wobei die zweite Möglichkeit erschreckend ist.

  1. Facebook nutzte eine Sprachsoftware, die die Wörter ausspricht und sie dann übersetzt. Jene wäre dann aber sehr fehlerhaft, da, wie oben erwähnt, die Aussprache der beiden Begriffe deutlich unterscheidbar ist.
  2. Wenn eine Übersetzung falsch ist, können Nutzer eine bessere Übersetzung vorschlagen. Wenn viele Nutzer eine andere Übersetzung vorschlagen, wird diese von Facebook umgesetzt.

Es ist also durchaus im Bereich des Möglichen, dass sich eine Vielzahl von Nutzern bei Facebook meldeten, um diese Übersetzung vorzuschlagen!
Dies würde auch erklären, warum die Übersetzung ins Englische korrekt ist, während die Übersetzung ins Deutsche vollkommen falsch ist.

Damit hätten wir dann auf Facebook eine neue Form des Hasses erreicht: arabische Texte mit Absicht und koordiniert falsch übersetzen lassen!

Es gibt aber noch die dritte Möglichkeit!

Eventuell nutzt Facebook den Google-Translator als Basis für die Übersetzungen. Jener übersetzt die Worte auch fälschlicherweise mit „töten“, erkennt aber anscheinend zumindest, dass ein Dialekt verwendet wurde und schlägt eine fast korrekte Alternativübersetzung vor.

Screenshot mimikama.at
Screenshot mimikama.at

Nun muss Facebook handeln!

Sollte die oben genannte zweite Möglichkeit der Wahrheit entsprechen, sollte Facebook nun schleunigst Maßnahmen ergreifen. Es kann nicht sein, dass nicht überprüft wird, dass eine Übersetzung, welche augenscheinlich von Facebook bewilligt wurde, nicht noch zusätzlich mit Übersetzungen in andere Sprachen verglichen wird!
Dem Mißbrauch der Funktion, andere Übersetzungen vorzuschlagen, sind somit Tür und Tor geöffnet. Somit könnten unschuldigen, arabischsprechenden Facebook-Nutzern Worte in den Mund gelegt werden, die dann wiederrum beispielsweise als Aufforderung zum Mord o.ä. in der Übersetzung verstanden werden.

Liegt der Fehler jedoch bei der dritten oder ersten Möglichkeit, so ist Facebook dringend ersucht, an der Übersetzungsfunktion zu arbeiten, da gerade diese Feinheiten in der arabischen Sprache zu fatalen Übersetzungsfehlern führen können, wie das vorliegende Beispiel zeigt.

Wir raten jedenfalls dazu, künftig vorsichtig zu sein, was die Übersetzungen des Facebook-Translators angeht. Nötigenfalls macht euch die Mühe, stellt Facebook kurzfristig auf eine andere Sprache um, und lasst es euch nochmal übersetzen, oder fragt lieber jemanden, der der Sprache mächtig ist.


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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