Faktencheck

Fridays for Future anno 1946? Eine Spurensuche

Kaum ein Symbolbild transportiert besser die Verachtung, welche den jungen Menschen von der Fridays for Future-Bewegung von ihren Gegner:innen entgegengebracht wird. Der Vorwurf: Die Nachkriegsjugend hat schwer geschuftet, die heute Jungen haben nie etwas Eigenes geleistet. Jede wichtige und notwendige Kritik soll damit bereits im Keim erstickt werden. Aber was steckt wirklich hinter der Aufnahme und den nachbearbeiteten Sharepics?

Walter Feichtinger, 25. August 2022

Wie ist das Foto zustande gekommen? Also meine Großeltern, die Großeltern meiner Kinder und jetzt ich als Großmutter mussten keine Ziegel schleppen.

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Die älteste Version der Bildmontage konnten wir auf der Privatseite eines Kreistagsmitglieds einer neurechten Zwergpartei finden – bereits mit dem Text „Fridays for Future 1946“. Sie wurde dort im Mai 2020 veröffentlicht. Ab dem folgenden Sommer wirkten zumindest eine Memesite und drei politische Facebookpages aus dem rechten Spektrum [hier, hier und hier] als Multiplikatoren. Etwa ein Jahr später sprang dann auch noch die AfD auf den Zug auf, um nochmals die Sau durchs Dorf zu treiben. In späteren Version wurde dem Bild der Begleittext „An alle Kids die nicht wissen wo Euer Wohlstand herkommt. Das sind eure Großeltern!“ (sic) vorangestellt.

Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends.

Otto von Bismarck zugeschriebenes Zitat

Eine Enkelgeneration aus verkommenen Kunstgeschichte-Studierenden? Eine neurechte Partei aus Bonn sieht es wohl so und verwendet das Bild in einer Aussendung mit dem Begleittext: „Ganz ohne Megaphone und große Sprüche: So packten ‚Fridays for Future‘ 1946 an.“ Trotz Kritik legt der Fraktionsvorsitzende noch einmal nach: „Der Jugend von 1946 mit dem Wissen von heute vorzuwerfen, sie und ihre Kinder hätten unbekümmert Raubbau am Planeten betrieben, während man selbst mit Smartphone, Notebook usw. ausgestattet, die Segnungen der Überflussgesellschaft – inklusive jährlichen Urlaub – in vollem Maße nutzt, ist ein fragwürdiges Verhalten.“

Die Bonner Fridays for Future-Mitglieder sind zu Recht schockiert: „Solch ein Vergleich ist völlig fehl am Platz und macht die Zerstörung, die der Krieg damals gebracht hat, lächerlich. Zudem degradiert der Bilduntertitel politischen Protest an sich, der ein wichtiger und elementarer Grundstein unserer Demokratie ist.“ Die gesamte Geschichte lässt sich auf der Seite des Pressenetzwerkes für Jugendthemen nachlesen. Aber nicht nur der Inhalt des kommentierten Sharepics ist zu hinterfragen, sondern auch, wie hier mit einem Foto umgegangen wurde, das selbstverständlich dem Urheberrecht unterliegt.

Fotograf Walter Schulze und Kontext der Aufnahme

In der Bilder Rückwärtssuche taucht neben vielen missbräuchlichen Verwendungen auch der Rechteinhaber der Originalaufnahmen auf: das Stadtmuseum Berlin. Mimikama stellt Kontakt her und erfährt während der Korrespondenz viele Details. Das Bild stammt wirklich aus dem Jahre 1946 und wurde von Berliner Fotografen Walter Schulze aufgenommen. Unter dem Namen: „Nachkriegsalltag/Kinder tragen Steine aus einem Trümmerberg zusammen“ ist es als der Teil der Fotosammlung auf der Website öffentlich zugänglich.

Das Originalfoto von Walter Schulze, Berlin 1946. Rechte: Stadtmuseum Berlin

Leider ist über den Nachkriegsfotografen Walter Schulze nur wenig bekannt. Er wurde am 14. August 1910 in Caputh bei Berlin geboren und kam wahrscheinlich als Kriegsheimkehrer in die zerstörte Hauptstadt zurück. Seine ersten bekannten Aufnahmen lassen sich auf 1945/46 datieren. In Berlin-Kreuzberg gründete er die PIA-Foto, eine Firma für Presse-, Industrie- und Atelierfotografie. Er arbeitete als freier Mitarbeiter für die Berliner Tageszeitungen Telegraph und nacht-depesche.

Als Pressefotograf war Walter Schulze wenig um dokumentarische Distanz bemüht. „Schulze hat Bilder für die Presse produziert, die nicht vorrangig Elend abbildeten. Sie informieren über den Alltag der Zeit und sie zeigen ihn mit einem gewissen Optimismus, der den Menschen damals auch ein Stück Mut in dieser schweren Zeit machen wollte“, so Ines Hahn, die Leiterin der Fotografischen Sammlung

„In der Nachkriegszeit sind – im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten – Filmmaterial und Fotopapier sehr teuer. Walter Schulze ist gezwungen, mit seinem Filmmaterial sparsam umzugehen. In den meisten Situationen kann er nur eine Aufnahme machen. Die formale Gestaltung seiner Fotografien scheint ihm dabei weniger wichtig zu sein. Auch wenn er genügend Zeit für eine Aufnahme hat, fotografiert er spontan, ohne auf Fluchtlinien oder Ähnliches zu achten. Gerade das aber verleiht seinen Fotos besondere Authentizität.“

Bodo Niemann in „Heimkehr ins Leben“

Im Bestand des Stadtmuseums Berlin befinden sich 28 Negativ-Filme von Schulze im Kleinbild-Format, leider ohne Kontextinformationen. „Wir können also nur die Bilder selbst und unser Wissen um die Nachkriegszeit für die Interpretation nutzen“, erläutert Ines Hahn. Das Bild von Kindern, die Ziegelsteine einen Trümmerhaufen hinab tragen, entstammt einem dieser Negativ-Filme.

Zwischen Ernst und Spiel: Kinder auf Trümmerhaufen schleppen Ziegel, richten Mauer auf. Bilderserie von der Filmrolle SM 2016-4218,12 im Fotoarchiv des Berliner Stadtmuseums.

„Den anderen Bildern des Films ist zu entnehmen, dass es sich keineswegs um ein Spiel handelt. Vielmehr ist im Ablauf der Bilder sichtbar, dass die Kinder die Steine – wie damals in der ganzen Stadt üblich – in Stapeln aufschichten, damit diese für den Wiederaufbau der weitgehend zerstörten Stadt Berlin bzw. für Reparaturarbeiten wieder genutzt werden können.“ Kinder, die bekannten „Trümmerfrauen“, aber auch spezialisierte Firmen sowie die Alliierten trugen ihren Teil zur Wiederherstellung der Infrastruktur und Lebensfähigkeit der Stadt Berlin bei.

Weitere Aufnahmen von Schulze zeigen Kinder – oft barfuß – beim Spielen in den Trümmern, auf dem Schulweg oder auch mit Süßigkeiten aus den „Rosinenbombern“ während der Blockade West-Berlins. Kinder waren auch damals Kinder, auch wenn die Not oft groß und das Leben schwer war. Die Nahrungsmittelrationen, mit denen Menschen während dieser Zeit auskommen mussten, waren knapp bemessen. Aber wer beim Wegräumen der Trümmer mitanpackte, dem stand eine größere Ration zu.

Mädchen mit Tagesration in Bibliothek
Tagesration für Kinder, Foto: Cecil F. S. Newman, 1946. Fotosammlung des Stadtmuseums Berlin

Rechtliches und Politisches

Fotografien sind innerhalb der EU nach dem Urheberrechtsgesetz bis zu 70 Jahre nach dem Tod des Fotografen oder der Fotografin geschützt. Walter Schulze ist 1963 verstorben, deshalb gilt der Schutz seiner Werke bis zum Ende des Jahres 2033. Erst nach Ablauf dieser Frist gilt das Werk als gemeinfrei und darf auch ohne Zustimmung der Rechteinhaber verwendet werden.

Diese Zustimmung wurde im vorliegenden Fall nicht erteilt: „Die Verwendung des Fotos erfolgt missbräuchlich und verstößt absolut gegen die Ziele und Haltung des Stadtmuseums Berlin“, so Robert Wein, Leiter der Fotothek. „Ich bin dem Stichwort ‚fridays for future 1946‘ mal gefolgt und sehe auch, wie oft Schulzes Bild geteilt wird. Leider ist sein Bild in diesen Beiträgen seinem historischen Kontext entrissen und ohne Angabe der Quelle und des Urhebers veröffentlicht“, lässt uns Ines Hahn wissen.

Im Stadtmuseum hat man sich sehr intensiv mit der Zeit des Entstehens und dem Schaffen des Künstlers Schulze auseinandergesetzt. Der Kontext und die begleitenden Kommentare sind zentral für die Frage, ob die Verwendung des Bildes als angemessen und legitim gewertet werden kann. „Es scheint, als würde Schulzes Bild für eine Polemik gegen die FFF-Bewegung eingesetzt, in der sich Jugendliche gegen die weitere Zerstörung der Umwelt und eine gesicherte Zukunft einsetzen. Schulzes Bild fungiert dabei als eine Art „Symbolbild“ für den Wiederaufbau Deutschlands durch die damals junge Generation“, so Hahn.

Es wird weiters behauptet, dass es der heutigen, in Frieden und Wohlstand aufgewachsenen, Jugend nicht zustünde, die damalige Generation und die von ihr verursachte Umweltzerstörung zu kritisieren. „Das Bild – auf diese Weise eingesetzt – soll den gesellschaftlichen Austragungsprozess beeinflussen, indem einem „politischen Gegner“, der FFF-Bewegung, das Recht abgesprochen wird, sich zu äußern. Neben der fehlenden, gesetzlich vorgeschriebenen, Nennung des Urhebers ist dies eine missbräuchliche Nutzung.“

Dieser Einschätzung möchten wir uns bei Mimikama vollinhaltlich anschließen.

Quellen:
https://pressenetzwerk.de/blog/kinderarbeit-statt-jugenddemos/
https://sammlung-online.stadtmuseum.de/Home/Index?page=2&pId=13780797 (Sammlung der Bilder von Walter Schulze)
https://sammlung-online.stadtmuseum.de/Details/Index/1475457 (Das missbräuchlich verwendete Foto im Sammlungsarchiv)
Walter Schulze, Rolf Schneider (2005): Heimkehr ins Leben: Berlin 1945-1960. Aufbau Verlag.

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