Nein, Fragebogen richtet sich nicht gegen Heterosexualität an sich

Charlotte Bastam, 4. Dezember 2020

Viel mehr will es zum Nachdenken anregen. Und zwar darüber, wieso ausgerechnet Heterosexualität als das ‚Normale‘ wahrgenommen wird.

Voller Empörung wird gerade ein Facebook-Post geteilt. Angeblich wurde ein Arbeitsblatt, welches vermeintlich Heterosexualität in Frage stellt, in einem Philosophie-Unterricht in der 8. Klasse ausgeteilt, dafür gibt es allerdings keine Belege. Die Reaktionen in der Kommentarspalte sind erschreckend homophob.

Denn wie kann man denn nur Heterosexualität in Frage stellen?

U.a., folgendes steht in dem Fragebogen: „Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität?“ Oder gar: „Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleiche Geschlechts kommt?“

Ganz schön unangenehm und persönlich.  Wie anmaßend so etwas unaufgefordert zu fragen? Wir kennen uns schließlich nicht. Und auch so abwegig:  Man entscheidet sich doch nicht dafür heterosexuell zu sein, man ist es einfach. Oder?

Gegenfrage: Was passiert, wenn man das Wort Heterosexualität in dem Arbeitsblatt mit Homosexualität austauschen würde? Wäre dann die Aufregung noch genauso groß? Wahrscheinlich nicht, denn in der für immer noch viele Menschen geltenden Logik, in der Heterosexualität als absolut ‚normal‘ und damit als der ‚Standard‘ angenommen wird, erscheint es auch nicht abwegig Menschen, die von dieser angeblichen ‚Norm‘ abweichen, dazu bringen zu wollen, sich dafür zu rechtfertigen.

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Der Heterosexuelle Fragebogen

Wie unangenehm und übergriffig diese Fragen jedoch sind, machte Martin Rochlin 1972 mit der Entwicklung des „Heterosexuellen Fragebogens“ (The Heterosexual Questionaire) deutlich. Darin sammelte er eine Vielzahl von Fragen, die homosexuelle Menschen oft über sich ergehen lassen müssen, aber gleichzeitig niemals heterosexuellen Menschen gestellt werden.

Es geht dabei jedoch nicht darum, Heterosexualität an sich zu hinterfragen, es soll viel mehr verdeutlichen wie selbstverständlich eigentlich Heterosexualität als das ‚Normale‘ generell angenommen wird und alle anderen Sexualitäten deswegen zu hinterfragen sind. Dieses Ungleichgewicht kann jedoch für Menschen, die nicht heterosexuell sind, sehr unangenehm sein. Denn warum sollte jemand das Recht haben ihnen solche Fragen zu stellen?

Rochlin wollte mit dem Fragebogen den Spieß umdrehen. Mittlerweile gibt es in verschiedenen Sprachen auch Erweiterungen des Fragebogens, in denen etwas von dem verletzenden Gefühl vermittelt wird, wenn nicht-heterosexuelle Menschen z.B. gefragt werden: „Wenn Heterosexualität normal ist, warum ist dann eine unverhältnismäßig hohe Zahl psychisch Kranker heterosexuell?“

Wie sind also die Reaktionen des Facebook-Posts einzuschätzen?

In dem Facebook-Post wurden wohl jene Absichten von Rochlin nicht verstanden. Denn hier geht es um etwas anderes. Nämlich um Homophobie, die Angst, dass einem von irgendwoher, diesmal sind es die Schulen, die eigene Heterosexualität gestohlen werden könnte. Argumentiert wird hier mit Kindern, die es vermeintlich zu beschützen gilt.

Doch selbst wenn der Fragebogen an Achtklässler*Innen ausgeteilt wurde, dann sicherlich nicht um sie zu ‚verdrehen‘, sondern um sie zum Nachdenken zu bringen, wie wir mit Sexualität umgehen. Es geht darum zu hinterfragen, warum wir das eine also so selbstverständlich ‚natürlich‘ ansehen und das andere nicht. Und welche Konsequenzen das für Menschen hat.

Gar keine so schlechte Übung eigentlich. Vielleicht hätte sie einigen Kommentator*Innen unter dem Post auch nicht schlecht getan, um die eigenen Homophobie zu hinterfragen.

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Noch mehr zum Hinterfragen:

Gendern: Warum es im Sprachgebrauch wichtig ist – ein Kommentar. Mehr Hier.


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