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Eine Anmerkung vorweg: Wenn es auch eigentlich bei jedem Artikel von uns ratsam wäre, dass man ihn aufmerksam bis zum Ende liest, so gilt das angesichts der Brisanz des Themas und der Komplexität des Sachverhalts für diesen Artikel ganz besonders.

Die in Russland, und nun auch bei uns aktuell verbreitete Geschichte rund um das Social Media-„Spiel“ namens „Blue Whale Challenge“ sorgt für Aufregung und Angst.

Die Medienberichte überschlagen und widersprechen sich: Die Blue Whale Challenge ist in allen Zeitungen, im Radio, Fernsehen und im Netz.

Es geht um ein „Spiel“, welches in letzter Konsequenz darauf aus ist, jugendliche Menschen in den Selbstmord zu treiben.

Zuerst tauchten Meldungen zu diesem Phänomen in Russland auf, worüber wir am 3. April dieses Jahres berichteten.

Dann wurde es zunächst stiller um diese Blue Whale Challenge, bis vor einiger Zeit die Meldung wieder in die Schlagzeilen rückte und wir erneut einen Artikel dazu schrieben.

Nach eingehenden Recherchen und Erkenntnissen von unserem Partner Saferinternet, die ebenfalls seit Anfang des Jahres in dieser Sache recherchiert hatten, haben wir einen erneuten Artikel zu dem Thema verfasst.

Dieser hat nun bei vielen Nutzern für Verwirrung gesorgt, weil anscheinend nicht rübergekommen ist, worum es bei dieser Geschichte eigentlich geht.

Echt oder Fake?

Das kann so nicht so einfach beantwortet werden. Jedenfalls nicht mehr, nachdem verschiedenste Medien, teilweise widersprüchlich, auf Basis von Hörensagen und angeblichen Zusammenhängen, die sich im Laufe der Entwicklung der Geschichte ergeben haben, darüber berichtet haben.

Daher nun eine kurze Anatomie der Entwicklung von einer Gruselgeschichte hin zu einem weltweiten Social-Media Phänomen und Medienhype.

Am Anfang war es, so scheint mittlerweile gesichert, ein Hoax, ein schlechter Scherz, eine Art „Creepy Pasta“. Es gab wahrscheinlich noch nicht mal ein wirklich durchgeführtes „Spiel“. Als „Creepy Pasta“ bezeichnet man Gruselgeschichten, die im Internet verbreitet werden. Quasi die digitale Version der Lagerfeuergeschichte, bei der man sich eine Taschenlampe ins Gesicht hält, und die mündlich weitergetragen wird.

Dann wurde die Geschichte zum Selbstläufer, als 130 Todesfälle von Kindern in Russland damit in Verbindung gebracht wurden, obwohl dies noch gar nicht gesichert war (siehe: [1] [2] [3]). Ein Zusammenhang zu der Blue Whale Challenge konnte und kann bis dato nicht eindeutig hergestellt werden, was aber viele Medien nicht daran hinderte, diese Verbindung als gesichert hinzustellen, auch wenn manche später teilweise zurückgerudert sind oder ihre Aussagen relativiert haben.

Mittlerweile fingen dann jedoch Trittbrettfahrer an, beispielsweise eine App dazu zu veröffentlichen, Gruppen zu gründen, es gab aus vielen Teilen der Welt Berichte über diese Blue Whale Challenge; die Geschichte ging viral. Und ab dem Punkt ist es dann quasi unmöglich geworden, echte Berichte von falschen zu trennen.

Eine ähnliche „Nachahmer-Dynamik“ gab es bereits zu der urbanen Legende, in der vor einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Vater oder Mutter zu werden ist das größte Geschenk meines Lebens“ gewarnt wurde. Diese sei von Pädophilen betrieben. Bis zu den ersten Kettenbriefen gab es eine solche Gruppe auf Facebook gar nicht. Danach jedoch schossen regelrecht Gruppen mit diesem Namen aus dem Boden. Die Warnung löste also quasi erst aus, dass Menschen auf die Idee kommen, derart aktiv zu werden.

Das Problem nahm aber erst richtig Fahrt auf, als ein Medium nach dem anderen darüber berichtete, als wäre es eine sichere Sache, die Todesfälle stünden definitiv mit der Challenge in Verbindung. Lediglich am Ende diverser Artikel kam kurz zur Sprache, dass es auch ein Hoax sein könnte, beziehungsweise, dass da eigentlich gar nichts wirklich gesichert ist.

Hier ist es schwer, die Beweggründe einer solchen Formulierung nachzuvollziehen, möchte man nicht finanzielle Interessen, sprich: Klicks unterstellen. Für monetäre Gründe sprechen zumindest auch Artikel zu diesem Thema, die mit Clickbaiting-Überschriften hinter Paywalls veröffentlicht werden.

Auch die Verbreitung durch Fernsehbeiträge in diversen Formaten trug dazu bei, dass die Leute das Thema ernst nahmen und für echt hielten, ganz ungeachtet der Tatsache, dass vieles von dem, was da verbreitet wurde, nicht mal ansatzweise belegt war. Es gab viele Mutmaßungen, viele Unbekannte in der Gleichung.

Wo liegt im Moment das Problem?

Viele Medien haben von Beginn an nicht richtig recherchiert und es wurde alleinig auf den Medien-Hype gesetzt. Man hätte von Anfang an sagen müssen, dass es sich um einen Fake handelt. Und nun ist es so, dass sich diese Meldung viral verselbständigt! Sogar die Polizei in Oberbayern bestätigt: “In Deutschland sind derzeit nur vereinzelte Fälle bekannt, bei denen die sogenannte BlueWhaleChallenge angeblich Auslöser für Selbstverletzungen gewesen sein soll.” Was es im Moment gibt ist eine WhatsApp-Ton Nachricht, in der vor dem angeblichen Spiel gewarnt und die immer wieder versendet wird.. Also einen Kettenbrief. Was es aber nicht gibt, ist eine App / einen Verweis / einen Link zu einer sogenannten “Blue Whale Challenge”.

Und da eben dieser ganzen Kaskade an Artikeln, Posts, Videos und Radiobeiträgen keine gesicherten Informationen zugrunde lagen, sind eben jetzt so viele widersprüchliche Meldungen unterwegs.

Dabei ist weder gesichert, ob die 130 Opfer wirklich mit der Challenge etwas zu tun haben, noch ob die verhafteten Personen wirklich die Quelle des Spiels oder auch nur Trittbrettfahrer waren.

Unsere Partner von Saferinternet berichten: „Es gibt aktuell in Europa (also nicht nur Deutschland/Österreich/Schweiz) keinen bekannten und offiziell bestätigten Fall, welcher auf dieses HOAX-Spiel zurückgeht. Alle Fälle zeigen sich bei näherer Betrachtung zwar als tragisch, jedoch ohne Zusammenhang mit dieser ominösen Challenge.“

Saferinternet ist Teil eines europäischen Netzwerks von Organisationen, die sich im Bereich der Sicherheit in Bezug auf soziale Aspekte und Medienkompetenz stark machen. In diesem Kontext haben unsere Partner dort wertvolle Recherchearbeit geleistet, die uns vorliegt.

Mittlerweile ist jedoch fast egal, ob an der ursprünglichen Geschichte etwas dran war oder nicht.

Denn was gesichert ist:
Auch wenn es ursprünglich ein Fake, eine Creepy Pasta gewesen ist, nun wird es langsam zu einem realen Problem. Trittbrettfahrer verteilen entsprechende Meldungen, setzen Kettenbriefe in die Welt, geben sich als Spielleiter aus. Aber auch hier taucht immer mehr Verwirrung auf: Medien schreiben, dass eine WhatsApp Meldung umgeht, die zu den Spiel im Netz führt bzw. verlinkt. Die beschriebene Nachricht liegt uns vor, ist jedoch eine Audiodatei, kein Link.

Auch jetzt noch bauen also neue Meldungen zu dem Thema auf dem Dickicht des „eventuell, vielleicht, es könnte sein“ auf. Damit wird jedoch dem Journalismus, dessen Aufgabe es ist, zu informieren, ein Bärendienst erwiesen und die Öffentlichkeit wird nur noch mehr verunsichert!

Abschließend kann man festhalten:

Es ist nicht ermittelbar, ob es wirklich ein ernst gemeintes Spiel war oder nur ein sehr schlechter Scherz.

Dies ist aber jetzt nicht mehr relevant, denn es sind unzählige Geschichten unterwegs, viele Kinder haben Angst, Eltern sind besorgt, es wurde durch die Art der Präsentation in den Medien zu einem realen Problem.

Dadurch, dass viele Medien mit großer Reichweite sofort auf den Hype aufgesprungen sind, ohne hinreichend zu recherchieren, hat die Geschichte ungeahnte Dimensionen angenommen.

Was ganz wichtig ist:

Wir wollen hier nicht die potenzielle Gefahr relativieren, die das Internet bei unbedarftem oder unvorsichtigem Umgang mit sich bringt. Es gab, gibt und wird immer wieder Leute geben, die gerade junge, unbedarfte Internetnutzer in eine wie auch immer geartete Falle locken wollen. Im harmlosesten Fall geht es hier um Geld, im Extremfall – und das gibt es in der Tat – kann es auch um beispielsweise Selbstmord gehen.

Daher ist es ja eben so wichtig, dass Eltern ihren Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit den sozialen Medien vermitteln, über potenzielle Gefahren aufklären, und – ganz wichtig – eventuelle Sorgen und Ängste der Kinder ernst nehmen, wenn sie beispielsweise einen Kettenbrief mit „Gruselfaktor“ (derer gibt es genügend auf WhatsApp & Co) erhalten.

Was aber überhaupt nicht hilft:

Wenn, besonders bei so einem Thema, durch das gesammelte Zusammenwirken der allgemeinen Berichterstattung in den Medien letztendlich mehr Panik geschürt als sinnvoll informiert wird.

Hier geht es um sogenannte „moral panic“, eine „Moralische Panik“ die in solchen Fällen entstehen kann, und die letztendlich mehr Schaden anrichtet, als die eigentliche, ursprüngliche Bedrohung, bei der in diesem Fall ja noch nicht einmal klar ist, ob sie wirklich existierte. Zur Erinnerung: Die erste Erwähnung dieser Challenge war in Zusammenhang mit einer Creepy Pasta, einer Internet-Gruselgeschichte, die dann mit anderen, realen Todesfällen in Verbindung gebracht wurde.

Ein sehr interessanter Artikel zu dieser Dynamik ist hier zu lesen. Auch auf dieser Seite wird auf das eigentliche, nun entstandene Problem eingegangen.

Auch der YouTube-Kanal „Simplicissimus“ hat ein Video zu diesem Thema gemacht, wo besonders auf die Spiegel-Reportage und das Video von LeFloid eingegangen wird.

Und nun…

sind wir eben leider an einem Punkt angekommen, wo Artikel von uns mit Argumenten begegnet wird, dass diese falsch sein müssten, weil es ja in anderen Medien anders geschildert wird.

Es ist nun einmal mittlerweile eine komplexe Geschichte geworden, die man nicht mit ein, zwei Sätzen, einem Anreißertext oder gar nur einer Überschrift vermitteln kann. Und wenn man diese Geschichte nicht in der Gesamtheit sieht, fallen dann leider auch Kommentare wie jene, dass wir den Praktikanten, der diesen Artikel verfasst hat, schleunigst entlassen sollten.

Es geht nicht darum, dass wir platt heraus sagen wollen: Das ist ein Fake, das Problem besteht nicht. Nein, mittlerweile besteht ein Problem, es gibt auch in den Kommentaren zu unseren Artikeln teilweise welche, die konkrete Vorkommnisse beschreiben.

Aber dieses wäre alles nicht passiert, wenn nicht irgendwann, aus welchen Gründen auch immer, bei der Berichterstattung alles in einen Topf geworfen worden wäre. Einen Schuldigen zu suchen ist müßig, dazu läuft das schon zu lange.

Aber wir alle können jetzt eines tun: Aufhören, weiter Panik zu verbreiten. Boulevard-Zeitungen müssen nicht mit einer eine halbe Seite umfassenden (!) Überschrift Panik verbreiten, und Eltern können für ihre Kinder da sein und vernünftig über die ganze Geschichte reden und im Zweifel immer für sie da sein und sie mit ihren Problemen ernst nehmen.

Zuletzt noch, ebenso wichtig:

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber.

Hier finden Sie Rufnummern der Telefonseelsorge:

Österreich: Tel.: 147
Sowie Rat auf Draht 247
Deutschland: Tel.: 0800/111 0 111
Schweiz: Tel.: 143

Autor: Rüdiger

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