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Faktencheck: Die „schreckliche geheime Züchtung von Mensch-Tier-Hybriden“

Ralf Nowotny, 26. November 2018
Alarmismus und Unwahrheiten
Alarmismus und Unwahrheiten

Schweine mit menschlichen Gesichtern und Hirn? Viele denken, dass dies schon längst Realität ist, wenn sie Horrormeldungen von geheimen Züchtungen von Mensch-Tier-Hybriden lesen.

Insbesondere ein Artikel der Seite „legitim.ch“ schreckt viele Leser auf, wonach bereits im Geheimen 150 Hybriden gezüchtet wurden.

Screenshot: mimikama.at
Screenshot: mimikama.at

Der Artikel erzählt zuerst von früheren Versuchen, geht dann über zu seltsamen Funden und endet mit mehr oder weniger aktuellen Meldungen. Zudem ist der Artikel teilweise mit echten Bildern, teilweise aber auch mit Bildern aus verschiedenen Horror- und Science-Fiction-Filmen versehen.

Da sich in dem entsprechendem Artikel Wahrheiten, Halbwahrheiten und schlichtes Unwissen, gepaart mit Alarmismus vermischen, werden wir ihn im Folgenden Schritt für Schritt aufschlüsseln.

Faktencheck 1: Erich Traub

Zu Beginn des Artikels wird auf Erich Traub verwiesen. Jener war 1942 Laborchef in einem Geheimlabor der Nationalsozialisten auf der Insel Riems in der Ostsee. Von 1949 bis 1953 arbeitete Erich Traub für das amerikanische „Biological WarfareProgram“
Seine Forschungen sind hinreichend dokumentiert, so experimentierte er mit gefährlichen Krankheitserregern und entwickelte diverse Impfstoffe.
In keiner seiner umfangreichen Forschungen sind jedoch Experimente verzeichnet, in denen er versucht, Menschen mit Tieren zu kreuzen!

Insofern ist die Erwähnung Traubs in dem obigen Artikel irreführend, er arbeitete nur an Krankheitserregern und deren Übertragbarkeit, nicht an Mensch-Tier-Hybriden.

Faktencheck 2: Mysteriöse Kreaturen

Im Artikel wird beschrieben, dass seit Jahrzehnten mysteriöse Kreaturen an der Küste von Long Island angespült werden. Es werde vermutet, dass es Hybriden seien, welche von Plum Island stammen, der Insel, auf der oben erwähnte Erich Traub seine Forschungen betrieb.

Screenshot: mimikama.at
Screenshot: mimikama.at

„Sogar die Bilderberger-Medien berichten darüber“, schreibt die Seite, implizierend, dass die Medien einer Gruppierung unterliegen, welche unter Verschwörungstheoretikern als „geheime Weltregierungsgesellschaft“ bekannt ist.

Was „legitim.ch“ allerdings dabei unterschlägt:
Paul Collins, der Kurator des Santa Barbara Museum of Natural History, meldete sich kurz nach Veröffentlichung der Fotos im Dezember 2014 und sagte, dass es sich bei dem Tier um einen Dachs handele, die kurzen Füsse mit Krallen, die schmale Schnauze und die hervorstehenden Wangenknochen seien charakteristisch.
Rätselhaft sei nur, wie das Tier dort angespült werden konnte, da es in der Gegend um Santa Barbara, an dessen Strand das Tier gefunden wurde, keine Dachse gibt (weswegen es auch für den Fotografen und viele Menschen ein Rätsel war, was das für ein Tier ist).

Zudem kann der Dachs nicht von Plum Island kommend angespült worden sein.
Plum Island liegt an der Ostküste der USA vor New York, Santa Barabara jedoch an der Westküste der USA nahe Los Angeles.

Als weiteren Beweis liefert „legitim.ch“ ein weiteres Foto einer mysteriösen Kreatur, welche angeblich 2008 am Strand der Ortschaft Montauk gefunden wurde:

Screenshot: mimikama.at
Screenshot: mimikama.at

Das Bild ist tatsächlich recht bekannt, die Kreatur bekam den Spitznamen „Montauk-Monster„. Allerdings gibt es auch nur dieses eine Bild, die Kreatur selbst sei verschwunden.
Mittlerweile sind sich Experten darüber einig, dass es sich bei dem Tier um einen Waschbären handelt, der durch den Verwesungsprozess im Wasser zwar deformiert ausschaut, aber sämtliche körperlichen Merkmale eines Waschbären hat, von der Körpferform über die Augenposition, die Beine bis hin zum Gebiss.
Waschbären sind auf Long Island, wo Montauk liegt, nicht unbekannt.

Beide Bilder zeigen somit Kreaturen, die identifiziert werden konnten. Eines der Tiere wurde zudem nicht einmal in der Nähe von Plum Island angespült.

Faktencheck 3: Die gezüchteten Hybriden

Jener Abschnitt beinhaltet zumindest einige Wahrheiten, wartet allerdings auch mit Alarmismus und irreführender Bebilderung auf, doch ist wenigstens eines der Bilder dort, welches aus dem Science Fiction Film „Splice – Das Genexperiment“ stammt, als Symbolfoto markiert. Andere Bilder zeigen beispielsweise Krampus, der böse Kinder entführt und in einem Käfig auf dem Rücken trägt, sowie Skulpturen von Patricia Piccinini, die für ihre Hybrid-Kunstwerke bekannt ist.

Zum wohl wichtigsten Punkt:
„legitim.ch“ stützt sich auf einen Artikel der „Daily Mail“ vom 22. Juli 2011. Demnach wurden in „geheimen Laboren in Großbritannien“ 150 Mensch-Tier-Hybriden gezüchtet.
Von 2008 bis 2011 fanden diese Forschungen in drei Laboren, King’s College London, Newcastle University und Warwick University statt, die auch die Genehmigung dazu erteilt bekamen. 2011 wurden dann die Forschungen aus Geldmangel eingestellt.

Konkret wurden den Laboratorien folgende Versuche erlaubt:
„Cybriden“: Eine menschliche Kernzelle wird in eine Tierzelle implantiert.
„Chimären“: menschliche Zellen werden mit tierischen Embryonen vermischt.
Ziel jener Forschungen war die Erforschung der Entwicklung embryonaler Stammzellen, um Heilmethoden gegen bisher unheilbare Krankheiten zu entwickeln.
Im weiteren Verlauf des Artikels von „legitim.ch“ wird noch von Züchtungen von Mäusen mit menschlichen Chromosomen berichtet, zudem über „Psychopathen“ und „Genetik-Narren“ geschimpft, die Organfabriken für Menschen schaffen wollen.
„Es klingt so krank: Man nehme den Embryo eines Tieres, gebe dazu ein paar Menschenzellen, pflanze ihn einer Leihmutter ein. Heraus kommt ein Mischwesen. Halb Mensch, halb Tier. (…) Eine Chimäre aus Mensch und Schwein ist wohl das bizarrste der Geschöpfe, die in Belmontes Petrischalen entstanden sind.“
Die verlinkten Artikel in dem Abschnitt des Artikels von „legitim.ch“ sind soweit alle korrekt, doch lässt der Ton des Artikels eines vermissen: Das technische Verständnis, was dort überhaupt gemacht wird.

Mensch-Tier-Hybride – Was steckt dahinter?

Was bei den meisten medialen Veröffentlichungen auffällt, wenn es um solcherlei Versuche geht, ist, dass immer wieder mit Science Fiction-Filmen verglichen wird, ob dies nun „Splice – Das Genexperiment“, „Die Insel des Dr. Moreau“ oder „Planet der Affen“ ist:
Wenn Menschen von solchen Hybriden hören und lesen, denken sie sofort an Mischwesen dieser Art.

Diese Vergleiche werden gerne gemacht, da es so für die Leserschaft einfacher ist, sich etwas vorzustellen, als komplexe medizinische und biologische Zusammenhänge zu erklären, hat aber einen gewaltigen Nachteil:
Die Darstellung von Affen, die Gewehre in der Hand halten und amoklaufenden Mischwesen hinterlassen beim Zuschauer einen negativen Eindruck: Solche Wesen sind grundsätzlich aggressiv und böse. Somit wird auch eine Forschung, welche solche Mischwesen hypothetisch ermöglicht, als negativ angesehen, obwohl jene Forschungen mit den Science Fiction-Filmen nicht wirklich etwas gemeinsam haben.
Diese Darstellung, wie überhaupt eine erwachsene Form eines Hybriden aussehen und sich verhalten würde, macht eine Diskussion darüber nahezu unmöglich. Solche Forschungen existieren auch noch gar nicht, dazu würde es Jahrzehnte benötigen. Diese Mischwesen wurden allerdings aus ethischen Gründen immer nach 20 Tagen vernichtet.

Was außer Acht gelassen wird:
Es geht bei diesen Forschungen nicht darum, solche Wesen heranzuzüchten. Die Ausnahme sind die Forschungen an Schweinen mit menschlichen Organen, welche zur Organspende genutzt werden könnten.
Es geht um die Erforschung von Krankheiten, es geht um Organspenden. Deshalb werden solcherlei Experimente durchgeführt. Das Vermischen zweier Spezies ist zwar zumindest „in vitro“ in einer Petrischale möglich, doch würde das Ergebnis ganz anders aussehen als in jedem Science Fiction-Film.

Dr. Hiro Nakauchi von der Stanford University sagt diesbezüglich, dass es mittlerweile möglich ist, menschliche Stammzellen so gezielt in tierischen Embryos zu platzieren, dass damit nicht etwa ein Schwein mit Menschengesicht oder Menschengehirn heranwächst.
Konkretes Ziel sind aber menschliche Organe in Tieren.
Beispielsweise muss ein Mensch im Durchschnitt drei Jahre auf eine Nierenspende warten. Wenn es nun möglich ist, menschliche Nieren in Schweinen heranwachsen zu lassen, müssten Patienten nur noch höchstens fünf Monate warten.

Ebenso verhält es sich mit der Erforschung von Krankheiten:
Angenommen, es wird ein Medikament gegen Lebererkrankungen entwickelt. Nun folgen üblicherweise viele Tierversuche, die sich allerdings vom Ergebnis her oftmals von dem unterscheiden, was das Medikament dann beim Menschen bewirkt.
In jenem Fall könnte dann das Medikament direkt an der in einem Schwein wachsenden menschlichen Leber getestet werden, um ihre Wirksamkeit zu erforschen.

Dies klingt nun alles sehr positiv, allerdings gibt es bei all den Forschungen noch eine weitere, große Hürde: die enorme evolutionäre Lücke!

Im Labor mag das ja noch alles gut klappen. Schwierig wird es aber, wenn der „Zellhaufen“ wächst, denn die evolutionäre Lücke zwischen Schweinen und Menschen ist nicht unerheblich. Fraglich also, ob menschliche Stammzellen, die eine Leber oder eine Niere bilden, sich überhaupt in dem Schwein bis zum Erwachsenwerden halten oder nicht von den tierischen Zellen absorbiert werden.
Zudem kommen noch die Bedenken, dass vielleicht menschliche Stammzellen quasi in das Hirn eines Chimären wandern würden, dann also vielleicht doch eine Chimäre mit menschlichem Bewusstsein heranwachsen würde. Dies kann jedoch auch bereits verhindert werden, menschliche Stammzellen können quasi „programmiert“ werden, unter bestimmen Umständen sich selbst zu zerstören.

Doch all dies ist bisher noch absolute Zukunftsmusik, wie Juan Carlos Izpisua Belmonte vom Salk Institute for Biological Studies in La Jolla, Kalifornien betont. So berichten zwar Medien von jenen Forschungen, natürlich immer mit Horrorbildern aus Science Fiction-Filmen und von künstlerischen Skulpturen, jedoch ist man immer noch in der frühesten Phase der Forschungen. Erste Ergebnisse sind frühestens in einigen Jahrzehnten zu erwarten.

Fazit

In seiner Gesamtheit ist der Artikel von „legitim.ch“ alarmistisch und vermischt Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwissen.
Im ersten Teil wird ein Zusammenhang zwischen einem Forscher aus der Nazizeit und den Funden von „mysteriösen Wesen“, welche sich als normale Tierkadaver entpuppten, hergestellt.
Im zweiten Teil wird zwar auf korrekte Artikel verlinkt, die jedoch ebenfalls einen Alarmismus beinhalten, indem wieder Bilder aus Science Fiction-Filmen und von Skulpturen als Verständnisvergleiche herangezogen werden, die aber mit der Praxis der Forschungen nichts gemeinsam haben. Diese Vergleiche, sei es nun bei „legitim.ch“ oder bei den „Netzfrauen“ entbehren jedoch jeglicher Realität und haben mit den tatsächlichen Forschungen nichts gemein.
Eher wird ein Horrorszenario aufgebaut, welches sich auf popkulturelle Filme und Serien bezieht, jedoch den eigentlichen Sinn der Forschungen sowie deren aktuellen Stand, nämlich eine absolute Frühphase, vollkommen außer Acht lässt.

Insofern ist jener Artikel von „legitim.ch“ (und anderen Seiten, die ihn mittlerweile kopiert haben), als nicht seriös anzusehen.

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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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