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Empörung macht nette Social-Media-Nutzer gemein

Kathrin Helmreich, 6. April 2018

Facebook und Co. sind „Ökosysteme, die den unverschämtesten Inhalt auswählen“

Unbeliebte Internet-Trolle, die andere User schlechtmachen, sind der britischen Journalistin Gaia Vince und Experten von Crockett Lab zufolge grundlegend in allen Menschen verborgen. Laut Forschern gäbe es Möglichkeiten, erfolgreich kooperativere digitale Gesellschaften aufzubauen, wenn sich die Nutzer bewusst darüber wären, dass sie oft nur aufgrund von Empörung reagieren.

Soziale Normen

„Unsere menschliche Fähigkeit, Ideen über Netzwerke zu kommunizieren, ermöglichte es uns, die moderne Welt aufzubauen. Das Internet bietet ein beispielloses Versprechen der Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen der gesamten Menschheit. Aber statt eine massive Ausweitung unserer sozialen Kreise online zu akzeptieren, scheinen wir auf Tribalismus und Konflikte zurückzugreifen. Während wir in der Regel echte Interaktionen mit Fremden höflich und respektvoll führen, können wir online schrecklich sein“,

so Vince. Gehirn-Imaging-Studien zeigen laut Vince: Wenn Menschen auf moralische Empörung reagieren, wird das Belohnungszentrum des Gehirns aktiviert. Dies führe oft dazu, dass sie sich wieder in ähnlicher Weise verhalten.

„Wenn sie also jemanden sehen, der so handelt, dass er gegen eine soziale Norm verstößt, indem er seinem Hund zum Beispiel erlaubt, einen Spielplatz zu beschmutzen, und sie dem Täter öffentlich gegenübertreten, fühlen sie sich danach gut. Und während die Infragestellung eines Verstoßes gegen die sozialen Normen der Gemeinschaft die Gefahr birgt, dass sie angegriffen werden könnten, steigert dies auch ihren Ruf“,

betont Vince.

Empörung ist Gewohnheit

„Inhalt, der Empörung auslöst und Empörung ausdrückt, wird viel häufiger geteilt“,

erklärt Psychologin Molly Crockett.

„Was wir online geschaffen haben, ist ein Ökosystem, das den unverschämtesten Inhalt auswählt, gepaart mit einer Plattform, auf der es so einfach ist wie nie zuvor, Empörung auszudrücken.“

Anders als in der Offline-Welt gebe es kein persönliches Risiko, jemanden zu konfrontieren und zu entlarven, also gibt es viel mehr Empörung, die online ausgedrückt wird. Dieser Kreislauf nährt sich Vince zufolge selber. Hinzu würden insbesondere hunderte Rückmeldungen kommen, die Menschen in den sozialen Medien erhalten, in Form von Likes und Retweets.

„Unsere Hypothese ist, dass das Design der Plattformen Empörung zu einer Gewohnheit machen könnte“,

erklärt Crockett.

„Ich denke, wir alle würden gerne glauben und fühlen, dass unsere moralischen Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen absichtlich sind und keine reflexartigen Reaktionen auf das, was uns unser Smartphone-Designer am meisten bringt.“

Auf der anderen Seite hätten es die niedrigeren Kosten, mit denen Menschen online Empörung ausdrücken, marginalisierten Gruppen ermöglicht, Themen ans Licht zu bringen, die traditionell schwieriger zu fördern waren. Moralische Empörung über soziale Medien spielte Vince zufolge beispielsweise eine wichtige Rolle bei der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf den sexuellen Missbrauch von Frauen durch Männer mit hohem Status.


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