Desinformation in Zeiten des Angriffs Russlands auf die Ukraine

Annika Hommer, 25. Februar 2022

Die einen nennen den Einmarsch Russlands in die Ukraine Angriff und Invasion, Russlands Präsident Putin beruft sich auf eine Friedensmission zur Unterstützung der selbsternannten und von Russland mittlerweile anerkannten „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk.

Dieser Unterstützung erfolgt nicht ohne Gegenleistung. Für den Schutz durch die Russen erlauben die beiden umstrittenen Gebiete im Osten der Ukraine Russland die Einrichtung von Militärbasen auf ihrem Territorium, also dem Territorium der Ukraine.
Ein Angriff auf die Ukraine und ihre Hauptstadt begründet der Kreml lt. tagesschau mit den Worten, dass die Ukraine „entnazifiziert und demilitarisiert“ werden müsse. Westliche Beobachter bescheinigen der Ukraine jedoch eine halbwegs funktionierende Demokratie, die auch schon Präsidenten demokratisch abgewählt habe.

Langer Konflikt eskaliert

Dieser Konflikt rund um die südöstlichen Regionen der untergegangenen Sowjetunion schwelt seit Jahren. Auch wenn heute die Waffen gesprochen haben und nicht absehbar ist, wann die militärische Auseinandersetzung endet, dieser Krieg Russlands nicht nur um die Ukraine, sondern um seine Macht- und Einflusssphäre weltweit, findet auch auf einer anderen Ebene statt. Die Plattform ist das Internet, die Waffe Fake News, das Ziel Desinformation und Propaganda. Das Stichwort Medienkrieg ist in aller Munde.

Russland: Russische Troll-Armee

Dieser mediale Krieg wird befeuert durch die Aktivitäten russischer Troll-Accounts, auch Troll-Armee genannt. Wikipedia beschreibt dieses Phänomen so: „Troll-Armee oder Putinbots sind (neben Trollfabrik und Web-Brigaden; russisch кремлеботы Kremleboty „Kreml-Bots“) die gebräuchlichen Bezeichnungen für eine verdeckte Organisation in Russland, die im Auftrag des Staates Manipulationen im Internet betreibt. Mithilfe von Sockenpuppen – fingierten Identitäten – wird die öffentliche Stimmung in Online-Foren und den Kommentarbereichen von Nachrichten-Seiten im Sinne der russischen Regierung beeinflusst.“ (HIER).

Russland betreibt also sehr viel Aufwand, die öffentliche Meinung im Sinne des Kremls, also Putins, zu beeinflussen.

In der letzten Zeit lassen sich immer mehr Hinweise finden, dass die russischen Staatsmedien gezielt falsche Informationen, Fake News, über die Lage in der Ukraine verbreiten, um einen Einmarsch zu rechtfertigen, sog. „False Flag“-Aktionen. Seien es beispielsweise Nachrichten über einen angeblichen Genozid gegen die Menschen in der Ukraine während einer ukrainischen Offensive gegen Separatisten im Osten des Landes (HIER) oder die Bombardierung eines Kindergartens, sehr schön von den Kollegen des Volksverpetzers aufgearbeitet (HIER).
Besonders exponierte Verbündete der Ukraine gerieten auch in den Fokus. So behauptet  RT in den sozialen Netzwerken, dass der Besuch von Außenministerin Annalena Baerbocks in der Ukraine ein Verstoß wegen das Minsker Abkommen sei. Nach einem Faktencheck der Nachrichtenagentur AFP musste das Staatsmedium RT seinen Post zurückziehen (HIER).

Fake oder News: Was macht den Unterschied?

Wichtigste Voraussetzung, um Fake News oder eine nicht vertrauenswürdige Nachrichtenquelle zu erkennen, ist eine angemessene Skepsis. Verbunden mit einem gesunden Bauchgefühl. Nicht sofort alles glauben, besonders wenn es einen gewissen Sensationsgrad hat. Fragen stellen.

  • Wer ist der Absender der Information?
  • Woher stammen die Bilder, die Nachrichten oder Videos? Und welches Interesse, welche Agenda stehen hinter ihrer Verbreitung?
  • Ist die Quelle verlässlich?
  • Folgt sie journalistischen Grundprinzipien oder handelt es sich um Inhalte, die von Nutzern der sozialen Netzwerke in die Welt geschickt wurden?
  • Handelt es sich um eine sachlich-neutrale Berichterstattung oder findet durch Stil und Inhalt eine sensationsheischende Wertung unter dem irreführenden Label einer Nachricht statt? Wie ist das Umfeld eines Mediums aufgebaut?
  • Herrscht eine ausgewogene Berichterstattung oder richten sich die Themen gegen bestimmte gesellschaftliche Minderheiten?
  • Schritt 2 ist eine Web-Recherche über eine Suchmaschine.
  • Was lässt sich über Herausgeber, Verfasser oder Verbreiter einer Information in Wort oder Bild herausfinden?
  • Wird Kritik geäußert?
  • Wird eine Nachricht von verschiedenen glaubwürdigen Medien gemeldet oder handelt es sich um eine Nischenquelle, von der diverse ebenso nischige Plattformen eine Nachricht nur kopiert haben, ohne das Thema selbst recherchiert zu haben?

Rückwärtssuche

Bilder haben große Macht. Bilder lassen sich aber auch leicht manipulieren. So können zu einer Nachricht Bilder gestellt werden, die nichts mit der Nachricht zu tun haben. Bilder können bis auf Pixelebene manipuliert werden, sodass Arme hinzugefügt oder Beine entfernt werden können. Unsichtbar für den Betrachter, solange man nicht tief in das Foto hineinsteigt.
Eine erste Maßnahme, um Bilder zu überprüfen, ist eine Rückwärtssuche. Die bekannteste ist sicherlich die Reverse Image Search von Google, aber es gibt auch andere Tools (HIER). Mit dem Browserplugin InVid Verification lassen sich auch einzelne VideoFrames untersuchen. Ein bekanntes Beispiel für die Manipulation von Bildern und Nachrichten sind die Trumpschen Versuche, per Bildmanipulation volle Straßen bei seiner Vereidigung zu belegen. Faktisch waren die Straßen sogar sehr leer. Hier wurden die Fotos nachweislich manipuliert (HIER).

Gibt es ein gültiges Impressum?

In Zeiten von DSGVO sind alle deutschen Webseiten gehalten, ein Impressum zu veröffentlichen, das bestimmten Kriterien genügen muss. Jeder Unternehmer, der Waren und Dienstleistungen oder eben redaktionelle Inhalte anbietet, braucht ein Impressum. Das Impressum muss eine ladungsfähige Anschrift beinhalten sowie „leicht erkennbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar“ sein. Wer versucht, sich der deutschen Impressumspflicht nach TMG §5 zu entziehen, zieht unter Umständen die Aufmerksamkeit von fleißigen Abmahnanwälten auf sich. Heißt im Umkehrschluss, gar kein Impressum bzw. ein Impressum außerhalb Deutschlands in Verbindung mit fragwürdigen Inhalten können stark auf Fake News hinweisen.
Aber auch ein bestehendes Impressum muss nicht zwingend der Überprüfung standhalten. Hier kann man per Suchmaschine leicht überprüfen, ob ein Unternehmen an der angegebenen Adresse existiert oder ob es den Ansprechpartner tatsächlich gibt. Und mit welchen anderen Institutionen dieser vielleicht in Verbindung steht, sodass dies ein Indiz für Abhängigkeiten sein könnte. Und wenn das Impressum stimmt, gibt die Recherche vielleicht Auskunft, ob dort ein seriöses Unternehmen sitzt, oder ob es bereits als Verteiler von Fake News bekannt ist oder andere interessante und relevante Informationen verfügbar sind.

Fakten Checks zur Ukraine

Wer keinen Beleg für eine Fake News gefunden hat, aber immer noch misstrauisch ist (Bauchgefühl!), der kann sich an Institutionen wie uns, aber auch den ARD-Faktenfindern, dem Correctiv, der DPA oder der AFP wenden, die auch auf Basis von Nutzeranfragen Fakten Checks durchführen, und diese veröffentlichen. Ein Blick auf diese Websites kann oft schon sofort weiterhelfen. Wir haben dafür eine eigene Kategorie  eingerichtet für Informationen und Fakten Checks zur Ukraine.

Aktuell Ukraine

Mit all diesem Wissen und den aktuellen Entwicklungen im Hinterkopf sollte jeder Nachrichtenkonsument bei Meldungen über die Ukraine aus unbekannten Quellen sehr, sehr vorsichtig sein. Gerade die russischen Medien als Absender von Nachrichten zu dem Konflikt sollten mit besonderer Vorsicht betrachtet werden. Es gibt kaum noch freien, unabhängigen Journalismus in Russland. Es kommen also fast nur Meldungen von Medienhäusern, die in Staatsbesitz des Kreml sind oder aber seinem Einfluss unterstehen.

Staatssender RT

Ein wichtiger Player in diesem Zusammenhang ist RT, früher übersetzt als Russia Today, ein Nachrichtensender, der nicht nur in Russisch, sondern in vielen anderen Sprachen wie auch Englisch und Deutsch Nachrichten verbreitet und über seine Social-Media-Kanäle die sozialen Netzwerke mit fragwürdigen Inhalten füttert.
RT ist bekannt dafür, Verschwörungserzählern breiten Raum zu bieten (HIER). Ein Video über Sucharit Bakhdi erzielte auf dem deutschen Youtube-Kanal von RT 1,2 Millionen Aufrufe, bevor der Kanal im September gesperrt wurde. Die Neuauflage, die „das deutschsprachige Publikum über die russische Sichtweise auf wichtige Ereignisse aufklären“ sollte, wurde nach nur fünf Stunden wegen Umgehung der Nutzungsbedingungen wieder gelöscht (HIER).
Russland versucht massiv seit geraumer Zeit, eine TV-Sendelizenz für RT in Deutschland zu erlangen. Zuletzt war dies Thema bei den Verhandlungen von Putin und Scholz. Deutschland verweigert diese mit Hinweis auf die deutsche Rechtslage. Aus gutem Grund (HIER). In der Konsequenz darf nun die  Deutsche Welle auf Anweisung des Kreml nicht mehr aus Russland berichten.

Fazit

Augen auf bei Meldungen rund um Russland und die Ukraine. Nachrichten und die sozialen Netzwerke sind Schauplatz eines medialen Krieges, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Dessen sollte sich der Leser jederzeit bewusst sein und jede Nachricht kritisch hinterfragen und mit den geeigneten Mitteln überprüfen.


Unabhängige Faktenchecks und Recherchen sind wichtig und richtig. Sie fördern Medienkompetenz und Bildung. 

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