Die Behauptung

In einem Preprint einer wissenschaftlichen Studie wird geschlussfolgert, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Labor entstanden sei.

Unser Fazit

Die einzelnen Analysen sind fehlerhaft oder zumindest zweifelhaft und können im Gesamten nicht überzeugen.

In den letzten Tagen rauschte ein vermeintlich sensationeller Preprint durch die Medien: Deutsche Forscher seien sich sicher, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 zu 99,9 Prozent aus einem Labor stamme. Dies wäre natürlich eine Sensation, da dadurch China eindeutig die Schuld an der Pandemie gegeben werden könnte und dies ein gesellschaftliches und politisches Erdbeben auslösen würde.
Doch die einzelnen Analysen weisen laut Experten eklatante Schwachstellen auf.

Schnell erste Kritiken am Preprint

Der Preprint der Wissenschaftler Valentin Bruttel, Alex Washburne und Antonius VanDongen mit dem Titel „Endonuclease fingerprint indicates a synthetic origin of SARS-CoV-2“ (einsehbar HIER und HIER) ist handwerklich sauber gemacht und auch sehr transparent, was die verwendeten Methodiken und Analysen angeht. Deshalb konnten andere Experten auch schnell darauf reagieren.

Beispielsweise kritisiert der Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, Prof. Friedemann Weber, in einem langen Twitter-Thread mit vielen Grafiken die Analysen:

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Auch der Mikrobiologe Alex Crits-Christoph beschreibt sehr ausführlich auf Twitter die Analyse-Fehler:

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Alex Washburne, der an dem Prepint mitarbeitete, geht auch auf Twitter auf einige der Kritiken ein:

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Und das ist auch gut so, denn dazu sind Preprints da: Damit andere Fachleute es sich genauer ansehen und Kritiken und Vorschläge äußern können, bevor eine Studie in einem Fachmagazin veröffentlicht werden kann.

Die erste kritische Betrachtung des Preprints auf Deutsch stammt von einem Biologen, der auf Twitter unter dem Pseudonym „BissigesMäuschen“ schreibt. Sehr ausführlich schildert er die Problematik mit dem Preprint in einem Artikel auf „Publikum“ (siehe HIER).

Eine wissenschaftliche Stellungname zur Entstehung des Coronavirus SARS-CoV-2

Das Uniklinikum Würzburg veröffentlichte mittlerweile eine wissenschaftliche Stellungnahme aus Anlass aktueller Berichterstattung zur Entstehung des Coronavirus SARS-CoV-2 (siehe HIER), in der sie auf einzelne Punkte des Preprints eingehen.

Als Fazit stellen die Experten der Würzburger Universitätsmedizin fest, dass die Analysen erhebliche methodische Schwachstellen aufweisen und es dadurch keinen sicheren Beweis gäbe, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 synthetischen Ursprungs sei.

1. Das Schnittstellenmuster kann auch natürlich entstanden sein

In dem Preprint wird auf 5 Schnittstellen eingegangen, die sich in einem bestimmten Muster mehrmals in dem Coronavirus finden lassen und somit die Vermutung nahelegen, dass das Virus synthetisch geschaffen wurde, indem bestimmte Genome neu „zusammengeklebt“ wurden.

Tatsächlich sind solche „Klebestellen“ oder „Schnittstellen“ in synthetische hergestellten Viren zu finden – allerdings auch häufig in nahe verwandten Coronaviren. Diese nah mit SARS-CoV-2 verwandte Viren wurden offensichtlich nicht mit in die durchgeführten Analysen aufgenommen.

Zudem seien einige für genetische Arbeiten ungünstige Schnittstellen gelöscht oder verändert worden zu sein, während andere Coronaviren in den entsprechenden Segmenten viel mehr Schnittstellen hätten. Doch auch das ist nicht korrekt, da viele nahverwandte Fledermaus Coronaviren wie BANAL-20-103 und BANAL-116 ebenfalls nur 5 bzw. 7 Schnittstellen bei ähnlich großen Genomfragmenten aufweisen.

2. Die Position der Schnittstellen ist kein sicherer Hinweis

Besonders das Spike-Protein ist am Coronavirus interessant, da durch dieses ja erst ein Mensch infiziert werden kann (oder auch nicht). Laut den Autoren des Preprints ließe sich der wichtigste Teil des Spike-Proteins von SARS-CoV-2 durch die dortigen Schnittstellen relativ einfach austauschen und verändern, was bei keinem anderen Coronavirus möglich sei, da entweder die Schnittstellen fehlen oder zusätzliche Schnittstellen das Genom zu sehr zerstückeln würden.

Tatsächlich scheint dies ein Hinweis zu sein, da in früheren Experimenten im Wuhan-Labor bestimmte Schnittstellen dazu genutzt wurden, um Coronavirusgenome aus Fledermäusen zu klonieren und sogenannte Gain-of-Function Experimente durchzuführen.

Nun aber das Problem: In jenen Experimenten wurden die Schnittstellen so positioniert, dass sie den Austausch des gesamten Spike-Proteins ermöglichten, nicht nur den kleinen, aber wichtigsten Teil.

Würden sich die Schnittstellen in den vergangenen Experimenten tatsächlich an derselben Stelle befinden, wäre dies wirklich ein Hinweis, dass es sich möglicherweise um einen Laborunfall handelte. Die entdeckten Schnittstellen finden sich jedoch häufig auch bei nahe verwandten Coronaviren von SARS-CoV-2.

Dazu kommt auch noch die mittlerweile hohe Anzahl an Mutationen des Coronavirus: Die künstlich eingefügten Stellen hätten mittlerweile schon längst wieder verschwinden und künstlich eliminierte wieder erscheinen müssen. Stattdessen aber besitzen die Omikron-Varianten die exakt selben Schnittmuster wie die Originalviren aus Wuhan.

3. Die statistischen Analysen sind fehlerhaft

Im Preprint ist korrekt, dass sich die analysierte Kombination der Restriktionsenzyme (BsaI und BsmB) tatsächlich für die meisten Coronaviren nicht eignen, um das Genom in 5 bis 7 Einzelstücke in geeigneter Größe zu zerteilen, was zu der Schlussfolgerung führt, dass die Auswahl der Enzyme beim kursierenden Coronavirus nicht natürlichen Ursprungs ist.

Unter Einbeziehung der im Preprint nachvollziehbar veröffentlichten Algorithmen gelang es den Experten der Würzburger Universitätsmedizin jedoch, für praktisch jedes Coronavirusgenom eine entsprechend geeignete Kombination von Restriktionsenzymen zu finden.

Sprich: Im Preprint wurde nur diese eine Kombination der Restriktionsenzyme betrachtet und diese mit anderen Coronaviren verglichen. Übersehen wurde aber, dass solche Kombinationen mit ähnlichen Restriktionsenzymen auch bei allen anderen Coronaviren möglich ist.

4. Die Analysen zur Evolution artverwandter Coronaviren im Computer überzeugen nicht

In dem Preprint versuchten die Autoren, mittels Computersimulationen zwei artverwandte Coronaviren so evolutionieren zu lassen, dass sie ein vergleichbares Schnittmuster wie bei dem Coronavirus SARS-CoV-2 bekommen, was nicht gelang, weswegen geschlussfolgert wird, dass es künstlich entstanden sein muss.

Allerdings hätten die Autoren in der Simulation auch mit ähnlichen Restriktionsenzymen experimentieren müssen, da (wie in Punkt 3 erwähnt) die exakt gleiche Kombination wie in SARS-CoV-2 bei den wenigsten, anderen Coronaviren möglich ist, jedoch dieselben Kombinationen mit eben anderen Restriktionsenzymen .

Auch die beschriebene Berechnung der Wahrscheinlichkeit, mit der das beobachtete Schnittmuster von SARS-CoV-2 natürlich entstanden sein kann, ist fehlerhaft, da die Wahrscheinlichkeiten an 5 verschiedene Kriterien gekoppelt ist, die jedoch nicht unabhängig voneinander sind. Auch sei die verwendete Methode zur Kombination dieser Wahrscheinlichkeitswerte nicht geeignet, und jede einzelne verwendete Wahrscheinlichkeit sei alleine für sich bereits von Fehlerquellen betroffen.

Fazit

Nochmal deutlich gesagt: Bei dem Preprint handelt es sich nicht um ein „Schwurbelpapier“, welches auf Verschwörungsmythen aufbaut, sondern wirklich um eine sorgfältig ausgearbeitete und sehr transparente Arbeit, welche dadurch auch eine offene Diskussion und Analyse ermöglicht.

Die Autoren führen darin auch auf den ersten Blick gute Argumente an, die die Laborthese scheinbar stützen. Aber eben nur scheinbar, da die einzelnen Analysen fehlerhaft oder zumindest zweifelhaft sind und im Gesamten nicht überzeugen können.

Somit bleibt auch weiterhin die Frage offen, ob das Coronavirus nun natürlich entstanden ist, was immer noch ein Großteil der Experten vermutet, oder doch aus Versehen oder absichtlich einem Labor entwichen ist. Die Forschungen diesbezüglich werden sicherlich noch nicht beendet sein.

Artikelbild: Pixabay

Weitere Quelle:

The Economist
In dem Zusammenhang interessant: Eine chinesische Virologin will bewiesen haben, dass SARS-CoV-2 in einem Labor erschaffen wurde.
Studie beweist nicht, dass das Coronavirus aus einem Labor stammt!

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