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Bolivien nutzt Chlordioxid gegen Corona? – der Faktencheck

Kathrin Helmreich, 28. Oktober 2020
Bolivien genehmigt Chlordioxid - Gesundheitsministerium warnt dennoch vor der Einnahme!
Bolivien genehmigt Chlordioxid - Gesundheitsministerium warnt dennoch vor der Einnahme!

Bolivien genehmigt bestimmtes Chlordioxid, um die Produktion und den illegalen Handel einzuschränken. Das Gesundheitsministerium Boliviens warnt zudem nachdrücklich vor der Einnahme.

Erneut erreichen uns Anfragen zu einem Video, in dem behauptet wird, dass Chlordioxid den Coronavirus besiege und Bolivien bereits die Einnahme von Chlordioxidlösung genehmigt habe.

Grundlage ist folgendes Video:

Screenshot zum angefragten Video, das auf Facebook geteilt wird
Screenshot zum angefragten Video, das auf Facebook geteilt wird

Der Faktencheck

Die angeführte Studie erbringt keinerlei Nachweis für die Wirksamkeit von Chlordioxid gegen COVID-19. Die Behauptungen stammen zudem von einer Person, die massiv Werbung für das „Wundermittel“ MMS (Chlordioxid) betreibt und deswegen auch u.a. letztes Jahr mit dem spanischen Gesetz in Konflikt geriet. (wir berichteten)

Wie die Faktenchecker von Correctiv schreiben, gab Boliviens Senat am 14. Juli 2020 auf seiner Webseite bekannt, dass er einen Gesetzesentwurf genehmigt habe, der „die Ausarbeitung, Vermarktung, Lieferung und Verwendung von Chlordioxid zur Vorbeugung und Behandlung des Coronavirus gestatte“.

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Warum? Laut der Mitteilung sei Eva Copa, Präsidentin des Senats, über die Spekulationen über Chlordioxid in Bolivien besorgt, da einige Personen das Produkt auf dem Schwarzmarkt und ohne jegliche Regulierung kaufen würden.

Es benötige ein Gesetz, das den Handel und die Produktion kontrolliere. Zudem sei die Verwendung von Chlordioxid zur Behandlung von COVID-19 freiwillig und nicht obligatorisch.

Am 5. August wurde der Gesetzentwurf des Senats mit einigen Änderungen angenommen. So dürfen die Lösungen ausnahmsweise zur Prävention oder Behandlung von COVID-19 verwendet werden. Labore, die von der zuständigen Behörde autorisiert wurden, dürften die Lösungen herstellen, wobei Qualitätsbedingungen erfüllt werden müssten.

Dennoch warnt das Gesundheitsministerium Boliviens vor der Einnahme von Chlordioxid!

Das bolivianische Gesundheitsministerium warnte am 20. Juli via Twitter, dass es keine wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit oder den sicheren Einsatz von Chlordioxid als Medikament gegen COVID-19 gebe:

„Diese Substanz ist hochgefährlich und kann ernste gesundheitliche Probleme verursachen“.

In einer Mitteilung vom 22. Juli gibt das Gesundheitsministerium zudem bekannt, dass es bereits zu Todesfällen aufgrund von Chlordioxid gekommen war. Das Ministerium lehne die Einnahme nachdrücklich ab.

Zur Person Kalcker

Andreas Ludwig Kalcker tritt hauptsächlich als Wunderheiler und Autor in Erscheinung, zumeist vermarktet er die Produkte von Jim Humble, der als Erfinder des MMS gilt.

Er soll unter anderem einen Doktortitel in Alternativmedizin haben. Wer sich nun fragt, welche Universität denn einen solchen Doktortitel verleiht: Gar keine.
Es gab jedoch vor einigen Jahren eine spanische  „Online-Universität“, bei der man sich solche Titel und Zertifikate kaufen konnte. Die Seite ist schon längst gelöscht worden, kann man aber noch hier im Internet Archive einsehen.

Im Februar 2019 wurde auch in der deutschsprachigen Presse sein Name erwähnt. Dabei ging es darum, dass der Generalstaatsanwalt Spaniens gegen ihn und anderen Beteiligten ermittelten, da sie fleißig MMS beworben, obwohl das „Wundermittel“ seit 2010 in Spanien aufgrund seiner schädigenden Wirkung bis hin zur Lebensgefahr verboten ist.

Fazit:

Ja, Bolivien hat einen Gesetzentwurf genehmigt, wonach kontrolliert hergestellte Chlordioxidlösungen bei der Prävention oder Behandlung von COVID-19 zum Einsatz kommen darf – das ist freiwillig und keine Pflicht. Ähnlich dem geregelten Hasch-Verkauf in den Niederlanden.

Im gleichen Atemzug warnt das Gesundheitsministerium Boliviens aber vor der Einnahme von Chlordioxid und gab Mitte Juli bekannt, dass es Todesfälle im Land aufgrund der Substanz gibt.

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