Brief an YouTube-Chefin: 80 Organisationen fordern Faktencheck

Tom Wannenmacher, 12. Januar 2022
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Über 80 Unternehmen fordern die YouTube-Chefin auf, mehr gegen Fake News zu tun. Dafür haben sie auch eine Lösung parat – doch die ist nicht ganz selbstlos…

Auch das Correctiv aus Deutschland hat sich daran beteiligt und diesen Brief veröffentlicht


Offener Brief an die CEO von YouTube von Faktenprüfern aus der ganzen Welt
Mehr als 80 professionelle Faktencheck-Organisationen aus über 40 Ländern haben einen Brief an die Chefin von YouTube, Susan Wojcicki, geschickt. CORRECTIV.Faktencheck hat diesen Brief unterzeichnet und veröffentlicht ihn auf Ihrer Webseite:
Sehr geehrte Susan Wojcicki,
der Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist fast zwei Jahre her. Die Welt hat immer wieder gesehen, wie zerstörerisch Desinformation und Fehlinformation für den sozialen Zusammenhalt, die Demokratie und die öffentliche Gesundheit sein können. Zu viele Leben und Existenzen wurden ruiniert, und viel zu viele Menschen haben durch Desinformation Angehörige verloren. Als internationales Netzwerk von Faktencheck-Organisationen beobachten wir, wie sich Lügen im Internet verbreiten – und wir sehen jeden Tag, dass YouTube einer der wichtigsten Kanäle für Online-Desinformation und Fehlinformationen weltweit ist. Dies ist ein wichtiges Anliegen unserer weltweiten Gemeinschaft von Faktenprüfern.
Wir sehen nicht, dass YouTube größere Anstrengungen unternimmt, um das Problem zu lösen.  Im Gegenteil: YouTube lässt zu, dass seine Plattform von skrupellosen Akteuren als Waffe eingesetzt wird, um andere zu manipulieren und auszubeuten, sich selbst zu organisieren und Gelder zu sammeln. Die derzeitigen Maßnahmen erweisen sich als unzureichend. Deshalb fordern wir Sie dringend auf, wirksame Schritte gegen Desinformation und Fehlinformation zu ergreifen und einen Fahrplan für politische und produktbezogene Maßnahmen zur Verbesserung des Informationsökosystems auszuarbeiten – und zwar gemeinsam mit unabhängigen, unparteiischen Faktencheck-Organisationen.

Im vergangenen Jahr haben wir gesehen, wie Gruppen, die Verschwörungsmythen verbreiten, gedeihen und grenzüberschreitend zusammenarbeiten, darunter eine internationale Bewegung, die in Deutschland begann, nach Spanien übersprang und sich in Lateinamerika ausbreitete; und sie alle veröffentlichen ihre Aktivitäten und Thesen auf YouTube. Gleichzeitig sahen Millionen anderer Nutzer Videos auf Griechisch und Arabisch, in denen sie aufgefordert wurden, Impfungen zu boykottieren oder ihre Covid-19-Infektionen mit falschen Heilmitteln zu behandeln. Von Covid-19 abgesehen werben YouTube-Videos schon seit Jahren für falsche Krebsheilmittel.

In Brasilien wurde die Plattform genutzt, um Hassreden gegen gefährdete Gruppen zu verstärken, mit einer Reichweite von Zehntausenden von Nutzern. Auch Wahlen sind nicht sicher. Auf den Philippinen werden falsche Inhalte mit über zwei Millionen Aufrufen, die Menschenrechtsverletzungen und Korruption während der Zeit des Kriegsrechts leugnen, verwendet, um den Ruf des Sohnes des verstorbenen Diktators, eines der Kandidaten für die Wahlen 2022, aufzupolieren.  In Taiwan wurden die letzten Wahlen durch unbegründete Anschuldigungen von Betrug beschädigt. Die ganze Welt wurde Zeuge der Folgen von Desinformation, als ein gewalttätiger Mob das Kapitol der USA angriff. Vom Vorabend der Präsidentschaftswahlen in den USA bis zum Tag danach wurden YouTube-Videos, die das Narrativ vom Wahlbetrug unterstützten, mehr als 33 Millionen Mal angesehen.
Es gibt zu viele Beispiele, um sie alle aufzuzählen. Viele dieser Videos und Kanäle sind auch heute noch online. Sie alle sind unter dem Radar der YouTube-Richtlinien durchgegangen, insbesondere in nicht-englischsprachigen Ländern und im globalen Süden. Wir freuen uns, dass das Unternehmen in letzter Zeit einige Schritte unternommen hat, um dieses Problem anzugehen, aber basierend auf dem, was wir täglich auf der Plattform sehen, halten wir diese Bemühungen für nicht wirksam – und YouTube hat auch keine hochwertigen Daten vorgelegt, die ihre Wirksamkeit belegen.
YouTube hat die Diskussion über Desinformation bisher als eine falsche Dichotomie von Löschen oder Nicht-Löschen von Inhalten dargestellt. Auf diese Weise vermeidet YouTube, das zu tun, was nachweislich funktioniert: Unsere Erfahrung als Faktenprüfer sowie akademische Forschungen sagen uns, dass die Veröffentlichung von faktengeprüften Informationen effektiver ist als die Löschung von Inhalten. Außerdem wird das Recht auf freie Meinungsäußerung gewahrt und gleichzeitig anerkannt, dass zusätzliche Informationen erforderlich sind, um die Risiken für Leben, Gesundheit, Sicherheit und demokratische Prozesse zu mindern. Angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil der Aufrufe auf YouTube von seinem eigenen Empfehlungsalgorithmus stammen, sollte YouTube auch sicherstellen, dass es seinen Nutzern nicht aktiv Desinformation vorsetzt oder Inhalte von unzuverlässigen Kanälen empfiehlt.
Vor diesem Hintergrund schlagen wir einige Lösungen vor, mit denen die Verbreitung von Desinformationen und Fehlinformationen auf YouTube deutlich eingedämmt werden könnte.

  1. Eine Verpflichtung zu sinnvoller Transparenz über Desinformation auf der Plattform: YouTube sollte unabhängige Untersuchungen über die Ursprünge der verschiedenen Fehlinformationskampagnen, ihre Reichweite und Wirkung sowie die wirksamsten Methoden zur Entlarvung falscher Informationen unterstützen. YouTube sollte außerdem seine vollständigen Moderationsrichtlinien in Bezug auf Desinformation und Fehlinformation veröffentlichen, einschließlich des Einsatzes von künstlicher Intelligenz und der Daten, auf denen sie beruht.
  2. Abgesehen von der Entfernung von Inhalten aus rechtlichen Gründen sollte sich YouTube darauf konzentrieren, Kontext bereitzustellen und Widerlegungen anzubieten, die deutlich in die Videos eingeblendet werden oder als zusätzliche Videoinhalte erscheinen. Dies kann nur durch eine sinnvolle und strukturierte Zusammenarbeit erreicht werden, durch die Übernahme von Verantwortung und die systematische Investition in unabhängige Initiativen zur Faktenüberprüfung auf der ganzen Welt, die an der Lösung dieser Probleme arbeiten.
  3. YouTube sollte Maßnahmen gegen Wiederholungstäter ergreifen, die Inhalte produzieren, die ständig als Desinformation und Fehlinformation gekennzeichnet werden, insbesondere gegen diejenigen, die diese Inhalte auf der Plattform und außerhalb der Plattform zu Geld machen, indem YouTube verhindert, dass Empfehlungsalgorithmen Inhalte aus solchen Fehlinformationsquellen fördern.
  4. Ausweitung der derzeitigen und künftigen Bemühungen zur Bekämpfung von Desinformation und Fehlinformation in anderen Sprachen als Englisch und Bereitstellung von landes- und sprachspezifischen Daten sowie von Transkriptionsdiensten in den jeweiligen Sprachen.

Wir hoffen, dass Sie die Umsetzung dieser Ideen zum Wohle der Öffentlichkeit in Betracht ziehen und YouTube zu einer Plattform machen, die wirklich ihr Bestes tut, um zu verhindern, dass Desinformation und Fehlinformationen gegen ihre Nutzer und die Gesellschaft im Allgemeinen eingesetzt werden.
Wir sind bereit und in der Lage, YouTube zu helfen. Wir würden uns gerne mit Ihnen treffen, um diese Fragen zu besprechen und Wege für eine Zusammenarbeit zu finden, und freuen uns auf Ihre Antwort auf dieses Angebot.

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Quelle: CORRECTIV


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