Brennglaseffekt, Scherben und Selbstentzündung: Mythen der Brandursachen!

Einige der immer wieder genannten Brandursachen in Presseberichten sind problematisch! Ob Brennglaseffekt oder Selbstentzündung durch Hitze, bei diesen Angaben müssen wir vorsichtig sein.

Andre Wolf, 6. Juli 2022

Erst jüngst wieder habe ich einen Pressebericht der Polizei gelesen, in dem angemerkt wurde, dass durch die hohen Außentemperaturen und starke Sonneneinstrahlung Felder vermutlich Feuer fingen. Wer soll da schon widersprechen, wenn ein Polizeibericht diese Vermutung veröffentlicht (vergleiche). Alles plausibel, so möchte man meinen. Draußen ist große Hitze, es hat schon lange nicht mehr geregnet, da kann schon mal ein Feld spontan im Brand geraten. Hier in Mitteleuropa. Oder nicht?

Eine andere, immer wieder genannte Brandursache, sind Glasscherben in freier Wildbahn. Hier wird dann von dem sogenannten Brennglaseffekt gesprochen. Hast du schon einmal das Wort Brennglaseffekt in eine Suchmaschine eingegeben? Die Ergebnisse sind interessant, denn der Begriff wird sehr gerne im Kontext der Feuerprävention oder auch als Brandursache in Presseberichten genannt. Doch in Wirklichkeit dürfte dieser Effekt in Bezug auf Brandursachen höchstens eine Randerscheinung sein.

Zunächst: natürlich existiert der Brennglaseffekt. Und er heißt so, weil durch diesen Effekt Stoffe oder Gegenstände in Brand geraten können. Der Brennglaseffekt ist auch recht einfach erklärt. Nötig sind optisch gewölbte Linsen, wie z.B. Lupen oder andere durchsichtige Körper, die das Licht brechen und in einem Fokus bündeln können. In diesem Fokus, auch Brennpunkt auf Deutsch, entsteht nun Hitze, der wiederum andere Stoffe in Brand setzen kann. So sieht es in der Theorie und auch in der Praxis aus. Und gerade, weil dieser Effekt existiert und funktioniert, schauen wir ihn gleich genauer an.

Zunächst ein Auszug aus der medialen Berichterstattung zum Brennglaseffekt als Brandursache:

Feuerwehrchef warnt: „Jede Glasscherbe kann einen Waldbrand auslösen“

Halterner Zeitung

Zur Brandursache konnten Feuerwehr und Polizei keine Angaben machen. „Der Wald ist brottrocken, da reicht ein Funke oder eine Glasscherbe“, so Herrmann.

Frankfurter Rundschau

„Schon eine Kleinigkeit kann einen Waldbrand verursachen, wie der heiße Katalysator eines am Waldrand über trockener Grasnarbe geparkten Autos oder eine Glasscherbe, die unter sengender Sonne wie ein Brennglas wirken kann“, betonte der Minister.

Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum

Scherben als mögliche Brandursache. Die Eisenbahnschwellen am Basler Hafen können sich nicht ohne Zündquelle entflammt haben, sagt ein Experte.

BaZ

Dabei werden stets Expertinnen oder Experten unhinterfragt zitiert. Doch kann das alles so sein? Sind Selbstentzündungen aufgrund von Sonnenstrahlung oder Scherben als Übeltäter wirklich dermaßen häufige Brandursachen, wie wir sie über die Medienberichterstattung vermittelt bekommen? Nur weil es (teils auch offizielle) Stellen immer wiederholen, stimmt es dann auch? Schauen wir genauer auf diesen Brennpunkt!

Brennglaseffekt und andere Mythen!

Wenn wir uns mit dem Thema ein wenig genauer auseinandersetzen, dann finden wir schon eine Reihe von skeptischen Inhalten, die einen Brennglaseffekt bei Scherben verneinen. Dabei reicht eine einfache Anwendung von Suchmaschinen. Der Brennglaseffekt, auch wenn er funktioniert, tritt außerhalb einer Laborsituation oder mutwillig herbeigeführten Lage eher nicht auf.

Bereits im Jahr 2019 hat sich die Website Spektrum.de mit dem Thema befasst. Unter dem Titel „Können Glasscherben Waldbrände verursachen?“ lesen wir in dem Artikel, dass entgegen der landläufigen Meinung es sehr unwahrscheinlich ist, dass „Glasflaschen oder -scherben Waldbrände auslösen. Eine ganze Reihe von Zufällen müsste für ein Zündszenario zusammenkommen.“

Und das ist völlig korrekt! Es gibt zu viele Umstände, die ein Entzünden eines Stoffes durch ein in irgendeiner Form gewölbten durchsichtigen Körper schlichtweg nicht entstehen lassen. Das beginnt beim Abstand zum entzündlichen Gegenstand, Wölbung des Materials, Dicke des Materials, Winkel der Sonneneinstrahlung, Stetigkeit der Sonne und endet bei der Temperatur, die überhaupt erschaffen wird.

Die Faktenprüfer vom Faktenfuchs (Bayerischer Rundfunk) werden in einem aktuellen Artikel sogar noch deutlicher und titeln „Nein, eine Glasscherbe kann wohl keinen Waldbrand verursachen“. In diesem Artikel wird der Forstwissenschaftler Alexander Held zitiert:

„Das ist fast unmöglich mit einer Glasscherbe ein Feuer zu starten, sie müssten dann schon eine Lupe haben oder so eine Art Brennglas und dann kann man natürlich Feuer entfachen. Aber mit einer Glasscherbe ist das de facto unmöglich.“

Faktenfuchs

Die Wahrscheinlichkeit, dass Glasscherben über den Brennglaseffekt einen Brand entfachen können, ist in der Tat sehr gering. Das geht nicht nur aus irgendwelchen Faktenchecks hervor, sondern auch aus einem deutlichen Versuch aus dem Jahr 2006. Dieser Versuch des Deutschen Wetterdienstes (DWD) stellte sich der Frage, ob im Wald oder auf Feldern zurückgelassene Gegenstände im Sinne des Brennglaseffektes ein Feuer entfachen können.

Die Versuche zum Brennglaseffekt

Die Versuche wurden zwischen Ende April und Ende Juli 2006 auf einer Grasfläche des Versuchsgeländes des DWD in Braunschweig unternommen (hier zu lesen). 5 verschiedene Glasscherben wurden dabei angewendet. Ursprünglich standen sogar 30 Glasscherben zur Auswahl, von denen jedoch lediglich fünf überhaupt in die engere Wahl gekommen sind. Der Grund: viele Glasscherben schaffen es gar nicht erst, in irgendeiner Form relevant für den Brennglaseffekt zu sein. Beispielsweise getrübte Gläser. Oder Scherben, die keinerlei Wölbung aufweisen.

Wir müssen bei diesem Versuchsaufbau auch beachten, dass die verwendeten Gläser gezielt so angeordnet wurden, dass sie überhaupt in irgendeiner Form Licht bündeln können. Das bedeutet, sie lagen gar nicht auf dem Boden, sondern wurden über dem Brennmaterial in idealer Position ausgerichtet.

Das Ergebnis ist ernüchternd, denn lediglich eine einzige Scherbe schaffte es, Temperaturen von über 200 Grad zu erzeugen. Und das wohlgemerkt unter optimalen Bedingungen, die künstlich herbeigeführt wurden! Ein Brand ist dadurch jedoch noch nicht entstanden, das ist in der Versuchsbeschreibung ebenfalls zu lesen.

Von den insgesamt gut 120 Versuchen konnte keine einzige Zündung der Streumaterialien festgestellt werden. Und dass trotz optimalem Aufbau! Eine Flammenbildung konnte in dem Versuch lediglich mit Lupen erzeugt werden, die ebenfalls optimal ausgerichtet wurden. Ein Brand ist dabei jedoch nicht entstanden.

Brennglaseffekt oder Selbstentzündung: Die Zündtemperatur wird nicht erreicht!

Das alles ist auch logisch und chemisch nachvollziehbar, da die Zündtemperatur durch die Bündelung des Lichts bei den Scherben für das Brennmaterial (im Test: Fichtennadel-Streu) einfach nicht ausgereicht hat. Und das ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, wenn es um „Selbstentzündungen“ durch Trockenheit und starker Sonneneinstrahlung geht!

Um für einen Brand zu sorgen, werden sehr hohe Zündtemperaturen benötigt. Holz generell liegt bei 280 – 340 °C, das berühmte „Strohfeuer“ benötigt ebenfalls 250 – 300 °C. Zeitungspapier mit 175 °C ist da ein wahrer „Kaltbrenner“ hingegen (Angaben stammen aus dem Lexikon von Chemie.de).

Was machen wir also mit Presseberichten und Meldungen von Selbstentzündungen oder Glasscherben als Übeltäter? Ganz klar, wir müssen skeptisch sein! Potenziell ist das alles möglich, doch nach weiterhin aktuellem Kenntnisstand (seit 2006) ist der Brennglaseffekt als Feuerursache unter hiesigen Klimabedingungen als sehr unwahrscheinlich anzusehen. Eine Selbstentzündung aufgrund reiner Sonneneinstrahlung entsprechend noch weniger, da das Licht der Sonne ohne Linsen nicht gebündelt auftritt. Und von knapp 300 °C Oberflächentemperaturen in praller Sonne sind wir noch entfernt.

Die wahrscheinlichen Übeltäter

Wenn also weder Scherben noch Sonneneinstrahlung für Brände verantwortlich sind, was dann? Die Lösung ist recht einfach: Der Mensch und sein Verhalten. Es ist mehr oder weniger beabsichtigte Brandstiftung oder Brandstiftung aus Faulheit, bzw. Dummheit. Also menschliches Fehlverhalten gepaart mit Brandstiftung.

Wer bei Trockenheit und Hitze glühende Zigaretten achtlos in brandgefährdeten Gebieten zu Boden wirft, hat nicht nur die Sache mit der Umweltverschmutzung nicht verstanden, sondern ist auch eine potenziell brandstiftende Person. Eine Zigarette entwickelt in ihrer Glutzone Temperaturen bis zu 900 °C, Tabakglut kann am Ende ebenfalls noch 500 °C besitzen.

Sicherlich entfacht nicht jede unachtsam entsorgte Zigarette einen Brand, denn bei der Menge an Stummeln, die überall herumliegen, müsste auch schon der letzte Baum verbrannt sein. Der sich bildende Aschemantel leitet die Hitze der Glut nicht in ihrer vollen Intensität weiter. Das ist ein Grund, warum eben nicht jeder Zigarettenrest ein Brand entfacht, jedoch das achtlose Wegwerfen in keiner Weise beschönigen darf.

Noch ein Brandherd im Sommer: Grillen im Freien, irgendwo in der Natur? Hmmm …. Dazu ein kühles Bier? Klingt doch großartig, oder? Aber was ist mit den Glutresten? Die Verbrennungstemperatur von Holzkohle beträgt 800 °C, damit kann locker ein Brand entfacht werden.

Das alles ist auch konsequent logisch, denn wir können uns merken: Immer dann, wenn Temperaturen auf ein Brennmaterial treffen, die höher als deren (=Brennmaterial) Zündtemperatur liegen, entsteht eine Flammenbildung. Bei trockenem Gras oder Stroh, aber auch Holz, können wir uns rund 300 °C merken. Entstehen diese Temperaturen nicht, kann es zu keiner Flammenbildung kommen und auch keiner Verbrennung. Dann wird wohl ein anderer Grund die Ursache für einen Brand sein.

Addendum: Mythos Blumen gießen und verbrannte Haut durch Wassertropfen!

Abschließend noch ein Blick auf Kinder im Wasser und Blumen in Bezug auf Gießzeiten, denn diese sind dem Brennglaseffekt-Mythos unterlegen. Zunächst die Blumen! Es gibt da die alte Regel, dass wir über Tag keine Blumen gießen soll. Das würde zur Folge haben, dass die Blumen verbrennen.

Ich merke an dieser Stelle die Blumen an, weil hier ebenfalls angeblich der Brennglaseffekt die Ursache sein soll. Als optische Linse wird an dieser Stelle der Wassertropfen verstanden, der das Licht bündeln würde und somit vermeintlich Brandflecken auf dem Blatt hinterlässt. Wie wir mittlerweile erfahren haben, funktioniert das so nicht. Die Tropfen verdunsten in der prallen Sonne ebenfalls recht zügig, sodass eine Selbstentzündung oder Bildung von verbrannten Flecken durch Tropfen nicht möglich ist.

Noch absurder wird es (oh ja, die Behauptung gibt es!), dass nasse Haut generell zu mehr Sonnenbrand führt. Und zwar nicht, weil Sonnencreme abgewaschen werden würde, sondern weil der Brennglaseffekt verantwortlich sein soll.

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Die armen Kinder! Sodann sie solchen unsinnigen Aussagen ausgesetzt werden …

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