Brandolinis Gesetz – oder: Warum gegen Bullshit kaum ein Kraut gewachsen ist!

Andre Wolf, 4. September 2020
Thema Brandolinis Gesetz, Artikelbild: Shutterstock / Von Petrovic Igor
Thema Brandolini, Artikelbild: Shutterstock / Von Petrovic Igor

Brandolinis Gesetz: Warum es Faktencheckern so schwer fällt, Fakenews und Bullshit klarzustellen. Eine Erklärung.

Brandolinis Gesetz: Die Welt, insbesondere die digitale Welt der sozialen Medien, ist voller Bullshit. Nie ist das deutlicher geworden als in den Tagen der Corona-Epidemie – wobei in der Vorphase, insbesondere durch die Präsidentschaft von Donald Trump, sicherlich bereits der ein oder andere Bullshit-Rekord aufgestellt wurde. Von tendenziell harmlosen Verrücktheiten (Elvis lebt) über peinliche Dummheiten (die Erde ist eine Scheibe) bis hin zu potenziell gefährlichen Verschwörungsmythen (die BRD ist in Wirklichkeit eine GmbH; Stichwort: bewaffnete Reichsbürger) ist für jeden Geschmack und Geisteszustand etwas dabei.

Wie solche Geschichten in die Welt kommen und warum Menschen daran glauben, darüber ist schon viel geschrieben und gesagt worden (hier z.B. ein Podcast von Netzpolitik.org). Eine spannende Ergänzungsfrage ist: Warum ist es so schwierig, Bullshit (im Netz) zu bekämpfen? Warum haben es Fact-Checking-Seiten wie Correctiv oder Mimikama so schwer, mit ihren Botschaften durchzudringen?

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An dieser Stelle hilft ein Blick auf Brandolinis Gesetz (auch die Bullshit-Asymmetrie genannt) – das natürlich kein richtiges Gesetz, sondern lediglich eine augenzwinkernde, vermutlich im Großen und Ganzen zutreffende, Beobachtung ist – so ähnlich wie beispielweise das Parkinsonsche Gesetz. Brandolini ist ein italienischer Software-Engineer und hat es mit seinem Tweet zu beachtlichem Ruhm gebracht:

Unsinn zu widerlegen kostet zigmal mehr Energie, als ihn in die Welt zu setzen.

Brandolini über Fakenews
Brandolini über Fakenews

Intuitiv ergibt das eine Menge Sinn. Zunächst muss ja jemand überhaupt die Energie aufwenden, den Bullshit richtigzustellen. Das heißt aber noch nicht zwingend, dass jene Personen, die den Bullshit glauben, auch motiviert sind, sich mit den Gegenargumenten auseinanderzusetzen. Und selbst wenn sie mit solchen Argumenten konfrontiert werden, heißt da ja noch lange nicht, dass sie sich von diesen auch überzeugen lassen. Im Grund sind Menschen sogar notorisch schlecht darin, ihre Ansichten aufgrund von Gegenargumenten zu ändern.

Bringt das denn überhaupt was?

Eine italienische Forschergruppe hat über mehrere Jahre ausgewertet, wie rund 50 Millionen Menschen mit verschiedenen Inhalten interagieren, in diesem Fall a) wissenschaftlich überprüften Informationen und b) unwissenschaftlichen und frei erfunden Informationen. Ihre Erkenntnis in kurz: Es bildeten sich tatsächlich Filterblasen und Echokammern. Ein Teil der User bewegte sich fast ausschließlich in der „wissenschaftlichen Filterblase“, ein anderer Teil fast ausschließlich in der „unwissenschaftlichen Filterblase“.

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Zudem werteten die Forscher aus, wie die verschiedenen User-Gruppen auf korrigierende Meldungen („Debunking“; insgesamt über 50.000 Meldungen) reagierten. Die betrübliche Nachricht: Diese Form der Contents wurde in der „unwissenschaftlichen Filterblase“ praktisch gar nicht wahrgenommen. Und wenn entsprechende User mit korrigierenden Meldungen konfrontiert wurden, verstärkte sich in der Folge ihre Interaktion mit fragwürdigem Content (liken, kommentieren, sharen). Warum das so ist, wird hier unter dem Stichwort Reaktanz erklärt.

Fazit: Wir werden weiter mit dem Bullshit leben müssen. Eine bedenkenswerte Frage lautet allerdings: Worauf richten wir persönlich unsere Aufmerksamkeit? Wo geht meine Energie hin?

Über den Text „Brandolinis Gesetz“

Inhalt erschien zuerst auf Xing, Widergabe hier mit freundlicher Genehmigung durch Nico Rose.

Prof. Dr. Nico Rose
Professor für Wirtschaftspsychologie, International School of Management für Positive Psychologie, Führung, Sinnstiftung, Unternehmenskultur

Nico Rose ist der Sinnput-Geber. Aktuelles Bücher: „Arbeit besser machen“ und „Führen mit Sinn“. Laut Harvard Business Manager „einer der führenden Experten für Positive Psychologie in Deutschland“. Verheiratet, zwei Kinder. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im FDP Wirtschaftsforum.

Nico Roses neues Buch Besser arbeiten (mit Bernd Slaghuis) ist gerade bei Haufe erschienen.

Artikelbild: Shutterstock / Von Petrovic Igor


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