Faktencheck

Blut von Geimpften unter Dunkelfeldmikroskop – Ungeeignete Untersuchungsmethode

Drei italienische Forscher wollen herausgefunden haben, dass sich im Blut von Geimpften Objekte befinden, die das Blut verklumpen. Die angewandte Dunkelfeldmikroskopie ist jedoch für Blutuntersuchungen ungeeignet, die Methodik der Forschung zudem sehr lückenhaft.

Ralf Nowotny, 14. September 2022

Die Behauptung

Ein wissenschaftliches Papier soll aufzeigen, dass sich in dem Blut von 94 Prozent der untersuchten Personen Verunreinigungen nach einer COVID-19 Impfung befinden würden.

Unser Fazit

Nicht nur, dass die Untersuchungsmethode vollkommen ungeeignet ist, auch weist das Papier dermaßen viele Lücken auf, dass es zurecht nie in einem medizinischen Fachmagazin erschienen ist.

Zweifellos: Wenn man sich die Fotos des untersuchten Blutes ansieht, scheinen da noch andere Objekte zwischen den Blutkörperchen zu sein. Das Problem nur: Selbst die drei italienischen Forscher, deren Arbeit in keinem wissenschaftlichen Journal, sondern als Beilage eines Magazins erschien, wissen es nicht und vermuten einfach nur, es handele sich um Graphenoxid aus den COVID-19 Impfungen.

Die Behauptung

In einschlägigen Kreisen wird der Artikel der Seite „Freie Impfentscheidung“ (archiviert HIER) geteilt, in dem es heißt, dass das Blut von 1006 symptomatischen Personen nach einer Impfung unter einem Dunkelfeldmikroskop untersucht und dabei festgestellt wurde, dass sich in dem Blut von 948 Personen (94 Prozent) Anomalien, beispielsweise Verklumpungen, befänden.

Der Artikel wird auch auf Facebook geteilt
Der Artikel wird auch auf Facebook geteilt

Fairerweise erwähnt der Artikel allerdings auch eine der größten Unzulänglichkeiten der Arbeit: Bei nur 12 der 1006 Personen wurde das Blut auch vor der Impfung mit einem Dunkelfeldmikroskop untersucht. Angeblich seien bei diesen 12 Personen das Blut vor der Impfung „normal“ gewesen.

Das Blut eines 33-Jährigen vor und nach einer Impfung laut der Arbeit
Das Blut eines 33-Jährigen vor und nach einer Impfung laut der Arbeit (Quelle)

An den obigen Fotos soll erkennbar sein, dass die roten Blutkörperchen nicht mehr kugelförmig sind und nach der Impfung verklumpen.

Was ist ein Dunkelfeldmikroskop?

Was ihr sicherlich alle kennt, ist die Hellfeldmikroskopie: Dabei wird beispielsweise ein Tropfen Blut zwischen zwei Objektträger gepresst und von unten mittels eines Spiegels oder einer kleinen Lampe beleuchtet.

Bei der Dunkelfeldmikroskopie wird das Objekt nicht von unten, sondern von der Seite angestrahlt, um feinere Konturen besser erkennen zu können. Diese Methode ist nützlich bei lichtundurchlässigen Objekten, von denen man sonst nur die äußeren Konturen sehen würde.

Zweifelhafte Anwendung der Methode

Allerdings wird diese Methode auch zu anderen Zwecken eingesetzt, welche wissenschaftlich unbewiesen ist: Eine einfache Googlesuche nach „Dunkelfeldmikroskopie“ zeigt auf, dass insbesondere Heilpraktiker diese Methode gerne bewerben, um angeblich alle möglichen Krankheiten, auch Krebs, an einem frischen Tropen Blut erkennen zu können.

Dass die Dunkelfeldanalyse dafür aber ungeeignet ist, wurde beispielsweise 2019 aufgezeigt, als Heilpraktiker das Blut von kranken und gesunden Personen mit einem Dunkelfeldmikroskop untersuchen und deren Krankheiten diagnostizieren sollten – doch trotz der „jahrelangen Erfahrung“ der Heilpraktiker diagnostizierten sie in den meisten Fällen falsch, erklärten Gesunde als krebskrank und Krebskranke als vollkommen gesund.

Für herkömmliche Blutuntersuchungen wird getrocknetes Blut benötigt, welches eingefärbt und zwischen zwei Objektträger gepresst wird, um durchsichtige Objekte wie Erythrozyten und Leukozyten erkennen zu können, auch können durch eine vorherige Zentrifugation Blutbestandteile für eine individuelle Analyse getrennt werden.

Bei der Live-Blutuntersuchung mit einem Dunkelfeldmikroskop, wie sie auch bei der Untersuchung der geimpften Personen angewandt wurde, wird jedoch direkt ein Bluttropfen genommen, mit einem Deckglas abgedeckt, um eine vorschnelle Austrocknung zu verhindern, und dann das Bild des Mikroskops auf einem Fernsehschirm dargestellt.

Die Problematik der Live-Blutuntersuchung mit einem Dunkelfeldmikroskop

Sehr ausführlich beschäftigte sich die Seite „Quackwatch“ mit der Live-Blutuntersuchung mit einem Dunkelfeldmikroskop und den Behauptungen, die von Chiropraktikern und Heilpraktikern darüber aufgestellt werden. Interessant dabei: Deren Artikel erschien im Januar 2019, also lange vor COVID-19 und den ersten Impfungen.

Unter anderem wurde festgestellt, dass bei Live-Blutuntersuchungen mit einem Dunkelfeldmikroskop von Heilpraktikern häufig exakt solche scheinbaren Verklumpungen des Blutes festgestellt werden, wie sie auch die drei italienischen Wissenschaftler fanden – und daraufhin beispielsweise hohe Dosen mit teuren „Nahrungsergänzungsmitteln“ verschrieben werden können.

Aber auch andere Unsauberkeiten wurden häufig bei den Live-Blutuntersuchungen festgestellt, und das recht häufig:

  • Oftmals wurden keine Maßnahmen getroffen, die eine Austrocknung oder Gerinnung des Blutes verhindern
  • Objektträger wurden häufig vorher nicht so ausführlich gereinigt, dass keine Fremdkörper mehr in den Blutstropfen gelangen
  • Einige scheinbare Fremdkörper im Blut erwiesen sich bei der Korrektur der Scharfstellung als normale Blutbestandteile

Zusammenfassend war das vernichtende Ergebnis, dass eine Live-Blutuntersuchung mit einem Dunkelfeldmikroskop nicht dafür geeignet ist, um Krankheiten oder Fremdkörper im Blut korrekt nachzuweisen – noch weniger, wenn nicht einmal eine Aufnahme, sondern nur ein Bild davon vorliegt.

Die weiteren Nachlässigkeiten der Arbeit

Ausführlich sind wir also nun darauf eingegangen, dass alleine die verwendete Untersuchungsmethode absolut unzureichend ist, um angebliches Graphenoxid im Blut von geimpften Personen nachweisen zu können. Dies ist die größte Nachlässigkeit des Papiers, jedoch nicht die einzige:

  • Sie erschien in keiner Fachzeitschrift, sondern als Beilage namens „Disinfechtion“ der Zeitschrift „Natural Doctet“, einem Magazin über Medizin, Gesundheit, Ernährung, Wellness, Tourismus und Kultur
  • Eine englische Version erschien in „International Journal of Vaccine Theory, Practice, and Research (IJVTPR)“ – ebenfalls kein anerkanntes, medizinisches Magazin und nicht im „National Library of Medicine“ verzeichnet
  • Zwei Mitglieder des IJVTPR sollen das Papier peer-reviewt und als korrekt anerkannt haben, doch italienische Journalisten fanden heraus, dass es sich dabei um ein Ehepaar handelt, welches der Impfgegner-Szene nahe steht
  • Es gab keine Doppelblind-Studie
  • Es wurden nicht alle Arten von Artefakten ausgeschlossen
  • Das Papier ist sehr wertend, beispielsweise werden die Impfstoffe immer wieder als „Gebräu“ bezeichnet
  • Nur bei 12 Personen wurde das Blut vor der Impfung untersucht, das Papier zeigt nur Fotos der Untersuchung von 4 der 12 – absolut ungenügend, um daraus auf die insgesamt 948 Personen mit „Anomalien im Blut“ zu schließen
  • Die Proben mit der mysteriösen „Struktur 7“ in den Fotos, von der behauptet wird, es seien Eisenoxid-Nanopartikel, wurde nie mehrmals untersucht, es wurde keine Verunreinigung ausgeschlossen, die Phasen des Verfahrens sind nicht nachvollziehbar oder rückverfolgbar

Fazit

Die verbreiteten Ergebnisse des Papiers sind das Papier nicht wert, auf das es geschrieben wurde:
Nicht nur, dass die Untersuchungsmethode vollkommen ungeeignet ist, auch weist das Papier dermaßen viele Lücken auf, dass es zurecht nie in einem medizinischen Fachmagazin erschienen ist.

Artikelbild: Pixabay
Weitere Quelle: dpa, Open

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