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Die künstlichen Barium-Wolken der NASA

Ralf Nowotny, 29. Juli 2019

Eine der Behauptungen von Anhängern der Chemtrails-Verschwörungstheorie ist, dass sich in den Kondensstreifen verschiedene chemische Stoffe, u.a. auch Barium befänden, um die Bevölkerung krankzumachen.

In letzter Zeit werden anscheinend gerne mal Blicke in alte Zeitungen und Bücher geworfen, so dass wohl jemand auf der Suche nach der Wetterkarte von 2009 oder Hinweisen, dass es den Klimawandel gar nicht gäbe, auf eine vermeintlich sensationelle Meldung in der „Welt“ gestossen ist:
Die NASA erzeugt künstliche Wolken mit Barium?

Eine Anfrage aus unserer Community

Künstliche Wolken erforschen die Erde“ ist der Artikel aus der „Welt“ vom 31. Oktober 1978 beschriftet. Darin heißt es, dass eine amerikanische Forschungsrakete blauweiß glänzende Bariumwolken versprüht habe, das Nasa-Experiment trage den Codenamen „Cameo“.

Wolken + Barium + NASA = ALARM!

Drei Schlagwörter dieses Artikels der Welt sollten genügen, um jeden Chemtrailgläubigen aufhorchen zu lassen, und tatsächlich wird sich auch empört, seit der Zeitungsausschnitt im Oktober 2018 auf „Uncut News“ gepostet wurde.

Screenshot: mimikama.at

Es schaut also ganz danach aus, als ob bereits in den 70er-Jahren „Chemtrails“ erzeugt wurden, und das sogar unter den Augen der Öffentlichkeit!
Wie kann das sein? Der Zeitungsausschnitt ist echt, also warum hat damals niemand protestiert? Warum wird dann erst seit den 90er-Jahren mit Verbreitung des Internets von „Chemtrails“ geredet, während damals anscheinend nicht nur mit der Schulter gezuckt wurde, sondern es sogar offiziell in den Zeitungen stand?

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In welcher Höhe bilden sich Wolken?

Diese kleine Frage müssen wir kurz beantworten, damit der weitere Text verstanden werden kann:
Wolken finden sich in unseren gemäßigten Breitengraden meist in einer Höhe von 2 – 7 Kilometern, manchmal aber auch bis zu einer Höhe von 13 Kilometern. In den Tropen können sie sogar bis zu 18 Kilometer hoch aufragen.

Was wir an Wolken so kennen, sind winzige, kleine Wassertröpfchen, die entweder friedlich vorbeiziehen oder sich im Falle, dass wir keinen Regenschirm dabei haben, auf uns niederregnen, wenn die Wassertropfen sich zu größeren Tropfen miteinander verbinden und zu schwer zum Schweben sind.

Ja, aber… eine BARIUMWOLKE!!!

Wenn man sich also an den allgemeinen Konsens hält, dass Wolken auch irgendwann wieder niederregnen, kann man nun wirklich Panik bekommen:
Eine Wolke aus purem Barium, das klingt nach Wahnsinn! Ein gewollter, giftiger Niederschlag! Und die Zeitungen regen sich nicht einmal darüber auf!

Nur weil es wie eine Wolke aussieht…

…muss es noch lange keine echte Wolke sein.
Was bei diesem NASA-Experiment nämlich genau gemacht wurde, praktizierten sie bereits 1971, nämlich das Ausbringen von Bariumgemischen in der oberen Atmosphäre, um die Entwicklung des Erdmagnetfeldes zu untersuchen. Diese Experimente sind dann tatsächlich oft von der Erde aus als „Wolken“ sichtbar, finden allerdings in weitaus größerer Höhe statt!

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Das Projekt „CAMEO“

Die NASA hat ein Online-Verzeichnis sämtlicher Experimente, die im Laufe der Jahrzehnte durchgeführt wurden und werden, und dort findet sich auch eine genauere Beschreibung des CAMEO-Experimentes. CAMEO bedeutet „Chemically Active Material Ejected in Orbit“, also auf Deutsch „Chemisch aktives Material, das im Orbit ausgesetzt wird“.

Bei dem Experiment wurden auf einer Höhe von 965 Kilometern über dem Nordpol sogenanntes Thermitbarium freigesetzt. Dies allerdings nicht tonnenweise, sondern in ener Menge von vier Kanistern. Überhaupt wird für solche Experimente nie viel Bariumgemisch benötigt, bei einem Experiment von 1972 beispielsweise waren es rund 15 Kilogramm.

Warum Barium?

Als Erstes: Es handelt sich nie um reines Barium, sondern um ein Bariumgemisch, zumeist mit Kupferoxid oder in diesem Fall Thermit. Bei Thermit handelt es sich um den Handelsnamen eines speziellen Gemischs aus Eisenoxid und Aluminumgranulat.
Und es hat auch einen guten Grund, warum nur solche Gemische verwendet werden, denn erst dadurch entstehen diese farbigen „Wolken“ und erst dadurch kann die NASA auch präzise Messungen über das Magnetfeld der Erde vornehmen!

Das Barium reagiert nämlich in dieser Höhe, in der es noch eine sehr dünne Atmosphäre gibt, mit dem im Thermit oder Kupferoxid gebundenen Sauerstoff und bewirkt das Leuchten. Durch diese Reaktion kann das Barium auch dann noch reagieren, wenn die Atmosphäre nur noch wenig oder gar kein Sauerstoff mehr enthält.

Fazit

Es handelt sich dabei nicht um die „herkömmlichen“ Wolken, die dann auch irgendwann herunterregnen, sondern um relativ geringe Mengen eines Bariumgemischs von wenigen Gramm bis mehrere Kilogramm, welches in einer Höhe von 965 – 31.000 Kilometer ausgebracht wird und sich über Tausende Kilometer verteilt und leuchtende Wolken erzeugt, die die NASA zur Untersuchung des Magnetfeldes nutzt.
Einen sehr guten und ausführlichen Artikel über ein weiteres Experiment dieser Art von 1971 findet sich auch auf dem Blog „Galaktische Blöderation„, wo sich auch einige Bilder dieser „Wolken“ finden.


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