10 Bäume für jedes Neugeborene – Orbáns 27% Wald

Andre Wolf, 18. Februar 2020
Artikelbild Orban, Wald: Shutterstock / Von Belish
Artikelbild Orban, Wald: Shutterstock / Von Belish

Wald, es gibt mehr Wald! Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán will Bäume für jedes neugeborene Kind pflanzen, und zwar 10 pro Kind. Und das 10 Jahre lang!

Das Wichtigste über Orbán und den neuen Wald in Kürze:

Orbán hat in einer Rede plakativ angekündigt, er wird 10 Jahre lang pro neugeborenem Kind 10 Bäume pflanzen lassen, um die Waldflächen auf eine bestimmte Menge zu erhöhen. Das Problem: Diese Waldflächen dürften rein rechnerisch sehr dünn bepflanzt sein. Man kann also eher von einem symbolischen Satz Órbans ausgehen.

Das Ziel für jedes neugeborene Baby in Ungarn zehn Bäume zu pflanzen, lässt die ungarischen Wälder laut Angaben der Regierung bis 2030 um 27 Prozent wachsen und stellt einen Teil eines umfangreichen Maßnahmenpakets dar, um Ungarn bis 2030 zu 90% autark von fossiler Energiequellen also „klimaneutral“ zu machen (mehr über das Paket hier).

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Neue Waldfläche wird im Land dringend benötigt, die Waldfläche entspricht momentan nur 23 Prozent des gesamten Staatsgebietes, zum Vergleich in Deutschland sind es fast 30 Prozent. Ungarn rangiert damit laut Ranking der Weltbank auf Platz 104 der Welt.

Daher seine Äußerung: Bis 2030 will Orbán für jedes neugeborene Kind in Ungarn 10 Bäume pflanzen lassen und somit die Waldfläche um 27 Prozent wachsen lassen.

27%: Wie kommt Orbán auf diese Zahl?

Die Frage ist: Will er um UM 27% steigern oder AUF 27% steigern? Medien berichten häufig von einer Steigerung um 27 %, was dann eine Steigerung von 6,21 Prozentpunkten wäre und einen Anteil von 29,21% Waldfläche bedeutet. Also knapp 30% der Gesamtfläche Ungarns. Würde er AUF 27% Anteil der Waldfläche steigern wollen, wäre das ein Anstieg von 4 Prozentpunkten.

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Was auch immer: Beide Zahlen stellen für Volker Plass, Programm-Manager bei Greenpeace in Österreich, keinen Wald dar. So zumindest schreibt es Plass auf Facebook und kritisiert dabei viele Medien, die hier nicht hinterfragen, was einen Wald ausmacht. Seine Rechnung:

Interessantes Phänomen: Ein rechtspopulistischer Regierungschef macht eine vollmundige Ankündigung und stellt irgendeine Zahl in den Raum – und alle Medien transportieren diese brav weiter. Offenbar findet es keine der Redaktionen der Mühe wert, ein wenig nachzurechnen und die Ankündigung Viktor Orbáns als das zu entlarven, was sie ist: ein vollkommener Blödsinn!

Für jedes neugeborene ungarische Kind bis 2030 will Orbán also 10 Bäume pflanzen. Dadurch soll die Waldfläche Ungarns angeblich um 27 Prozent wachsen.

Rechnen wir kurz nach: Pro Jahr werden in Ungarn etwas weniger als 100.000 Kinder geboren. Multipliziert mit 10 Jahren und je 10 Bäumen macht das rund 10 Millionen Bäume.

Man kann von einem Wald sprechen, wenn auf einem Hektar etwa 1.500 Bäume bzw. auf einem Quadratkilometer 150.000 Bäume stehen. Orbàn will also rund 67 Quadratkilometer Wald aufforsten.

Das ist ja durchaus fein, aber bei einer derzeitigen ungarischen Waldfläche von rund 20.000 Quadratkilometern (laut Weltbank) sind das nicht 27 Prozent Zunahme, sondern etwa 0,3 Prozent.

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Rechnen wir nach: Ungarn hat seit Jahren recht konstant eine Geburtenrate von 9 – 9,5 Neugeborenen auf 1.000 Einwohnern bei 9,773 Millionen Einwohnern insgesamt (Stand 2019, Quelle hier und hier).

Nimmt man also das Jahr 2019 als Ausgang für die Rechnung, liegen wir bei 9,773 Millionen Einwohnern und einer Geburtenrate von 9‰. Das ergibt gut laut Rechnung 87.957 Neugeborene, also rund 88.000 Menschen. Würde rein rechnerisch 880.000 Bäume pro Jahr ergeben.

Wie Orbán sagt und auch Plass in seiner Rechnung beschreibt, geht es um einen Zeitraum von 10 Jahren (bis 2030). Bei konstanter Geburtenrate, sowie der Annahme, dass Ungarns Bevölkerung geringer wird (Quelle hier auf Basis von UN Daten), dürften beispielsweise pro Jahr ca. 5.000 Bäume weniger gepflanzt werden und wir somit am Ende bei ca. 8.750.000 Millionen Bäumen liegen, die in dem gesamten Zeitraum gepflanzt werden.

Das zeigt: die (zur Einfachheit beabsichtigt) grobe Rechnung von Plass stimmt so weit. Wir liegen bei etwas unter 10 Millionen neuen Bäumen. Jetzt wird es jedoch schwierig: Plass geht in seiner Gegenrechnung von 1500 Bäumen pro Hektar aus, also 150.000 Bäumen pro Quadratkilometer. Wenn wir ebenfalls diese Zahl nehmen, entspräche die Fläche bei dieser Menge an Bäumen 58,3 Quadratkilometern in 10 Jahren und liegt nahe dem Ergebnis von Plass.

Ungarn hat nach Stand 2016 eine Waldfläche von 20.736 km² (siehe hier). Ein Anstieg von 58,3 km² entspricht einem Anstieg von 0,28%. Auch unsere Rechnung liegt hier sehr nahe dem Ergebnis, welches Plass auf Facebook veröffentlicht hat (0,3%). Beide Zahlen also weit entfernt der 27% Angabe von Orbán.

Aber diese Rechnungen haben ein ganz großes Problem: Die Menge an Bäumen für einen Wald ist nicht definiert!

Wann ist der Wald ein Wald?

An dieser Stelle wird es spannend. Orbán und auch Plass sprechen von Waldflächen. Das muss natürlich definiert werden um zu schauen, ob die 27% realistisch sind.

Orbán definiert den Begriff Waldfläche nicht weiter. Plass hingegen spricht davon, wenn „auf einem Quadratkilometer 150.000 Bäume stehen“. Grundsätzlich gilt als Wald eine mit Bäumen bedeckte Fläche. Das Bundeswaldgesetz (ja, so etwas gibt es!) in Deutschland definiert beispielsweise (vergleiche):

Gesetz zur Erhaltung des Waldes und zur Förderung der Forstwirtschaft (Bundeswaldgesetz) § 2 Wald

(1) Wald im Sinne dieses Gesetzes ist jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche. Als Wald gelten auch kahlgeschlagene oder verlichtete Grundflächen, Waldwege, Waldeinteilungs- und Sicherungsstreifen, Waldblößen und Lichtungen, Waldwiesen, Wildäsungsplätze, Holzlagerplätze sowie weitere mit dem Wald verbundene und ihm dienende Flächen.

In Österreich ist der Wald ebenfalls per Gesetz definiert (vergleiche):

§ 1a.

 (1) Wald im Sinne dieses Bundesgesetzes sind mit Holzgewächsen der im Anhang angeführten Arten (forstlicher Bewuchs) bestockte Grundflächen, soweit die Bestockung mindestens eine Fläche von 1 000 m2 und eine durchschnittliche Breite von 10 m erreicht.

Wie viele Bäume pro Fläche ein Wald ausmacht, ist dort leider nicht weiter definiert. Auch die Vereinten Nationen geben keine wirkliche Antwort auf die Menge der Bäume, sondern lediglich auf die Mindestfläche. Die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen beschreibt, dass ein Wald eine Mindestfläche von 5.000 Quadratmeter haben muss, dessen Fläche nur zu einem Zehntel von Baumkronen überschirmt sein braucht.

Insofern bietet sich hier ein Schlupfloch für Orbáns Angaben, da eine genaue Definition der Baummenge nicht vorliegt. Die Rechnung von Plass wiederum geht von 1.500 Bäumen pro Hektar aus. Diese Zahl nennt auch das landwirtschaftliche Wochenblatt in einem Artikel über Aufforstung (siehe hier):

1 500 Bäume/ha genug

Die Versuchsfläche „schematische Reduktion“ verringerte die Baumzahl im Jahr 2009 auf 1 500 Bäume/ha. Der Bestand kann problemlos durchschritten werden, die Fichten wirken vital, zeigen gerade ihren frischen kräftigen Austrieb.

Die Landwirtschaftskammer Oberösterreich nennt in einer Broschüre Zahlen 740 und 1.200 Bäumen pro Hektar (siehe hier):

Hauptbaumart Eiche oder Buche: Truppgröße: 3 x 3 m; Planzenanzahl im Trupp: 20 St.(4 x 5 Stk.);
Pflanzabstand im Trupp: 1 x 0,75 m; Truppabstand: 12 m, Pflanzenbedarf: ca. 1.230 Stk./ha
Nebenbaumart HBu, Li, Lä oder Dgl: Pflanzabstand 2,5 m,  Pflanzenbedarf: ca. 740 Stk./ha

Dennoch: Nein, es gibt keine genaue Definition, wie viele Bäume ein Wald haben muss. Es gibt Empfehlungen für die Aufforstung, aber keine zwingende Zahlen. Daher ist es im letzten Schritt wichtig, wie (rein rechnerisch natürlich) Orbáns Wald aussehen würde.

Wie sieht Orbáns Wald rechnerisch aus?

Um die Waldfläche in 10 Jahren um 27% zu steigern (und auf knapp 30% Gesamtwaldfläche zu kommen), benötigt Orbán eine Gesamtwaldfläche von ca. 27.909 km². Das entspricht einer neuen Waldfläche von ca. 7.173 km² .

Diese neue Waldfläche stattet er gemäß Rechnung mit 8,75 Millionen Bäumen aus. Das entspricht 1.220 Bäumen pro km². Das sind 12 Bäume pro Hektar. Was das bedeutet:

Ein Standardfußballfeld hat im Schnitt 0,714 Hektar Fläche (vergleiche). Orbáns Wald würde im Vergleich also 9 Bäumen auf der Größe eines Fußballfeldes entsprechen.

Für die einen ist das ein Wald, die anderen könnten darauf noch problemlos Fußball spielen.

Fazit

Man darf das jetzt nicht falsch sehen: Orbán dürfte wohl wirklich den Waldflächenanteil von 30% anstreben, jedoch seine Zahlen aus der Rede sind eher plakative Zahlen und als politisches Gimmick zu sehen.

Spannend ist, dass ausgerechnet die Bäume und die Aufforstung ein unbedeutender Teil in Orbáns Rede sind. Denn die Fokussierung auf die Aufforstung durch Orbán stellt die anderen Punkte aus seinem Maßnahmenpaket in den Schatten. Wir haben in unserem Artikel „10 Bäume für jedes Neugeborenes – Das verstrahlte trojanische Pferd?“ das gesamte Paket näher betrachtet.

Artikelbild Orban, Wald: Shutterstock / Von Belish


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