„Den Orban find‘ ich schon super!“ – Warum Menschen sich nach Autokraten sehnen.

Autokraten. Der Begriff steht für Alleinherrscher, der die unumschränkte Staatsgewalt für sich beanspruchen. Die Prägung einer Autokratie kann unterschiedlich hart ausfallen. Überdies zeigt der aktuelle Demokratieindex: Zahl der autoritären Regierungen steigt weiter!

Andre Wolf, 22. September 2022

Was macht Autokraten für Menschen so attraktiv? Diese Frage stelle ich mir seit ein paar Tagen. Am letzten Montagabend bin ich auf dem Weg nach Hause an einem Gasthaus entlanggegangen. Es war bereits dunkel, ein kalter Wind zog durch die Gassen. Leichter Regen, dessen kalte Tropfen wie kleine Nadelstiche auf die Haut wirkten, komplettierte das herbstliche Szenario.

Vor der Türe des Gasthauses stand eine kleine Gruppe Menschen. Raucherpause. Das gnadenlos unangenehme Wetter irritierte sie nicht. Sie unterhielten sich über Politik. Im Vorbeigehen hörte ich recht deutlich den Satz „Egal, was die da alle so sagen, den Orban find‘ ich schon super!“. Die beistehenden Personen stimmten mit einem mehr oder weniger lautem „Ja“ zu. Mich hingegen erschreckte es. Orban super? Einen Mann, der in Europa sich als Autokrat aufspielt?

Das gibt mir bis heute zu denken. Orban. Ausgerechnet. Ein Mann, der die freien Medien des eigenen Landes seit Jahren unter Druck setzt. Der eine rassistische Denkweise an den Tag legt. Ein Autokrat, der schrittweise die Demokratie seines Landes zerlegt. Genau dem Mann zollt die Gruppe vor dem Gasthaus hohen Respekt. Egal, was andere sagen. Ungarn selbst gilt gemäß aktuellem Bertelsmann Transformation Index (BTI) nicht als Autokratie, jedoch als defekte Demokratie. Jedoch mit Tendenz zum Abbau der Demokratie.

Ich frage mich, was Menschen dazu bewegt, sich Autokraten zu wünschen und im Gegenzug eine Einschränkung ihrer Grundrechte in Kauf zu nehmen. Denn genau das geschieht in Autokratien. In Autokratien gibt es eine messbare Einschränkung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit, eine Gleichschaltung von Medien und überdies immer wieder der Aufbau von Feindbildern (meist gesellschaftlich kleinere und wehrlose Gruppen), die entsprechend verfolgt werden.

Doch augenscheinlich muss es einen Reiz geben, den Autokraten auslösen. Oder ist es vielleicht einfach die Propaganda, die auf gezielt verbreitet wird und auf Menschen wirkt. Oder am Ende gar das vermeintliche Scheitern des eigenen freien demokratischen Gesellschaftssystems in Krisenzeiten?

Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen

„Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Dieser Satz stammt von Winston Churchill, er sprach ihn in einer Rede vor dem Unterhaus am 11. November 1947 aus. Churchill hin oder her, die Aussage jedoch kann ich unterstreichen.

Eine Demokratie kann nie perfekt sein. Sie basiert auf gesellschaftlichen Kompromissen, Solidarität und gegenseitiger Rücksichtnahme. Schutz von Minderheiten, Entfaltung aller unter Respekt der anderen, aber auch Grundrechten, die für alle Menschen gelten. Niemand steht über dem Gesetz, das Gesetz gehorcht nicht der Politik, sondern die Politik, die Exekutive und auch die Judikative folgt dem Gesetz. Eine demokratische Gesellschaft mit funktionierenden Grundgesetzen schütz die Freiheit aller Menschen, die in dem jeweiligen Land wohnen.

Das gestaltet sich bisweilen natürlich mühsam und kann durchaus für Frust sorgen oder gar eine Gesellschaft lähmen. Besonders in Krisenzeiten kann dieser Frust entstehen, da Krisen grundsätzlich für innere Spannungen sorgen. Das können wir mittlerweile seit Jahren beobachten, die Corona-Pandemie

hat uns allen gezeigt, was bisher nur theoretisch beschrieben wurde. Überdies stehen wir erst am Anfang, denn Krieg, Energiekrise, rasend schnell steigende Preise und Klimawandel werden noch für weitere Spannungen sorgen.

Kann das eine Demokratie aushalten? Das weiß ich nicht, aber das muss sie. Denn was sind die Alternativen?

Krisen: Der Traum von Populisten und Autokraten!

Krisen sind ein Problem für Demokratien, jedoch willkommene Ereignisse für Populisten und Autokraten. Das ist weder eine neue, noch eine umwerfende Erkenntnis. Wir finden auch zur Genüge Beispiele, dass sich (Rechts-)Populisten Krisen herbeiwünschen, um ihre Form der destruktiven Politik stärken zu können (jüngstes Beispiel HIER).

Ob Flüchtende, die nach Mitteleuropa kommen, Energiekrise oder Coronapandemie: Populisten zeichnen in Krisen Feindbilder, brechen komplexe Probleme auf falsch vereinfachte Ebenen herunter. Mit Vorwürfen, Wut und den entsprechenden Feindbildern knüpfen Populisten an die Mitte der Gesellschaft an und erhoffen sich so einen Machtgewinn, um am Ende selbst in eine regierende Machtposition zu gelangen.

Autokraten haben es da einfacher. Sie müssen nicht mehr in eine regierende Machtposition kommen, denn sie sind bereits dort. Sie müssen jedoch diese Position festigen und ausbauen. Das funktioniert jedoch nur, indem sie immer radikaler werden. Voranschreitende Gleichschaltung von Medien und Kultur, immer neue Feindbilder, immer größerer Druck auf die Gesellschaft, sodass keine kritischen Stimmen auftauchen.

In Krisenzeiten dürfte dieser Vorgang sogar einfacher sein. Um nochmals das Beispiel Orban zu nutzen: seit März 2020 darf Viktor Orban in Ungarn per Dekret regieren! Ungarns Parlament hat seinerzeit aufgrund der frisch entfachten Coronapandemie ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Und bevor dieses Dekret auslaufen konnte, hat Orban kurzerhand die nächste Krise als Anlass für ein weiteres Dekret genommen. Seit Mai 2022 gilt in Ungarn der Ausnahmezustand aufgrund des Ukraine-Krieges. Damit bleibt Orban im Grunde weiterhin ein Autokrat, der sich jederzeit per nächstem Dekret seine Regierungszeit selbst verlängern könnte.

Warum wünschen sich Menschen Autokraten wie Orban? Blicken wir zurück!

Dennoch ernten Autokraten auch in demokratischen Systemen von vielen Menschen großen Zuspruch. Der ungarische Regierungs-Chef ist im Grunde ein gutes Beispiel, wie es funktioniert und warum Menschen Orban in Ungarn so sehr vertrauen. Hierzu haben wir mit HS-Prof. MMag. Claus Oberhauser von der Universität Innsbruck gesprochen.

In Oberhausers Augen hat Orban eine geniale Werbestrategie gefahren. Er hat es geschafft, „ausländische“ Feinde unter Zuhilfenahme des Feindbildes „George Soros“ als die große Bedrohung für die ungarische Demokratie hinzustellen. Das heißt, dass er selbst als der Bewahrer der Werte des Volkes (hierbei auch Familien und Kampagnen bzgl. Kinder) gilt, während die anderen „uns“ verändern wollen. Also der Klassische Aufbau der kontrastreichen Fronten „die“ und „wir“. Im gleichen Zuge, so Oberhauser, erzähle Orban die alte Geschichte von Herr und Knecht und stelle sie auf den Kopf: Das unbeugsame Ungarn gegen die bösen „ausländischen“ Agitatoren.

Das sind typische Strategien, die Autokraten anwenden, um an Macht zu gelangen, aber auch ihre Macht zu halten und zu festigen. Die aktuellen Krisen wirken dabei unterstützend. Oberhauser nennt hier einen Neo-Nationalismus, der in den aktuellen Krisen entstanden ist. Je mehr Internationales und Kosmopolitisches infrage gestellt, desto eher sind es Rechtspopulisten in Mitteleuropa (in Südamerika ist das nicht der Fall), welche die Werte der beiden anderen Gruppen ablehnen.

Deswegen proklamierte Orban ja die illiberale Demokratie. In diesem Zusammenhang wirkt auf der Metaebene auch der „Niedergang des männlichen weißen Europa“. Dieses Szenario dürfte bei vielen Menschen wahrscheinlich schwerwiegender wirken, als man zunächst annimmt: Die latente Angst vor pluralen Gesellschaften scheint tief verwurzelt zu sein. Orban ist hierbei ein Fels in der Brandung.

Historisch betrachtet sind starke Umbruchphasen häufig Zeiten, in denen der Ruf nach dem „starken“ Mann vorhanden ist. Man wäre erstaunt, wie häufig man diese Forderung vor der Machtergreifung Hitlers bereits im deutschsprachigen Raum hatte. Der Ruf nach dem „starken“ Mann steht für einfache Antworten auf komplexe Fragen. Diese Fragen werden natürlich in Krisenzeiten häufiger gestellt: Wie gesagt, gerade nach dem Ersten Weltkrieg war dies ein hochfrequentiertes Sujet.

Was treibt Menschen zum Wunsch nach Autokraten an?

Der Wunsch nach einem Autokraten trägt mehr oder weniger bewusst ein demokratiefeindliches Denkmuster. Um diese Muster genauer zu beleuchten, haben wir überdies mit der Psychologin und Psychotherapeutin Mag. Ulrike Schiesser gesprochen.

Die Beobachtung, dass in Zeiten von Unsicherheit und Angst, autoritäre Führungsstile und charismatische autoritäre Leader besonders gut ankommen, ist schon fast selbsterklärend, so Schiesser. Je höher der Stress, umso sei man bereit, eigene Werte über Bord zu werfen und nur das eigene Überleben zu sichern. Bei echten Gefahren ist Führung und Leitung auch wirklich sinnvoll. Rettung und Feuerwehr, zum Beispiel, sind auch in sehr autoritären Befehlsstrukturen organisiert. Bei einem Katastropheneinsatz will niemand vorher eine komplexen basisdemokratische Entscheidungsfindung haben. 

Antidemokratische Leader haben es leichter, die Welt in simple Freund/Feind-Bilder einzuteilen, Lösungen und Sicherheiten zu versprechen, die sie in Wirklichkeit nicht liefern können, sagt Schiesser. Die Illusion von Handlungsentschlossenheit und Kompetenz, das selbstbewusste Auftreten ist verführerisch. Sie haben weniger Skrupel, den Menschen eines Landes Rettung zu versprechen. Demokratie ist nicht etwas, das man hat, sondern etwas, das stets aufs Neue gemacht werden muss, und das ist immer wieder eine Herausforderung und Zumutung. Die Diktatur steht für die einfache Lösung. Wenn auch eine gewagte Annahme ist, so darf man spekulieren, dass jeder, der mit der Autokratie flirtet, auch davon ausgeht, auf der Seite der Gewinner zu stehen.

Eine recht interessante Beobachtung gegenüber Autokratien liegt darin, dass diese in der Gegenwart gegenüber der Vergangenheit eher selten mit Gewalt, sondern vielmehr mit Desinformation arbeiten und sich bemühen, wie Demokraten auszusehen. Verschwörungstheorien werden top down erzeugt, als Werkzeug der Unterdrücker, nicht der Unterdrückten. 

Die Einfachheit des Handels in der komplexen Situation

Ich verstehe nun die Menschen, die vor dem Gasthaus standen und Orban ihren Respekt zollten. Nicht, dass ich diesen Respekt teile. Nein, ich verstehe ihre Gedankengänge. Es geht um die Durchsetzungsfähigkeit bei gleichzeitig einfachem Handeln. Es ist das alte Bild des „Machers“, der gegenüber einem komplexen gesellschaftliche „Theoretiker“-System einfach tut. Der Macher erntet immer die Sympathien.

Gleichzeitig schwingt die Annahme mit, dass wenn einmal ein „Macher“ im eigenen Land an die Macht käme, man selbst immer positiv betroffen wäre. Doch diese These, so der Blick in die Vergangenheit oder in autokratische Systeme, bewahrheitet sich nicht zwingend. Irgendwer wird immer zum Feindbild stilisiert.

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Titelbild von Tibor Janosi Mozes auf Pixabay


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