Ukraine Krise

Christlicher Autokorso in der Ukraine ist ein Trauerzug von 2015

Ein mit emotionaler Musik untermaltes Video zeigt angeblich einen Autokorso zum Transport eines Reliktes in einen Bunker. Doch das Video zeigt einen Trauerzug von 2015.

Ralf Nowotny, 16. März 2022
Christlicher Autokorso in der Ukraine ist ein Trauerzug von 2015
Christlicher Autokorso in der Ukraine ist ein Trauerzug von 2015

 In sozialen Medien werden derzeit ständig Videos und Fotos aus der Ukraine gepostet, wobei besonders emotionale Aufnahmen viele Likes und Shares versprechen, was leider auch allzu oft ausgenutzt wird. So zeigt ein kurzes, angeblich aktuelles Video den Transport des „Allerheiligsten“ in einen Bunker, um es vor Raketeneinschlägen zu schützen.
Das Video ist jedoch mindestens von 2015 und zeigt einen Trauerzug.

Das Video

Das Video mit dem Autokorso  ist je nach Quelle zwischen 45 Sekunden und 1:25 Minuten lang und findet sich beispielsweise HIER und HIER und HIER.

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

Die Beschreibung in sämtlichen Quellen:
Angeblich sei in dem Video zu sehen, wie das „Blessed Sacrament“ (Das Allerheiligste) aus der Kathedrale in Kiew in einen Bunker transportiert wird, was zuletzt im Zweiten Weltkrieg geschehen sein soll. Der Straßenrand sei von christlichen Ukrainern gesäumt, die ehrfürchtig davor niederknien.

Das Video wirft Fragen auf

Das Video wirft von vornherein einige Fragen auf, wie die Catholic News Agency betont:

Warum wurde die Eucharistie überhaupt aus der griechisch-katholischen Kathedrale der Auferstehung Christi in Kiew verlegt? Das Oberhaupt der ukrainischen katholischen Kirche, Erzbischof Swiatoslaw Schewtschuk, hatte sich zusammen mit anderen Kirchenführern vor den russischen Raketenangriffen auf die Stadt in einen sicheren Raum unter der Kathedrale geflüchtet – warum also nicht das Allerheiligste dorthin bringen?

Und warum finden sich so viele Passanten ein, die ehrfürchtig niederknien, wenn der Transport des Allerheiligsten eher spontan erfolgte und die griechisch-katholische Kirche in Kiew eine Minderheit darstellt?

Die Melodie in dem Video sei zudem ein ukrainisches Lied, welches gesungen werde, wenn sie sich von einem Volkshelden verabschieden wollen, passt also thematisch gar nicht zu der Beschreibung. Das Lied führt uns aber zu dem wahren Ursprung des Videos: Ein Trauerzug.

Ein Trauerzug für einen Soldaten

Das Originalvideo ist über 8 Minuten lang und lässt sich bis ins Jahr 2015 zurückverfolgen:

Ein Bildvergleich zeigt auch, dass es sich um dasselbe Video handelt:

Das Video im Bildvergleich
Das Video im Bildvergleich

Gemäß dem eingeblendeten Text am Anfang des Videos zeigen die Aufnahmen die Beerdigung eines „Cyborgs“, was der ukrainische Spitzname für Soldaten ist, die zu dieser Zeit den Flughafen Donezk gegen prorussische Separatisten verteidigten und aufgrund ihrer Zähigkeit eher an Maschinen erinnerten.

Fazit

Die Beschreibung des Videos ist falsch: Es zeigt nicht den Transport eines christlichen Sakraments in einen Bunker, sondern die Beerdigung eines gefallenen Soldaten von mindestens 2015.


Unabhängige Faktenchecks und Recherchen sind wichtig und richtig. Sie fördern Medienkompetenz und Bildung. 

Ein unabhängiges und für jeden frei zugängliches Informationsmedium ist in Zeiten von Fakenews, aber auch Message Control besonders wichtig. Wir sind seit 2011 bestrebt, allen Internetnutzern stets hochwertige Faktenchecks zu bieten.  Dies soll es auch langfristig bleiben. Dafür brauchen wir jetzt Deine Unterstützung!

Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

weitere mimikama-Artikel