Aus dem Leben eines Community Managers

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Sanft klopft es an der Schlafzimmertür. Mehrfach. Dezent, aber dennoch mit Nachdruck. Immer wieder. Zunächst ziehe ich mir meine Bettdecke mit dem edlen Mimikama-Logo über den Kopf, doch feine Seide filtert nun einmal nicht dieses unerbittliche Klopfen. Widerwillig öffne ich meine Augen und werfe einen überraschten Blick auf meinen güldenen Wecker:

„Ach, herrje! Schon sechs Uhr! Die Arbeit ruft!“ murmele ich leise vor mich hin. Immerhin so laut, dass Mimi das Klopfen einstellt, die Tür leicht öffnet und, wie jeden Morgen, fragt, wo ich heute mein Frühstück zu mir nehmen möchte. Wer Mimi ist? Mein Dienstmädchen und die gute Seele meiner Villa. Als Community Manager ist man immerhin wer und wird vom Oberdaumen natürlich durch solche Annehmlichkeiten bei Laune gehalten.

Schalfgemach: Bettwäsche mit edlen Mimikama-Logo und ein güldener Wecker. Auf dem Foto an der Wand der Oberdaumen, auch der "Oide" genannt.
Schalfgemach: Bettwäsche mit edlen Mimikama-Logo und ein güldener Wecker. Auf dem Foto an der Wand der Oberdaumen, auch der „Oide“ genannt.

„Heute bitte auf der Terrasse, vielen Dank!“. Ich kleide mich heute mal leger: kein Smoking, der Anzug samt Krawatte mit Windsorknoten reicht. Es werden um diese Uhrzeit sicher noch nicht allzu viele Gäste da sein. Das Frühstück ist, wie immer, eine Wonne.

„Mimi, bitte lassen Sie den Wagen vorfahren. Ich bin spät dran!“ – „Welchen den heute?“ – „Den Bentley!“ – „Sehr gerne, Chef!“.

Ewigkeit von mindestens einer ganzen Minute fährt der Bentley vor. „Ahja, endlich tragen auch die Radnaben das Mimikama-Logo“ siniere ich und nehme auf den edlen Ledersitzen im Fond Platz. Wie jeden Morgen schließt mein Fahrer würdevoll die Tür, nimmt hinter seinem Steuer Platz um kurz darauf in den Rückspiegel zu schauen um mit sonorer Stimme zu fragen: „Darf ich Sie direkt in die Fakejäger-Zentrale fahren, Chef?“. Und wie jeden Morgen antworte ich: „Selbstverständlich, sofern Sie an meinen Koffer gedacht haben?“. Auch, wenn ich die Antwort bereits kenne so frage ich dennoch. Ohne meinen Koffer wäre ich nämlich aufgeschmissen. „Der Koffer ist selbstverständlich an Bord, Chef!“.

In der Fakejäger-Zentrale angekommen schaue ich erst einmal bei den Kolleginnen und Kollegen vorbei. Achtundsiebzig Monitore informieren über all das, was am letzten Tag passierte und derart relevant war um darüber zu berichten. Immerhin gilt es für mich, im Thema zu sein, wenn ich mich gleich in die Community fahren lasse. In die Höhle des Löwen, quasi. Die nächsten fünfzehn Stunden werden mir auch heute wieder alles abverlangen.

Die Fakejäger-Zentrale mit achtundsiebzig Monitoren!
Die Fakejäger-Zentrale mit achtundsiebzig Monitoren!

Schritte hallen auf dem italienischen Marmor, den unser Chef jüngst erst im Rahmen der umfassenden Renovierung einfliegen ließ. Unser Pressesprecher hetzte an mir vorbei, grüßte noch schnell und trieb seinen Piloten an, der seinem Tempo kaum standhalten konnte. Offenbar stand wieder ein Außentermin an und man war spät dran. Bleibt zu hoffen, dass unser Privatjet bereits aufgetankt und somit einsatzbereit ist.

Oberdaumen Tom telefonierte gerade, als ich sein Büro betrat und deutete mir an, mich zu setzen. “Das ehrt uns natürlich, aber das kommt für uns nicht in Frage. Dennoch vielen Dank für Ihr Angebot. Auf Wiederhören!”

“Wieder der Zuckerberg?” – “Wer sonst. Er wollte noch Fünfhunderttausend drauflegen.” antwortete Tom und rollte mit den Augen.
“Damals hätte er uns für lau bekommen, weisst du noch?”. Tom schmunzelte genüsslich.
Tja, nun ist es zu spät. Er hatte seine Chance! Essen wir noch ein Lachshäppchen oder musst du schon los?” – “Ich bin leider spät dran, beim nächsten Mal gerne!” – “Okay, dann viel Spaß. Vergiss..” – “…deinen Koffer nicht, ich weiß!” lächelte ich den Oberdaumen an, verabschiedete mich und ging schnellen Schrittes zum Parkplatz, auf dem mein Fahrer bereits auf mich wartete. “Motor an, vorwärts marsch!” – “Jawohl, Chef!”.

Schon die Anfahrt zur Community gestaltet sich auch heute wieder äußerst schwierig. Tausende jubelnde Mitglieder säumen den Weg, klatschen begeistert in die Hände als sie unsere Limousine erblicken und trotz ausgeprägter Tendinitis winke ich würdevoll lächeln freundlich zurück.

„Wir sollten besser den Hintereingang nehmen, Chef!“ – „Ja, bitte. Und vergessen Sie den Koffer nicht!“ – „Natürlich nicht, Chef!“.

Mein Fahrer trägt meinen Koffer ins Büro und verabschiedet sich mit einem angedeuteten Diener. Gleich wird es losgehen. Ich öffne meinen Koffer und prüfe peinlichst genau, ob auch tatsächlich alles dabei ist. Jeden Tag erneut atme ich erleichtert auf, wenn dem so ist. So auch heute.

Während ich das opulente Blumenbouqet wohlwollend zur Kenntnis nehme und noch genüsslich in ein vermutlich von Tom kredenztes Lachshäppchen beiße schrillt die Alarmglocke plötzlich tösend und unerbittlich. “Ups, ich habe die Stempeluhr vergessen!” ärgere ich mich und hole mein Versäumnis mit einem gezielten Hechtsprung formvollendet und standsicher nach.

Der Oide, wie wir unseren Oberdaumen liebevoll nennen dürfen, versteht da keinen Spaß!

Dreimal zu spät, und – zack! – werden nicht nur die Lachshäppchen durch Rollmops aus dem Glas ersetzt, sondern auch unser Gehalt einschneidend gekürzt. Wer weiß, wieviel ein Bentley verbraucht, der wird nachvollziehen können, wie unschön das ist. Ganz zu schweigen von Mimi, die dann auch nur noch auf Sparflamme arbeitet und mir nicht mehr die Krawatte bindet.

Ich schaue aus dem Büro heraus in die riesige Halle und zähle durch, wieviele Theken bereits besetzt sind um mir einen ersten Überblick zu verschaffen. “Ganz schön was los!” staune ich und mache mich auf, wie jeden Tag von Theke zu Theke zu gehen um den spannenden Diskussionen zu folgen, die zu unzähligen Themen dort geführt werden. Niemals ohne meinen Koffer, versteht sich.

Wer ist dieser Barkeeper?
Wer ist dieser Barkeeper?

Ich begebe mich zur ersten Theke, stelle meinen Koffer ab, freue mich zunächst einmal auf einen starken Kaffee und versuche herauszufinden, wer hier eigentlich der Barkeeper ist. Das geht normalerweise recht schnell, denn die Barkeeper-Konzession haben aktuell fast 10.000 Menschen, nämlich alle, die sich unserer Community angeschlossen haben und sich mit unserem Savoire Vivre identifizieren können.

Doch die Konzession an sich ist das Eine, die Eröffnung einer Theke das Andere: der Barkeeper muss nämlich zunächst eine Bewerbung einreichen, in der er sein Vorhaben, andere Gäste zu bewirten, kurz und prägnant erklärt. Die aussagekräftigsten und spannendsten Bewerbungen führen dann dazu, dass ich im Sauseschritt zum Barkeeper eile und ihm den Schlüssel überreiche. Bewerbungen mit der Aussagekraft einer verbeulten Gießkanne werfe ich mit einem Stoßseufzer in einen er riesigen Papierkörbe, die auf dem gesamten Gelände unserer Community als Mahnmal dienen und unserem Hausmeister Minus Karma tagtäglich die Zornesröte ins Gesicht treibt, da sein Rücken beim Leeren der schweren Mülltonnen in siebzehn virtuellen Landessprachen im Gossenjargon mitteilt, was er von der ständigen Schlepperei so hält.

“Der da vorne dürfte der Barkeeper sein, Chef!” sprachs und deutete auf zwei blitzeblank hinter der Theke hervorlugenden Lackschuhe, die sich hin und wieder rhythmisch über den Kneipenboden bewegten, kurz verharrten, um dann wieder rhythmisch über den Kneipenboden zu schlurfen. “Warum liegt der hinter der Theke und steht nicht endlich auf?” frage ich den Mitarbeiter des Saaldienstes, der die Theken stets mit all dem versorgt, was nötig ist.

“Chef, den haben seine Gäste abgefüllt!” – “Abgefüllt?” – “Abgefüllt. Aber so richtig abgefüllt! Wie man ja sehen kann, der kommt nicht mal mehr hoch hinter seiner Theke!”. Langsam dämmert es mir: das, was er da mit seinen blitzeblanken Lackschuhen aufführt ist also weder Teil eines Bewerbungsvideos für “Let´s Dance!”, noch ein weltliches Zeichen für die Wiederauferstehung Michael Jacksons, der mit einem Moonwalk Zwo Null den Foxtrott im Drölfvierteltakt den Orthopäden dieser Welt Reichtum bescheren möchte, da sich die Liegezeit eines Patienten mit verdrehtem Knie und abgerissenen Bändern proportional zum grandiosen Neubau einer weiteren Schickimicki-Villa verhält.

“Packen Sie bitte mal mit an, wir helfen ihm erstmal auf die Beine!” – “Packen Sie am Gürtel an – und: hoooooch!” – “Chef, aber den Koffer lassen Sie hier bitte zu, ich muss morgen früh raus!” – “Abwarten, vielleicht gehts ja auch ohne Koffer.”. Ein Hoffnungsschimmer spiegelte sich in den Augen von Minus Karma wieder. “Den bekommen wir fit, jede Wette!”.

“Hey, Barkeeper! Mach mal die Augen auf! Gut so. Aber beide Augen, beide! Besser! Viel besser! Ups, nicht schlimm, kann passieren. Wir helfen Ihnen gerne wieder hoch auf den Stuhl!”. Karma zerrt und zerrt, schaut mich flehend an und ist sichtlich erleichtert, dass ich erneut mit anpacke. Kaum in der Senkrechten angekommen kreist der Barkeeper derart ausdrucksstark mit den Hüften als würde er außer Konkurrenz an der Weltmeisterschaft der synchronischwimmenden Damen teilnehmen. Nach dem Auspendeln allerdings erinnerte er mich an meine Tante Käthe, die sich von ihrem Oberschenkelhalsbruch und der nachfolgenden Reha nie so richtig wieder erholte.

“Barkeeper? Was ist hier los?”. Beim neunten Versuch, durch das Formen der Lippen unter gleichzeitigem Ausatmen undefinierbarer Gerüche so etwas wie ein paar halbwegs deutbare Worte zu formulieren klappte es tatsächlich.

Der Versuch ein paar halbwegs deutbare Worte zu formulieren.
Der Versuch ein paar halbwegs deutbare Worte zu formulieren.

Ich persönlich bin mir unsicher, ob das nun an dem Wassereimer liegen mag, dessen Inhalt Karma ihm über den Kopf schüttete. Könnte sein, muss aber nicht. Nun scheinen die Lebensgeister zurückzukehren, denn die plötzlich eintretende und lange anhaltende Flatulenz gibt sich ein simultanes, inbrünstiges Stelldichein mit einer Eruktation, die Martin Luther wohl als überschwenglichen Dank eines dreitägigen Zwölfgängemenü interpretiert und zum Anschlagen weiterer Thesen inspiriert hätte.

„Ah, verstehe! Wir schließen hier jetzt erst mal, schlafen Sie sich aus und morgen schauen wir dann weiter. Soll ich Ihnen ein Taxi rufen oder finden Sie alleine hinaus?“

Wie ferngesteuert krabbelt Mister Lackschuh in Richtung Ausgang und erinnert mich an einen Preisboxer, der mit Anlauf in einen Uppercut lief und mit dreifachem Rittberger durch die Ringseile katapultiert wurde. Kama stritt sich unterdessen telefonisch noch mit dem Taxiunternehmen darüber, warum man für den Transport nicht ein einziges Mal den Kofferraum mit kotzresistenter Folie auslegen könne anstatt auf den horrenden Reinigungskosten einer handelsüblichen Rücksitzbank herumzureiten.

Ab in die nächste Kneipe. Oha, was ist denn hier los? Proppevoll – und anstatt sich an den zahlreichen Tischen zu unterhalten steht die Mehrheit der Gäste auf den Stühlen und schreit wild geifernd durcheinander, so dass selbst bei allem erdenklichen Wohlwollen weder ein Kanon noch eine Heavy Metal-Version der Fischerchöre herauszuhören ist?

„Ihr Koffer steht bereit, Chef. Tröte oder Lachgas?“ – „Tröte bitte.“ – „50 oder 100 db?“ – „Zweimal 100, Kama.“ – „Sicher?“ – „Sicher!“. Kama drückt mir die beiden Tröten in die Hand und murmelt etwas von bin-gleich-wieder-da oder so ähnlich. Und weg war er. Verdammt, wo zum Henker sind meine…. ah, da sind sie ja. Zugegeben: ich habe lange darum kämpfen müssen, aber der Oide hatte irgendwann ein Einsehen und kredenzte mir für meine Arbeit ein paar Ohrenstöpsel. Mit Mimikama-Logo, versteht sich. Nicht irgendwelche Ohrenstöpsel, sondern die Besten!

„TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT“

Ich genieße den Moment, entferne meine Ohrenstöpsel mit Mimikama-Logo, verpacke die beiden Tröten wieder im Koffer und freue mich darüber, dass die meisten Anwesenden nicht auf den harten Boden, sondern weitestgehend auf die Stühle gefallen waren und auch der Wechsel auf die nun zwingend nötige Gebärdensprache funktionierte. Meinen Erfahrungen zufolge sollte nach zwei mal einhundert Dezibel die Latenzzeit zum Wiedererlangen gleichwelchen Gehörs rund drei Stunden dauern. Und da die Gäste ja nun alle in einem fiependen Boot sitzen und die Gebärdensprache offenbar weniger Konfliktpotential bietet als gegenseitiges Anschreien kann ich nun den nächsten Pächter in seinem Etablissement aufsuchen.

Minus Kama gesellt sich plötzlich wieder an meine Seite. Pfiffig, der Kama. Kein Fiepen in den Ohren. „Musste nur kurz austreten, Chef!“ – „Genau, Kama.“. Kama schmunzelte. „Erst ein Käffchen oder direkt weiter?“ – „Weiter. Wir haben noch viele Kneipen vor uns!“.

„Hilfe, zu Hilfe! Hiiiiiilfe!“ gellt es durch die ehrwürdigen Hallen. „Da vorne!“ deutet mir Kama auf drei Damen, die wild gestikulierend ausweislich ihrer tiefroten Gesichtsfarbe offenbar im Kollektiv zu hyperventilieren drohten. Wir eilen herbei, und während Kama professionell wie ein Notarzt drei Papiertüten -selbstverständlich mit Mimikama-Logo- aus dem Koffer zerrt und den drei Damen auf Mund und Nase drückt wühle ich im Koffer nach den dicken Fellen.

Die Schnappatmung verschwand so schnell sie gekommen war. Nun sollte es möglich sein, ein paar behutsame Fragen zu stellen. „Ganz ruhig, was ist denn passiert?“ „Da vorne in der Kneipe ist man über uns hergefallen, dabei haben wir nur eine Frage gestellt!“„Über Sie hergefallen?“ – „Ja, über uns hergefallen! Unglaublich, wie wir beleidigt wurden! Wir würden dumme Fragen stellen, wir wären zu dumm diese komische Suchmaschine zu benutzen, und so weiter und so fort!“.

Während Kama mir einen vielsagenden Blick zuwirft erkundige ich mich höflich nach den Konfektionsgrößen der Damen. Immerhin tragen sie für diese Jahreszeit viel zu dünne Kleidung, die des weiteren für einen zünftigen Kneipenbesuch ehr ungeeignet erscheint. Puh, Glück gehabt: die drei dicken Felle passen perfekt und die Stimmung der Damen scheint augenblicklich aufzuhellen. „Dürfen wir die behalten?“ – „Aber natürlich, gerne!“ – „Na, dann wollen wir mal wieder in die Kneipe zurück gehen. Scheint tatsächlich an unserer Kleidung gelegen zu haben, die anderen Gäste hatten auch alle ein dickes Fell.“ – „Immer gerne. Und wenn es Ihnen dennoch zu kalt wird, dann drücken Sie einfach den roten Knopf. Dann schmeißen wir die Heizung an und lüften mal so richtig durch!“.

Es folgen vierhundertachtundzwanzig weitere Kneipen, die wir auf unserem Rundgang besuchten.

Spannende Diskussion bei dem dröfzigtsten Bier!
Spannende Diskussion bei dem dröfzigtsten Bier!

In der Regel werden wir von den Wirten und deren Gästen mit einem freundlichen „Hallo!“ begrüßt und setzen uns dann auch gerne mal mit an die Tische, um uns an den spannenden Diskussionen zu beteiligen. Das sind dann die Momente, wo wir unheimlich stolz und dankbar sind, diesen wundervollen Job zu haben. Manchmal versacken wir auch in einer Kneipe und lassen nicht nur Fünf, sondern gerne auch mal Zehn gerade sein. Da bleibt dann einfach mal ein wenig Arbeit liegen – und am nächsten Tag muss Mimi den Wecker halt ein wenig früher stellen. Ist so. Wir sind Menschen. Und wir dürfen auch mal über die Stränge schlagen.

Das heutige Fazit nach vierhundertachtundzwanzig Kneipen? Ich freue mich tierisch auf Kneipe vierhundertneunundzwanzig! Denn das ist DIE Kneipe schlechthin. Da verkehrt die Crème de lá Crème unserer Community. Okay: sie müsste mal wieder gestrichen werden und sowohl die Theke als auch Tische und Bestuhlung wirken auf den ersten Blick vermutlich abgewetzt – wir aber bezeichnen das liebevoll als „Patina“, wohlwissend, dass jede Macke und jedes speckig wirkende Lederfitzelchen genau unseren Charme ausmacht:

Wir sind nicht perfekt. Wir erheben darauf auch gar keinen Anspruch. Wir sind vielmehr eine lebendige Gemeinschaft, die ihre zur Verfügung gestellten Ressourcen nutzt. Benutzt. Ihnen Patina verleiht – und sie damit im Laufe der Zeit immer schöner werden lässt.

Kama verdreht schon wieder die Augen, weil ich wieder anfange zu philosophieren. Ich kann einfach nicht anders, wenn ich die Tür zur Vierhundertneunundzwanzig aufschlage. Ich will es auch gar nicht anders!

„Wie immer, Chef?“ – „Natürlich, Kama!“ – „Wie konnte ich fragen. Sorry!“ – „Alles gut!“

Kama hat seit jeher Probleme mit unserem liebgewonnen Ritual beim Betreten der Vierhundertneunundzwanzig. Das liegt alleine in der Tatsache begründet, dass die Anzahl der quadratischen, feingeschliffenen Glasstücke ständig steigt und demzufolge der Rahmen täglich umgebaut und erweitert werden muss.

„Chef, Stand hier und jetzt sind es genau 9.791 Steine, die wir wie ein Puzzle zusammenfügen müssen!“ – „Nein, Kama. Wir müssen, nicht, wir dürfen!“ – „Ja, Chef. Aber warum lassen wir den Spiegel abends nicht einfach hängen und fügen morgens dann die neuen Steinchen hinzu, nachdem wir den Rahmen angepasst haben?“ – „Weil jedes dieser 9.791 Steinchen gleich schön zur Geltung kommen soll und jedes einzelne Steinchen für einen Menschen steht, der Teil unserer Community ist, Kama!“.

Wie jeden Tag machen wir uns ans Werk, setzen unsere Steinchen zusammen, passen den Rahmen an und hängen den so geschaffenen, wunderschönen SPIEGEL ins dezente Licht im Eingangsbereich unserer Kneipe Vierhundertneunundzwanzig. Nicht ohne Stolz verharren wir beim Hineinschauen und mustern uns stillschweigend. Wohlwissend, dass genau das jeder einzelne Gast der Vierhundertneunundzwanzig macht, wenn er sich in diesem wunderschönen Spiegel betrachtet und feststellt, dass ein solch großes Gebilde aus so vielen Glassteinchen trotz Ecken und Kanten zu einem liebens- und erhaltenswerten Spiegel heranwächst, in dem man sich und seine virtuellen Freunde gerne betrachtet und als Teil unserer Mimikama Community versteht.

Gedankenverloren schaue ich aus dem Fenster der Vierhundertneunundzwanzig und erkenne am Horizont unseren Firmenjet.

Am Horizont: Der Mimikama Firmenjet
Am Horizont: Der Mimikama Firmenjet

Zweifel ausgeschlossen, das muss Andre sein. Wie stets fliegt er über unserem südlich liegenden Headquarter eine Ehrenrunde und pustet nach einem formvollendeten Looping das Mimikama-Logo samt Bestellung eines kühlen Blonden in die Luft.

Andre zieht seine Runden.
Andre zieht seine Runden.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es heute wieder einmal später wird. Viel zu viele interessante Menschen hier, viel zu viel spannende Diskussionen und viel zu viel wartende Mails, die ich auch morgen noch beantworten kann. Ich gehe für heute ein letztes Mal an meinen Koffer und tausche mein ach so wichtiges Manager-Outfit gegen Jeans und Sweatshirt.

„Chef, soll ich den Koffer schon mal…..“ – „…auffüllen? Nein, wir stellen ihn heute mal mitten auf den Tisch in der Vierhundertneunundzwanzig und lassen ihn einfach durch unsere Gäste füllen.“

– THE END –

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