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Arzt in Praxis erstochen – Ist eine Überdramatisierung nötig?

Ralf Nowotny, 21. August 2018

Vor einigen Tagen wurde in Offenburg ein Arzt in seiner Praxis von einem Somalier erstochen. Muss man zu dieser Tat wirklich etwas dazuerfinden?

So berichtete die BILD am 16.8.2018 über die Tat:

Screenshot BILD
Screenshot BILD

„Am Donnerstagmorgen stürmte ein Mann (26) in eine Hausarztpraxis in Offenburg (Baden-Württemberg), tötete einen Mediziner und dessen Assistentin mit einem Messer. Schrecklich: Die Tochter (10) des Arztes war dabei, als ihr Vater in den Räumen der Praxis starb.“

Sehr viele andere Medien übernahmen die Informationen des BILD-Artikels ungeprüft, wie die Kollegen von „BildBlog“ ausführlich dokumentierten. Mittlerweile ist längst widerlegt, dass die Assistentin getötet wurde und die Tochter die Tat sah. „baden online“ berichtete von der Pressekonferenz und führt dazu aus:

„Falsch waren Medienberichte und Kommentare in den sozialen Medien, denen zufolge die zehnjährige Tochter des Hausarztes die Tat beobachtet haben soll. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die Tat unter den Augen eines Angehörigen stattgefunden habe, betonte Schäfer. Tatsächlich scheint sich das Kind aber in unmittelbarer Nähe des Tatorts befunden zu haben.“

In der gemeinsamen Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Offenburg und des Polizeipräsidiums Offenburg, in der der Tathergang ausführlich beschrieben wird, ist auch in den Nachtragsmeldungen nichts von der Tochter zu lesen, was der Fall wäre, wenn sie als Zeugin tatsächlich direkt am Tatort gewesen wäre.

Der Fall an sich ist schon schlimm genug. Leider wird nun aber gerade jenr Punkt in der Berichterstattung, welcher falsch ist, dazu genutzt, um die Stimmung ein wenig aufkochen zu lassen. So wird derzeit ein Bild mit Text geteilt:

Screenshot mimikama.at
Screenshot mimikama.at

„Der Täter (…) stach ohne zu Zögern mit dem mitgebrachten Messer vor den Augen der 10-jährigen Tochter auf den Arzt ein. Die Tochter rief verzweifelt: „Papa, Papa“. Ihr Vater verstarb noch in der Praxis.
(…)
Die 10-jährige Tochter lebt auch weiter – allerdings ohne Vater.“

Verteilt wird das Bild von einer Facebook-Seite namens „Das Frauenbündnis“. Während sich diese Organisation, welche sich selbst als unparteiisch bezeichnet, auf Facebook mehr oder weniger deutlich gegen Gewalt gegen Frauen, insbesondere von Migranten ausgehend, richtet, schlägt die Seite insbesondere auf vk.com schon deutlichere Töne an:

screenshot vk.com
screenshot vk.com

Warum?

Warum muss ein schrecklicher Mord, der ohnehin schon aufsehenerregend genug ist, noch durch nachgewiesene Lügen „gewürzt“ werden? Glauben diese Menschen eigentlich, dass es Leute gibt, die einen Mord in Ordnung finden, aber wenn ein Kind dabei ist, sich erst aufgeregt wird? Der Mord alleine ist doch schon schlimm genug, warum wird die Tochter nun mit reingezogen und so durch die Medien geschleift?

Wir verteidigen diese Tat oder den Täter keineswegs! Aber wir fragen uns, ob es nötig ist, dazu noch Unwahrheiten zu verbreiten, um noch mehr Aufsehen zu erregen. Denn eines ist dadurch sicher: Leute, die dann solche Bilder gestalten und den Fokus auf zwei Faktoren richten, nämlich „Somalier“ und „Tochter“, trauern nicht wirklich. Sondern sie wollen den Hassfaktor schüren.


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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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