WhatsApp-Gerücht fordert Todesopfer

Was passiert, wenn ein Gerücht, das über WhatsApp verschickt wird, bei den Nutzern des Dienstes Hysterie auslöst? Es sterben Menschen.

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Laut BBC, Watson und der Aargauer Zeitung ist genau dies in Indien geschehen.

Nachdem ein Gerücht in Form eines Videos über Kindesentführung via WhatsApp Nachricht unkontrolliert in Indien verschickt wurde, wurden bis jetzt 9 Menschen gelyncht.

Erst vor kurzem fiel ein aufgebrachter Mob über zwei Männer im nordindischen Bundesstaat Assam her, nachdem sie angehalten hatten, um nach dem Weg zu fragen.

Video zeigt angebliche Kindesentführung

Die Gerüchte über Kindesentführung finden ihren Ursprung in einem Video, das über WhatsApp verbreitet wurde. Darin ist zu sehen, wie sich zwei Männer auf Motorrädern einer Gruppe Kinder nähern. Einer von ihnen packt eines der Kinder und fährt mit diesem davon. Der Begleittext erzählt über Kidnapper, die in die Stadt kommen werden, um Kinder zu stehlen.

Ist dieses Video wahr und die Hysterie sowie die Angriffe begründet? Nein. Denn es handelt sich hierbei um einen Videoausschnitt, der aus dem Kontext gerissen wurde. Laut BBC zeigt das Video eigentlich eine gespielte Szene aus einem Präventionsfilm aus Pakistan. Der letzte Abschnitt, der die Szene erklärt, sei herausgeschnitten worden.

Diese “gekürzte” Fassung macht sich jedoch die Angst vieler Inder vor Fremden zunutze. Zusätzlich schürten einige regionale Medien noch weitere Panik, indem sie die haltlosen Gerüchte aufgriffen. Dies veranlasste viele Bürger, Menschen zu attackieren, die nicht vertraut aussehen oder über keine Kenntnisse der regionalen Sprache verfügen.

Polizei häufig machtlos gegen Falschnachrichten

Die Polizei versucht seit Wochen mit Aufklärungskampagnen gegen diese Gerüchte vorzugehen. Doch gegen die virale Verbreitung des Videos scheinen sie machtlos zu sein.

Laut BBC sind seit April folgende Personen unschuldig zu Opfern geworden:

  • Ein Mann im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu wird von einem Mob zu Tode geprügelt, nachdem er scheinbar ziellos durch die Straßen gewandert war.
  • Eine 55-jährige Frau in Tamil Nadu wird gelyncht, weil sie Kindern Süßigkeiten gegeben hat; die Polizei verhaftet 30 Personen.
  • Ein Mann im südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh wird gelyncht, weil er Hindi und nicht die Landessprache Telugu spricht.
  • Ein Mann in Telengana wird von einem Mob getötet, als er nachts einen Mango-Hain betritt.
  • Ein anderer Mann in Telengana wird gelyncht, als er ein Dorf besucht, um seine Verwandten zu sehen.
  • Ein Neuzuzügler in der südlichen Stadt Bangalore wird mit einem Seil gefesselt und mit Kricketschlägern totgeschlagen.
  • Eine Transgender-Frau wird in Hyderabad gelyncht.

Und nun wurden zwei weitere Männer im nordöstlichen Assam gelyncht, die nach dem Weg fragten.

Problem weit weit weg?

Gedanken des Autors:

Was sich in Indien zugetragen hat, ist Realität. Aber eine Realität, die uns nichts angeht? Wohl kaum, denn auch hierzulande haben wir tagtäglich mit Kettenbriefen und Clickbaiting zu tun. Auch hierzulande ist Hetze im Netz ein Thema und Cyberkriminalität ist auch bei uns Realität.

Wir alle haben eine Verantwortung, wenn wir soziale Medien nutzen. Aufklärung und bewusstes Nutzen von digitalen Inhalten fängt bei jedem einzelnen an. Auch wenn es nicht weh tut eine Falschnachricht zu verschicken oder weiter zu schicken, sieht man anhand der Vorfälle in Indien, dass aus dem harmlosen Verschicken auch sehr wohl Leid für real existierende Personen resultieren kann – bis hin zum Tod von unschuldigen Menschen.

Solche Taten kann man in einem gewissen Maß aber auch verhindern, indem man seine Handlungen reflektiert, Inhalte recherchiert und nicht alles sang- und klanglos glaubt, was man über soziale Medien geschickt bekommt.

Eine Rückwärtssuche kann man lernen und auch seine Meinung erst zu bilden, wenn man bereits mehrere Puzzleteile gesammelt hat – also nicht nur anhand eines Videoausschnitts, der vielleicht nur eine halbe Minute dauert.

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