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Warmer Pulli Tag: Das Umweltprojekt einer Grundschule in der Kritik

Von | 6. Februar 2019, 9:46

„Alle ham ’nen dicken Pulli an, Mann!“

Viel Kritik an einem Projekt einer Grundschule: Die Martin Luther Schule in Düsseldorf nimmt am Energiesparprojekt „50:50 – Mit Energie gewinnen“ der Stadt Düsseldorf teil. In diesem Rahmen wird am Freitag 08. Februar ein „Warmer Pulli Tag“ veranstaltet. Ziel ist es nach eigenen Angaben, den Kindern den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen näher zu bringen.

„Warmer Pulli Tag“ besagt, dass am kommenden Freitag (08.02.) die Heizung im Gebäude so weit heruntergestellt wird, dass die Temperatur 18 Grad Celsius nicht unterschreitet. Stattdessen sollen die Kinder an diesem Tag warm gekleidet erscheinen, gerne auch mit Decken und warmem Tee.

Die Temperatur in den Räumen wird dabei jeweils von den Lehrerinnen und Lehrern kontrolliert und im Zweifel wird die Heizung entsprechend reguliert. So lautet die eigene Aussage der Grundschule, die man hier nachlesen kann: Webseite Martin Luther Schule.

Dieser Tag steht nun tatsächlich auf Social Media in der Kritik, zum einen aufgrund einer falschen Formulierung, zum anderen aber auch etwas handfester aufgrund der Einschätzungen, welche Temperaturen in Unterrichtsräumen zu herrschen haben. Daher fällt dieser Check etwas länger aus.

Die Idee

Grundsätzlich sind sich Experten einig: Man spart Energie, indem man die Raumtemperatur absenkt. Man spricht hier bei einem Grad Celsius Absenkung von einer Einsparung von rund 6 Prozent Energie (vergleiche). Wenn man nun von angenommenen 20 oder 21 Grad Celsius auf ein potentielles Minimum von 18 Grad Celsius reduziert, dürfte eine Ersparnis an diesem Tag von rund 18% rechnerisch möglich sein. Für ein Schulgebäude durchaus viel. Ebenso dürfte der Lehransatz für Schülerinnen und Schüler aufzeigbar und verständlich zu erklären sein.

Und das dürfte hier der Ansatz des Projekttages sein, indem man deutlich erklären kann, welche Effekte eine leichte Senkung der Raumtemperatur haben kann und wie man sie wiederum auffangen kann, ohne gleichzeitig Energien einzusetzen, nämlich mit einem warmen Pulli.

Zudem findet am 08. Februar 2019 die Zeugnisausgabe in NRW statt, so dass mit einem Unterricht länger als 4 Stunden nicht zu rechnen ist.

Kritik aufgrund falscher Beschreibung

Das größte Problem an dieser gesamten Aktion dürfte der vom Umweltteam verfasste Elternbrief sein, der an einer zentralen Stelle schlichtweg falsch ist. Dieser Elternbrief schreibt, dass die Heizung am 08. Februar ausgestellt werde. Der entsprechende Satz in dem Brief lautet:

An diesem Tag bleibt die Heizung ausgeschaltet, in der Schulzeit und im Nachmittagsbereich.

Zieht Eure Kinder warm an!Die Heizung schalten wir im Winter der Umwelt zuliebe aus. Kein Witz, der Brief ist echt.Was kommt als nächstes – Hungern fürs Klima? #Düsseldorf

Gepostet von Junge Union München-Nord am Montag, 4. Februar 2019

Diese Angabe im Elternbrief steht natürlich in Kontrast zur Angabe auf der Webseite. Dort lautet es, wie eingangs erwähnt, dass die Heizung eben nicht ausgeschaltet, sondern auf 18 Grad heruntergeregelt werde.

Ebenso existiert der Vorwurf, dass ein abdrehen der Heizung das Gebäude dermaßen erkalten lässt und der Aufwand zum Aufheizen mehr Energie kosten würde als gespart wurde. Diese Idee ist ebenso aus der falschen Formulierung des Elternbriefes entstanden, da die Temperatur des Gebäudes am Wochenende nicht unter 16 Grad fällt und der „Warme-Pulli-Tag“ entsprechend wissentlich auf einen Freitag gelegt wurde. Somit ändert sich an der Aufheizphase nichts.

Arbeitsrechtliche Bedenken

Sind 18 Grad zu wenig für eine Schule? Dürfen Lehrer bei dieser Temperatur überhaupt unterrichten? In diesem Zusammenhang wäre es interessant, inwieweit Schulen unter die technischen Regeln für Arbeitsstätten fallen. Die technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) geben den Stand der Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene sowie sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse für das Einrichten und Betreiben von Arbeitsstätten wieder.

Sollten nun diese Regeln ebenfalls für den Lehrbetrieb gelten, so finden sich auf der Webseite der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) unter Punkt 4.2 in den ASR A3.5 zum Thema Raumtemperaturen folgende Angaben (vergleiche):

Quelle: www.baua.de/DE/Angebote/Rechtstexte-und-Technische-Regeln/Regelwerk/ASR/pdf/ASR-A3-5.pdf

Quelle: www.baua.de/DE/Angebote/Rechtstexte-und-Technische-Regeln/Regelwerk/ASR/pdf/ASR-A3-5.pdf

Nun geht aus diesem Absatz zudem folgende Information vor:

WERDEN DIE MINDESTWERTE NACH TABELLE 1 IN ARBEITSRÄUMEN AUCH BEI AUSSCHÖPFUNG DER TECHNISCHEN MÖGLICHKEITEN NICHT ERREICHT, IST DER SCHUTZ GEGEN ZU NIEDRIGE TEMPERATUREN IN FOLGENDER RANGFOLGE DURCH ZUSÄTZLICHE

– arbeitsplatzbezogene technische Maßnahmen (z. B. Wärmestrahlungsheizung, Heizmatten),
– organisatorische Maßnahmen (z. B. Aufwärmzeiten) oder
– personenbezogene Maßnahmen (z. B. geeignete Kleidung)sicher zu stellen.

Der dicke Pulli ist hier an Platz drei gestellt. Doch die ASR sind rechtlich nicht verbindlich. Verbindlich ist die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV). Hier liest man etwas unkonkreter im Anhang Anforderungen und Maßnahmen für Arbeitsstätten nach § 3 Absatz 1 (vergleiche):

3.5 Raumtemperatur

(1) Arbeitsräume, in denen aus betriebstechnischer Sicht keine spezifischen Anforderungen an die Raumtemperatur gestellt werden, müssen während der Nutzungsdauer unter Berücksichtigung der Arbeitsverfahren und der physischen Belastungen der Beschäftigten eine gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur haben.

Die Frage an dieser Stelle ist ebenso, ob nicht hier gar ein Ausnahmefall gilt. Es gibt beispielsweise auch außerschulische Unterrichtsräume (Natur), die die Temperatur nicht bieten. Im Rahmen eines Projekts kann die kurzzeitige Unterschreitung der Temperatur durchaus möglich sein.

In einem unfreiwilligen Fall hat übrigens ein Essener Berufskolleg im Januar 2017 alle Schülerinnen und Schüler nach Hause geschickt, da die Temperatur im Gebäude unter 20 Grad sank (vergleiche). Diese SchülerInnen waren aber natürlich unvorbereitet, hatten keine warmen Pullis, Decken und Tee dabei.

Nachgefragt

Wir haben bezüglich dieser Angaben direkt mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gesprochen. Dort bekamen wir die Angabe, dass sich Schulen zwar grundsätzlich nach dem (oben dargestellten) Modell orientieren sollen, jedoch bestätigte man uns ebenso, dass es sich bei den Zahlen um keine verpflichtenden Angaben für Schulen handelt. Diese sind als Richtwerte zu verstehen. Entsprechend konkretere Angaben dürfte nach Ansicht der BAuA die verantwortliche Bezirksregierung machen können.

Wie sich in mehreren Telefonaten mit der Behörde der Bezirksregierung in Düsseldorf herausstellte, ist es in der Tat eine bisher gar nicht so direkt diskutierte Frage gewesen, welche Temperaturen nun mindestens beabsichtigt in einem Unterrichtsraum herrschen dürfen. Insofern gestaltet sich eine potentielle Antwort hierzu derzeit augenscheinlich noch schwierig, so dass wir keine weiteren Angaben bekommen haben, bzw. am Telefon niemand genau die Werte kannte. Letzter Ansprechpartner in einer Kette von Telefonaten war hier für uns das Dezernat 48, welches unter anderem für Schulrecht und Schulverwaltung, sowie Schulbau verantwortlich ist. Sollte eine Antwort hierzu kommen, fügen wir sie an dieser Stelle an.

Unterdessen haben wir zusätzlich Kontakt zum Deutschen Lehrerverband aufgenommen und dort gefragt, wie der Verband generell, auch über diesen Tag hinaus, Temperaturen in Unterrichtsräumen bewertet. Hierzu hat uns  Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und selbst Rektor an einer bayerischen Schule, geantwortet.

„Meine Auffassung ist, dass man an Schulen nicht die für normale Arbeitsplätze geltenden Mindeststandards unterbieten sollte. 19 Grad sind für mich absolutes Limit, ich selbst bin für 20 bis 21 Grad.“ so Meidinger und verwies uns dabei zu dem zudem auf die Webseite der Energie- & Umweltagentur NÖ (Österreich), die ebenso die Umweltbildung vermitteln will und als optimale Temperatur für Unterrichtsräume 20°C empfiehlt. 18° C werden dort für Gänge und Turnhallen, in denen man ja auch in Bewegung ist und nicht herumsitzt, empfohlen.

Desweiteren führt Meidinger aus „Wir haben auch Kinder, die überhitzt aus dem Sportunterricht kommen, Inklusionskinder mit besonderen gesundheitlichen Einschränkungen, – überhaupt sind Kinder oft weniger resistent gegenüber Unterkühlungen und Temperaturschwankungen als Erwachsene.“

Und der warme Pulli?

Eben jener soll nun dafür sorgen, dass die leicht verringerte Raumtemperatur am Körper ausgeglichen wird.

Dass dieses Thema überhaupt eine Gesprächsrelevanz bekommen hat, liegt am dynamischen Kommunikationsverhalten von Social Media, wo speziell die kritischen Diskussionsteilnehmer das Thema stark aufgeblasen haben. Hierzu verweisen wir auf den recht interessanten Kommentar zum Thema Warmer-Pulli-Tag mit dem Titel „Kein Kind erfriert, wenn mal die Heizung runtergedreht wird“ in der Rheinischen Post. Dort lautet es unter anderem im Resümee:

Wir alle haben immer eine Meinung, sofort. Das ist nicht neu. Aber dass wir sie inzwischen ebenfalls sofort für relevant und durchdacht genug halten, um sie zu veröffentlichen – das ist schon merkwürdig.

Besonders die Abstimmung in diesem Artikel zeigt, dass wir uns bei diesem Thema in einem 50:50 Bereich befinden, in dem sich Befürworter und Kritiker auf direkter Höhe gegenüber stehen.

Anmerkung

Aufgrund der bisher ausgebliebenen Rückmeldung seitens des Dezernat 48 der Bezirksregierung in Düsseldorf bleibt hier noch offen, welche Regeln exakt für die Schule zu gelten haben. Wir behalten uns daher vor, diesen Artikel entsprechend um die Antwort, so sie ankommt, zu erweitern.

Nach bisherigen Informationen wird der Warme-Pulli-Tag ebenso stattfinden, nach aktueller Prognose sind am Freitag (Stand 05.02.19) für Düsseldorf 9 Grad zu erwarten.

Noch eine Anmerkung des Autors: Themen bekommen häufig erst durch die Gesprächswertigkeit auf Social Media eine gewisse Relevanz. Als ich gestern (zugegeben zunächst etwas naiv) an dieses Thema herangegangen bin, ging ich noch davon aus, dass der Hauptfehler in der falschen Formulierung des Elternbriefes lag, welcher aussagte, die Heizung würde ganz ausgestellt werden (was ja nicht stimmt).

Später bemerkte ich, dass selbst die angepeilte Regelung, so gut sie in ihrer Intention auch aussehen mag, selbst schon arbeitsrechtliche Probleme in sich birgt. Gleichzeitig ist das Thema auf Social Media gepaart mit viel „Meinung“ und findet sich mitten in der Debatte zwischen verwandten Themen wie Diesel, Bevormundung, Greta und Geschwindigkeitsbegrenzung wieder.

Man erkennt, dass in Zeiten von Social Media jede noch so lokal begrenzte Aktion auf einmal überregional Schlagzeilen wirft und gar zum Politikum werden kann. Das am Warmer-Pulli-Tag zu sehen

Und unser Kollege aus der Musikredaktion? Der hat einen dicken Pulli an:

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