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„Gutmenschen“ werden Menschen genannt, die sich für Flüchtlinge einsetzen, im Gegensatz zu den „Wutbürgern“, die sich als Realisten sehen. In jenem andauernden Streit (Diskussion kann man es manchmal kaum noch nennen) wird nun ein Meme geteilt, welches einen „Gutmenschen“ als geisteskrank hinstellt. Wir schauen uns die Geschichte hinter diesem Meme genauer an…

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„Dieser Mann…
Dieser Mann ist Politiker der Sozialistischen Linkspartei in Norwegen. Dieser Mann bezeichnet sich selbst als Feministen und Anti-Rassisten.
Dieser Mann wurde von einem Asylbewerber bei sich zu Hause vergewaltigt.
Dieser Mann gibt sich nun die Schuld, dass seinetwegen ein Asylbewerber abgeschoben wird.“
Dieser Mann ist ein geisteskranker Gutmensch“

…so das Meme.

Gleich zuerst: Dabei handelt es sich um keinen Fake, die Aussagen des Memes sind wahr. Der Mann heißt Nordal Hauken und wurde 2011 von einem somalischen Asylbewerber vergewaltigt.

Warum wird dann jetzt erst davon berichtet?

Die Tat mag ca. 4.5 Jahre her sein, die Aussagen Nordal Haukens sind aber aktuell. Nach jener Zeit bricht er in einer Dokumentation des norwegischen TV-Senders „NRK“ sein Schweigen zu dem Vorfall und schildert seine Gedanken.

Wir wollen an dieser Stelle das komplette Bild liefern und Nordal Hauken zu Wort kommen lassen, so wie er es auch dem TV-Sender schildert, denn natürlich war dies nicht sein einziger Gedanke dazu.

„Ich wurde von einem Mann vergewaltigt“

Wie fühlt es sich an, als Mann vergewaltigt zu werden? Wie ist es, ein junger Sozialist, Feminist und Anti-Rassist zu sein, und dann von einem Somalier vergewaltigt zu werden? Ich fühlte mich wie ein Zeichentrick-Roboter, der überladen wird und dessen Kopf explodiert. Ich wusste nicht, wie ich reagieren soll, also spielte ich Reaktionen. Ich schaltete mich quasi ab, fühlte mich stumpf und fühlte in diesen nahezu fünf Jahren nahezu nichts mehr, unterstützt von Cannabis und Alkohol.

Nach der Tat fuhr Hauken in ein Krankenhaus in Oslo, wo ihm von Krankenschwestern alle möglichen Proben entnommen wurden. Anschließend unterhielt er sich noch mit einem Psychologen, bis er von seinem Vater abgeholt wurde. Einen Tag später suchte die Polizei bereits mit Hunden und Hubschraubern nach dem flüchtigen Somalier, DNS und Fingerabdrücke konnten in Haukens Wohnung sichergestellt werden.

Die norwegische Regierung ist konsequent

Im Polizeiverhör erzählte ich den Vorgang nochmals und hörte dem Polizeibeamten dazu. Er machte mir klar, dass sie die Angelegenheit sehr ernst nehmen würden. Ein halbes Jahr später bekam ich einen Anruf von demselben Polizisten, dass sie einen Mann gefasst hätten, der an einem öffentlichen Platz ein Messer trug, die Fingerabdrücke würden übereinstimmen.

Die Verhandlung lief gut. Der Mann behauptete, dass der Sex mit meiner Einwilligung erfolgte, jedoch wiesen für das Gericht sämtliche Umstände darauf hin, dass er schuldig sei. Er wurde zu 4.5 Jahren Gefängnis verurteilt. Kurz bevor er seine Tat endgültig absaß, bekam ich einen Anruf aus dem Gefängnis: Der Somalier würde nun direkt zu der ehemaligen Militärbasis Trandum in Norwegen gebracht und in sein Heimatland abgeschoben werden.

„Ich fühlte mich erleichtert und froh, dass er nun endlich für immer weg ist.“

Ich war über mich selbst überrascht, wie emotional ich die Nachricht aufnahm. Aber ich blieb noch ruhig genug, meinem Vorgesetzten zu sagen, dass ich nun gehen müsse. Die Tränen, sie kamen in dem Moment, als ich im Auto saß. Ich fühlte mich erleichtert und froh, dass er nun endlich für immer weg ist. Ich fühlte, dass die norwegische Regierung die Verantwortung übernahm. Ich fühlte mich wie ein wütender Vater, der noch einmal dem Vergewaltiger seines Kindes gegenübertritt.

Allerdings fühlte ich mich auch schuldig. Ich bin nun der Grund, warum dieser Mann Norwegen verlassen muss, in eine unsichere Zukunft in Somalia. Er hat seine Tat bereits im Gefängnis verbüßt. Soll er nun also noch einmal bestraft werden? Und dieses Mal sogar härter?

Das Tabu „männliche Vergewaltigung“

Nach der Vergewaltigung fühlte ich mich aus dem Leben gestoßen. Ich verlor dadurch so viel Zeit, und das war für mich das Schlimmste. Es ist beängstigend, als Mann über das Tabu zu sprechen, vergewaltigt worden zu sein. Ich fühlte mich vergessen und ignoriert. Aber nun fürchte ich mich nicht mehr davor, darüber zu sprechen, auch wenn ich Angriffe von allen Seiten befürchte. Ich befürchte, dass mich keine Frau mehr haben wollen wird, ich befürchte, dass Männer mich auslachen. Befürchte, dass ich nun als Anti-Feminist bezeichnet werde, weil ich nun auf Vergewaltigungen von Männern aufmerksam mache, nicht mehr nur von Frauen.

Aber was zur Hölle solls. Auch wir leiden. Auch wir müssen wahrgenommen werden.

Es ging um Macht, nicht um Lust

Nordal Hauken beschäftigte sich im Rahmen einer Therapie intensiv mit dem Vorgang. Er zieht daraus jene Schlussfolgerung:

Ich habe gelernt, dass die Kultur, aus der jener Mann kommt, so völlig anders ist. In seiner Kultur wird vergewaltigt, um Macht auszuüben, nicht um Lust zu befriedigen. Es wird auch nicht als homosexueller Akt angesehen, dadurch Macht auszuüben.

Ich fühle keine Wut auf diesen Mann, und ich weiß, dass das viele nicht verstehen werden. Ich habe akzeptiert, dass er seine Schuld durch den Gefängnisaufenthalt beglichen hat. Ich sehe ihn als Produkt einer ungerechten Welt, einer Welt, die durch Krieg und Entbehrung geprägt ist.

„Ich bleibe bei meiner Meinung“

Diese Menschen brauchen unsere Hilfe, dazu stehe ich auch weiterhin. Ich möchte, dass wir auch weiterhin Flüchtlingen mit einer Vergangenheit, wie dieser Somalier sie hat, helfen.

Ich war Opfer einer Vergewaltigung. Für kurze Zeit war ich Teil einer dunklen Welt, von der wir hier meist abgeschirmt sind. Es ist mir aber hier passiert, in Norwegen. An erster Stelle bin ich aber ein Mensch, kein Norweger. Nein, ich bin ein Teil dieser Welt, welche unglücklicherweise nicht immer fair ist.

Fazit: Ist der Mann nun also geisteskrank?

Das überlassen wir nun euch. Gilt man als geisteskrank, wenn man vergibt? Ist es gesünder, an Rache zu denken und zurückschlagen zu wollen? Was wiegt schwerer, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „die andere Wange hinhalten“? Ab wann ist sämtliches Verständnis vorbei, sämtliche Fähigkeit, vergeben zu können? Ab wann läuft das Fass über? Ab wann ist Rache und Hass die einzige akzeptable Lösung? Wer sind wir, dass wir beurteilen können, ob jemand geisteskrank ist, nur weil jene Person gelernt hat, auch eine solche Tat zu verzeihen?

Was meint ihr?

Das Interview im Original: Jeg ble voldtatt av en mann