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Wenn man den Seiten „Epoch Times“ und „Unzensuriert“ Glauben schenken möchte, so herrscht in den Erstaufnahmezentren für Flüchtlinge das reinste Chaos. Derzeit geht ein Artikel herum, in dem berichtet wird, dass in einem Wiener Erstaufnahmezentrum eine Helferin vergewaltigt wurde. Den Täter ließ die Polizei straffrei nach Deutschland weiterreisen. So wird zumindest behauptet.

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„Es durfte kein Sterbenswörtchen nach außen verbreitet werden, weder durch die Polizei noch durch das Rote Kreuz. Dem Opfer wurde lediglich psychiatrischer Beistand gewährt“ so Erika F. (Pseudonym), freiwillige Helferin in einem Wiener Erstaufnahmelager.“

Auf „Epoch Times“ wollen wir mal nur kurz eingehen. Jener deutsche Ableger einer internationalen Zeitschrift, die ursprünglich aus China stammt, ist mit Vorsicht zu genießen. Auch, wenn man dort sehr viele Nachrichten findet, die man auch sonst überall liest, schleichen sich dort manchmal faule Eier ein. In diesem Fall stammt nämlich der Artikel fast Wort für Wort von einer österreichischen Seite namens Unzensuriert.at. Und die hat es faustdick hinter den Ohren!

Rechtspopulismus im Nachrichtengewand

2009 wurde Unzensuriert gegründet, Initiator war der damalige Nationalratspräsident Martin Graf von der rechten Partei FPÖ. Mittlerweile Ist Graf dort nicht mehr als Autor tätig. Die Seite selbst distanziert sich auch von jeglichem extremistischen Gedankengut und weist im Impressum darauf hin, dass man sich „der Wahrheit verpflichtet sieht“. Das ist edel. Aber dann sollte man sich auch dran halten. Seit der Entstehung der Seite fiel „Unzensuriert“ mit Falsch- und irreführenden Meldungen auf, weswegen sie 2013 im Rahmen der „Wiener Integrationswoche“ von MigAward wegen „fremden- und menschenfeindlicher, sowie hetzerischer und rechtspopulistischer Inhalte“ für den Negativpreis „Sackgasse“ nominiert wurden.

Undurchsichtige Meldungen

Seriöse Presse muss vor allem eines sein: transparent. Jeder Bürger muss die Möglichkeit haben, die Aussagen von Presseorganen nachprüfen zu können, um den Wahrheitsgehalt einer Nachricht einzuschätzen. War dies früher noch relativ schwierig, kann man heutzutage dank dem Internet verschiedenste Quellen zu einem Thema abrufen, um evtl. strittige Passagen einer Meldung zu hinterfragen.


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Schwierig wird dies allerdings, wenn es nur eine einzige Nachrichtenquelle gibt. Wenn man ansonsten auch nicht den Hauch einer anderen Quelle findet. Dann muss man auf Gedeih und Verderb jener Quelle glauben oder eine Nachricht mit Vernunft kritisieren.

Wilde Behauptungen, anonyme Zeugen

Der Reihe nach:
Drei anonym-bleiben-wollende Helfer in Wien wollen ausgerechnet „Unzensuriert“ (natürlich exklusiv) von ihren Erlebnissen erzählt haben. Teilweise klingen diese dann auch glaubhaft, z.B. kann man Prügeleien zwischen Flüchtlingen verschiedener ethnischer Herkunft nicht verleugnen. Auch Diebstähle untereinander sind dort vorstellbar. Jedoch in einer konkreten Schilderung wird der Bogen sehr weit gespannt:

„Wir wissen von zumindest einem konkreten Fall, wo eine Rot Kreuz-Helferin von einem Asylanten vergewaltigt wurde. Der Täter wurde zwar festgenommen, kurze Zeit später aber wieder freigelassen. Seitens der Polizei hieß es, man könne seine Identität nicht ermitteln und er besitze außerdem bereits eine Zug-Fahrkarte nach Deutschland. Am nächsten Tag war er bereits außer Landes“

so soll eine freiwillige Helferin erzählt haben. Weiterhin soll sie gesagt haben:

„Es durfte kein Sterbenswörtchen nach außen verbreitet werden, weder durch die Polizei noch durch das Rote Kreuz. Dem Opfer wurde lediglich psychiatrischer Beistand gewährt.“

Laut „Unzensuriert“ hat Wiens Polizeisprecher Hans Golob jene beschriebene Tat weder bestätigt noch dementiert. Im Sinne des Opferschutzes gäbe es weniger öffentliche Meldungen über Vergewaltigungen, solange der Täter flüchtig sei.
Das stimmt sogar, Golob sagt dies auch in einem Artikel des „Kurier“, dass nicht jede Anzeige nach außen dringt. Aber hier muss man sich fragen: Hat „Unzensuriert“ überhaupt in diesem speziellen Fall nachgefragt? Oder haben sie ihn einfach sinngemäß in ihrem Artikel zitiert?

Das Opfer

„Unzensuriert“ bekommt also von anonymen Helfern gesagt, dass es mindestens eine Vergewaltigung gegeben hat. Die Identität eines Opfers wird verständlicherweise von der Polizei nicht genannt, sollte es zu einer Anzeige kommen. Also werden weder wir noch „Unzensuriert“ die Identität jenes Opfers erfahren. Und aufgrund der selektiven Auswahl seitens der Polizei bezüglich Pressemitteilungen ist es auch durchaus möglich, dass es zu einer Anzeige kam, diese jedoch nicht publiziert wurde.

Doch wo ist die Stimme des Opfers? Wie vorstellbar ist es, dass sich eine vergewaltigte Frau einen „Maulkorb“ geben lässt und niemandem davon erzählt? Dass die im Artikel geschilderten Umstände über Monate hinweg niemand erfährt? Dass keine Mitarbeiterin oder Mitarbeiter irgendwas davon erzählt, weder ihren Freunden noch Verwandten, keinem seriösen Nachrichtenmagazin, keiner Zeitung, nicht mal unter Pseudonym auf Twitter oder Facebook, bis schließlich ausgerechnet „Unzensuriert“ davon erfährt? Eine Seite, die fast täglich solche Meldungen bringt, die teilweise nachweislich erfunden sind? Österreich und Deutschland liegen beide in Europa, der Täter kann problemlos auch in Deutschland festgenommen werden, warum erfahren wir darüber nichts? Ist es dem Opfer egal? Gibt es überhaupt ein Opfer?

Wie wahrscheinlich sind diese Behauptungen?

Was haben wir also nun vorliegen? Nicht überprüfbare Aussagen von anonymen Helfern auf einer hetzerischen Seite. Das ist nicht viel. Doch halt: Wir haben einen Tatort!
Lt. „Unzensuriert“ soll der Schauplatz des Verbrechens der Pavillon 10 im Geriatriezentrum Wienerwald (Lainz) gewesen sein. Das ist ja mal zumindest ein Hinweis.

Welch Glück, dass wir unser Büro in Wien haben. Wir haben bereits mit der Polizei Wien Kontakt aufgenommen. Ebenfalls werden wir einen „Ortsbesuch“ vornehmen, um die Aussagen des „Unzensuriert“-Artikels zu überprüfen.

Fortsetzung folgt…

Autor: Ralf, mimikama.at