-Mimikama unterstützen -

Gemeinsam gegen Fakes, Fake-News und anderen Unwahrheiten im Internet. Bitte hilf mit!

Momentan macht ein über die dpa verbreiteter Bericht eines Vorfalls in Freising bei München in diversen Medien die Runde:

Ein 50-jähriger Mann aus Ingolstadt ist beim Spaziergang mit seiner Tochter (10) von drei Männern im Alter von 18 bis 23 Jahren sowie einer weiteren Anwohnerin verfolgt und schließlich als Pädophiler beschimpft worden. Ein Freund der Anwohnerin kam hinzu und schlug dem Mann ins Gesicht. Als die Polizei bereits eingeschritten war, konnte die hinzugekommene Ehefrau des Opfers die Sachlage dann aufklären: Sie belegte einen Kurs der Industrie- und Handelskammer, der Vater spazierte in der Zeit mit seiner Tochter durch Freising, um sich die Zeit zu vertreiben. Laut sueddeutsche.de musste der Mann im Krankenhaus ambulant behandelt werden, die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung und Beleidigung.

-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

Der Berliner Kurier beispielsweise titelte in diesem Zusammenhang mit „Unfassbare Attacke in Bayern„.

image

„Unfassbar“ erscheint diese Geschichte in der Tat.

Die Reaktionen im Netz waren entsprechend. „Man könne ja nicht mal mehr ungestraft als Vater mit seinem Kind spazieren gehen“, man müsse „Angst haben, unter Generalverdacht gestellt zu werden“, es handle sich um „blinden Aktionismus ohne Verstand und ohne mal nachzufragen“, waren die Kommentarsätze, die man zu diesem Vorfall lesen konnte. Auch eigene Erfahrungen mit diesem Thema, wo ein Kommentator immer ein ungutes Gefühl hatte, mit seiner jüngeren Nichte unterwegs zu sein, wurden zur Sprache gebracht. Und in der Tat: So etwas ist bestürzend bis erschreckend.

Realweltliches Äquivalent eines Social-Media-Phänomens

Doch wenn man es mal so betrachtet, passieren Dinge wie diese eigentlich tagtäglich. Nicht im realen Leben, sondern im Netz, besonders auf Facebook. 

Dort sind private Fahndungsaufrufe leider fast an der Tagesordnung. Nur zu häufig werden in Beiträgen Personen einer Tat bezichtigt, mit der Bitte, diesen Post zu „teilen was das Zeug hält“, damit „diese Schweine“ / „diese Rotzlöffel“ / (hier bitte wahlfreie Beleidigungen einsetzen) gefasst werden.

Auf diese Weise wird auf vermeintliche Pädophile genau so Jagd gemacht, wie auf Einbrecher, Tierquäler oder andere Straftäter.

Was dann in den Kommentaren zu diesen Aufrufen meist folgt, sind bisweilen en détail ausgeschmückte Beschreibungen, was man diesen gesuchten Personen denn antun sollte. Der Fantasie sind dort – erschreckenderweise – keine Grenzen gesetzt. Von Folterungen bis zur Todesstrafe, die in diesem Zusammenhang immer wieder gefordert wird, ist alles vertreten.

Das Thema privater Fahndungsaufrufe wurde auch von uns schon oft zur Sprache gebracht.

Wir haben auf die potenzielle Strafbarkeit diverse Male hingewiesen und auch eine Live-Veranstaltung zu dem Thema durchgeführt, wo Experten den Nutzern Rede und Antwort standen.

Es ist nun einmal so, dass die Strafverfolgung den dafür zuständigen Behörden obliegt. Ob man mit den Methoden oder dem resultierenden Strafmaß dann zufrieden ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.


SPONSORED AD




Jedoch rechtfertigt diese oft zitierte Unzufriedenheit mit Legislative, Judikative und/oder Exekutive in keiner Weise ein eigenmächtiges Handeln.

Psychologisch betrachtet ist der Weg von der Beobachtung als rechtswidrig oder ungerecht empfundener Handlungen, in Verbindung mit besagter Unzufriedenheit über die oft vorgebrachte augenscheinliche Unfähigkeit der offiziellen Stellen, effektiv, schnell oder überhaupt dagegen vorzugehen, bis hin zum modernden Social-Media-Vigilantismus zwar nachvollziehbar, aber deshalb noch lange nicht rechtens oder richtig.

Nun ist das, was hier in Freising passiert ist, kein privater Fahndungsaufruf in dem Sinne gewesen. Es war vielmehr eine durchgeführte Fahndung, eine Verfolgung im realen Leben, nicht nur auf Facebook. Es wurde ein Mann verfolgt, Anwohner in die Verfolgung mit einbezogen, der vermeintliche „Täter“ gestellt und ihm schlussendlich körperliche Gewalt zugefügt.

In diesem Fall waren die Reaktionen auf dieses Geschehen, dass man doch nicht einfach die Sache selbst in die Hand nehmen könne. Aufmerksamkeit und Zivilcourage in allen Ehren, aber „der arme Vater“… etc.

Interessanterweise sind die Reaktionen bei gleich gelagerten Taten in den sozialen Medien eher konträr dazu. Man könne doch solche „Schweine“ nicht ungeschoren davon kommen lassen, und da „müsse man halt auch mal selbst die Initiative ergreifen“. Aufrufe werden – ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts, der quasi nie geprüft wird – zigtausendfach geteilt. Der Schaden, der den dort gesuchten Personen – auch im Falle ihrer erwiesenden Unschuld – entstehen kann, ist jedoch sogar um ein Vielfaches höher, als die glücklicherweise wohl nur leichte Verletzung, die der Vater in Freising davongetragen hat.

Zum Vergleich:

  • Die beteiligten Personen bei dem Vorfall in Freising:
    Der Vater, die Tochter, die 3 bis 4 Verfolger, sowie die Polizisten und die Ehefrau. Die Identität des Vaters wird richtigerweise in keiner Pressemitteilung preisgegeben. Der entstandene Schaden ist ggf. das Trauma, was die Tochter bei diesem Angriff davongetragen haben kann, sowie die Verletzungen des Vaters, die ambulant behandelt werden mussten.
  • Die beteiligten Personen bei privaten Fahndungsmeldungen:
    Der Ersteller des Posts, das an den Pranger gestellte Opfer, sowie zehntausende von Nutzern, die diese Meldung unreflektiert und ungeprüft teilen. Der entstandene Schaden lässt sich hier im Extremfall kaum benennen. Im schlimmsten Fall ist der Ruf eines unschuldigen Menschen ruiniert, seine Existenz quasi zerstört, ein irreparabler Schaden.

Ein relativ aktuelles Beispiel einer solchen falschen Verdächtigung in sozialen Netzwerken ist der Fall des „Darth-Vader-Selfies„, wo eine Mutter ein Bild eines angeblichen Pädophilen ins Netz stellte, der ihre Kinder angesprochen hatte.

Es stellte sich im Nachgang heraus, dass dieser lediglich für seine Kinder ein Selfie mit einem Pappaufsteller von Darth-Vader machen wollte und dafür die Kinder angesprochen hatte, damit diese nicht im Bild sind. Auch die Tatsache, dass die Mutter sich später dafür im Netz entschuldigt hatte, half zunächst nicht viel. Vielmehr wurde sie nun zum Ziel diverser Shitstorms dafür, dass sie den Vater derart beschuldigt hatte. Eine moderne Hexenjagd wie aus dem Bilderbuch.

Teilen kann und sollte man daher nur Fahndungsaufrufe, die von offizieller Stelle kommen. Wenn die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung ausruft, besteht ein begründeter Verdacht. Vor allem wird diese Fahndung auch entsprechend wieder eingestellt, wenn sich die Sache erledigt hat, der Original-Artikel, der z.B. auf Facebook verbreitet wird, wird dahingehend verändert oder gelöscht. Dies passiert mit privaten Aufrufen quasi nie. Und wenn eine Richtigstellung, Entwarnung oder dergleichen veröffentlicht wird, stehen erfahrungsgemäß beispielsweise 50.000 Teilungen des Aufrufs gerade einmal rund 1.000 Teilungen der Entwarnung gegenüber. Häufig beinhalten private Aufrufe auch häufig keine genauen Angaben zum Datum, sodass diese auch Jahre später immer wieder die Runde machen, wenn das Thema schon längst nicht mehr aktuell ist.

Aufmerksamkeit und Zivilcourage

Richtig ist: In unserer Gesellschaft wird leider viel zu oft weggesehen. Dieses Argument wird bei privaten Fahndungsaufrufen auch gerne immer wieder angebracht. Soweit auch vollkommen richtig und gerechtfertigt. Man sollte definitiv auf verdächtige Geschehnisse angemessen reagieren. Man sollte im Zweifel Taten folgen lassen. Jedoch keine eigenmächtigen Taten im Sinne eines Angriffs auf den Verdächtigen, sondern vielmehr die offiziellen Stellen informieren: Hätten die Verfolger in Freising einfach nur die Beobachtung der Polizei gemeldet, wäre diese tätig geworden, hätte den Vater angesprochen, die Personalien geprüft, festgestellt, dass es sich um den Vater des Mädchens handelt, und alles wäre in Ordnung gewesen.

Selbstgerechte Aktionen wie die vorgefallene sind jedoch in keiner Weise vertretbar. Weder im realen Leben, noch auf Facebook oder in anderen sozialen Medien. Solange man nicht hundertprozentig weiß, dass der vermeintliche Täter schuldig ist, in dem Sinne, dass unmittelbare Gefahr für Leib und Leben besteht (bspw. eine Person wird tätlich angegriffen), sollte man nicht selbst tätig werden (und selbst in einem solch drastischen Fall sollte man dann im Hinblick auf die eigene Gefährdung besonnen handeln). Verdächtige Beboachtungen sind der Polizei oder geeigneten anderen Stellen (Sicherheitsdienst in einem Kaufhaus, auf Bahnhöfen, etc.) zu melden. Diese übernehmen dann alles weitere.

Ob man mit der Arbeit dieser offiziellen Stellen zufrieden ist, steht auf einem ganz anderen Blatt und rechtfertigt gar nichts.

Die Mutter, die in dem oben erwähnten „Darth-Vader-Fall“ die private Fahndung nach dem „Widerling“ („creep“) in die Welt gesetzt hatte, wurde abschließend zitiert: „Ich glaube, die größte Lehre, die man aus der Sache lernen muss, ist einfach nichts zu posten, was einen Menschen verletzen könnte“.

Wir für unseren Teil können nur hoffen, dass manche Leute in Zukunft lieber zuerst denken, bevor sie auf Teilen klicken. Oder den Notruf wählen, bevor sie einem Menschen ins Gesicht schlagen.

Autor: Rüdiger, mimikama.at

Artikelbild: (Symbolfoto) Foto: Shutterstock/Monkey Business Images