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Es ist schon Ende Januar 2017 und wir hatten noch keine prophetische Weltuntergangs-Schlagzeile mit Asteroiden. Kein Problem, das sich nicht lösen ließe – und so sah man am 26.01.2017 auch schon die österreichische Seite wetter.at (zugehörig zu OE24, der Online-Ausgabe des Boulevardblattes „Österreich“) die Schlagzeile prangern: „Asteroid soll Mega-Tsunami auslösen“.

Screenshot www.wetter.at
Screenshot: www.wetter.at

Und auch das Portal news.de verkündet:

Screenshot: www.news.de
Screenshot: www.news.de

Um einen Kollegen zu zitieren: WosDoLos?

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Schauen wir uns das mal genauer an. Vorweg gesagt: NixIsLos.

Es handelt sich bei dem Objekt um das NEO (Near Earth Object, Erdnahe Objekt) namens 2016 WF9, nach aktuellem Stand ein Asteroid, der am 27.11.2016 vom Weltraumteleskop NEOWISE entdeckt wurde und die Erde am 25. Februar in einer Entfernung von rund 51 Millionen Kilometern (Rund ein Drittel der Entfernung der Erde zur Sonne) passieren wird. Keine Kollision, kein Tsunami, kein Weltuntergang. 

Quelle: JPL
Quelle: JPL

Sieht man sich die Geschichte, die zuerst in der Daily Mail erschienen ist, aber einmal genauer an, liest man im weiteren Verlauf von einem ominösen russischen Astronomen namens Dr. Dyomin Damir Zakharovich, der behauptet, das Objekt habe letzten Oktober das Nibiru-System verlassen und würde sich jetzt „gegen den Uhrzeigersinn drehen“ und uns unweigerlich treffen. Die NASA würde dies verschweigen und zudem die Größe des Objekt als viel geringer angeben. Die Experten würden uns alle bewusst täuschen und wir wären alle in großer Gefahr.

Nibiru-System. Echt jetzt?

Damit sollte die Sache eigentlich auch schon klar sein. Denn um was für einen Unsinn es sich bei der Nibiru-Verschwörungstheorie handelt, hat der Astronom Florian Freistetter in seinem Blog „Astrodicticum Simplex“ schon mehrfach ausgiebig und anschaulich beschrieben. Neben unzähligen weiteren Artikeln, in denen er sich mit dem Thema befasst hat, ist hier beispielsweise sein Artikel Finaler Unsinn: Nibiru final Update.

Und über den Astronomen Dr. Dyomin Damir Zakharovich liest man nur in den letzten Monaten in Zusammenhang mit „Nibiru“ und „Weltuntergang“. Darüber hinaus ist im Netz nichts über ihn zu finden.

Damit sollte die Sachlage soweit geklärt sein. Was auch immer Zahkarovich sich dabei gedacht hat, wie auch immer die Daily Mail dies aufgeschnappt hat – es ist nichts dran.

Aber wir wären nicht mimikama, wenn wir da nicht etwas genauer hinschauen würden: Wenn es doch so offensichtlicher Mumpitz ist, warum bringen denn alle Zeitungen das derart unreflektiert und mit solchen dramatischen Bildern?

„Ballance Fallacy“ – die Sache mit der Balance

Grundsätzlich ist es bei Diskussionen, bei analytischen Betrachtungen oder bei ähnlichen Auseinandersetzungen mit einem Thema immer wichtig, alle Seiten gleichwertig darzustellen, damit sich der Leser oder Zuschauer ein möglichst wertfreies Bild von der Sachlage machen kann. Dass zu vielen Themen dann auch mehrere Experten unterschiedlicher Meinung zu Wort kommen, ist auch richtig und wichtig.

Jedoch gibt es da manchmal ein Problem bei der Auswahl der Experten…

„There’s a kind of notion that everyone’s opinion is equally valid. My arse! A bloke who’s been a professor of dentistry for 40 years doesn’t have a debate with some eejit who removes his teeth with string and a door!“

– Dara Ó Briain

Wenn eine Expertise bereits dadurch diskreditiert wird, dass dem „Experten“ entweder das Fachwissen oder die Zurechnungsfähigkeit fehlt, ist diese nicht als gleichwertig darzustellen. Der irische Standup-Comedian Dara Ó Briain hat es in dem obigen Zitat sehr anschaulich so dargestellt, dass man zu einem Thema der Zahnmedizin ja auch nicht auf der einen Seite einen studierten Mediziner hört, nur um sich dann um der „Balance“ wegen einem Idioten zuzuwenden, der seine Zähne mit einer Schnur und einer Tür zieht. Die Wahrheit liegt in solchen Fällen dann nicht irgendwo in der Mitte der beiden Positionen, sondern ganz klar und definitiv nicht auf der Seite des „selbsternannten Experten“ mit Schnur und Tür.

Dieser Fehlschluss, auch als „Argumentum ad temperantiam“ bekannt, wird hier in diesen Artikeln nämlich bewusst gezogen.

Die Expertise der NASA steht hier gegenüber der Aussage eines gänzlich unbekannten, selbsternannten Astronomen, der bekannte und widerlegte Verschwörungstheorien als Grundlage seiner Behauptung anführt.

Im Verlauf der Artikel in den oben erwähnten Zeitungen und Online-Portalen wird dies mehr oder weniger deutlich, indem wetter.at die Bezeichung „Experte“ in Bezug auf Zakharovich in Anführungszeichen setzt und news.de von einem „angeblichen Experten“ schreibt. Dies sind jedoch nur subtile Hinweise, die ein Leser erst einmal mitbekommen muss, wenn er denn den Artikel überhaupt liest, und nicht nur die Überschrift. Das reicht einfach nicht. Vor allem nicht bei einem Thema, das – wenn wirklich etwas dran wäre – viele Menschenleben bedrohen und eine Katastrophe bedeuten könnte.

Nein, seriöser Journalismus geht anders. Sicher gehört Clickbaiting zur gängigen Praxis, besonders in den sozialen Medien, aber derart mit den Ängsten der Menschen zu spielen, zeugt nicht gerade von großer Verantwortung. Und auch wenn es vielleicht für manch einen fast lächerlich erscheint: Es gibt durchaus Menschen, die Nibiru für real halten und aufgrund so einer Meldung in ernsthafte Sorge verfallen. Wenn dann zu einem solchen Thema, über das sie sonst nur innerhalb ihrer Filterblase lesen, dann auf einmal etwas in den bekannteren Medien steht, ist das ein Bärendienst an der Sache. Es befeuert solche haarsträubenden Verschwörungstheorien auch noch, und das kann niemand brauchen.

 

Autor: Rüdiger, mimikama.at

Quellen:

http://www.jpl.nasa.gov/news/news.php?feature=6712

http://www.astronews.com/news/artikel/2017/01/1701-003.shtml

http://ssd.jpl.nasa.gov/sbdb.cgi?sstr=3764848#content

http://www.minorplanetcenter.net/db_search/show_object?utf8=%E2%9C%93&object_id=2016+WF9

http://odassoastro.blogspot.de/2017/01/2016-wf9-simulation-based-on-jan-5th.html

http://www.snopes.com/will-a-doomsday-asteroid-destroy-earth-in-february-2017