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Gemeinsam gegen Fakes, Fake-News und anderen Unwahrheiten im Internet. Bitte hilf mit!

Im Moment macht ein Statusbeitrag auf Facebook die Runde der mit: “VERMISST JEMAND DIESEN KLEINEN JUNGEN? Slawisches Kind auf den Händen einer Zigeunerin in Griechenland!” beginnt. Im Moment (20.7.2014 / 19:45 Uhr) sprechen alle Fakten dafür, dass es sich BEI DEM FOTO um keinen Fake handelt. Die Geschichte dahinter ist jedoch etwas schwieriger zu ergründen, weiteres dazu später.

Der erste Beitrag, den wir zu diesem Thema veröffentlicht haben, hat auf unserer Facebook-Pinnwand eine Lawine von Kommentaren losgetreten, die annähernd Shitstormniveau erreicht haben. Anscheinend wurde unsere Darstellung teilweise eklatant missverstanden, und die Kommentare bzw. sogar wüsten Beschimpfungen auch der Nutzer untereinander waren für uns nicht mehr tragbar bzw. moderierbar.

Daher nun hier ein neuer, erweiterter Bericht, der zum einen versucht, die entstandenen Missverständnisse aufzuklären, und zum anderen weitere Fakten und Aspekte mit einbezieht, die unsere Recherchen in der Zwischenzeit ergeben haben.

Dieser Bericht ist daher vielleicht etwas länger als gewöhnlich, lässt aber hoffentlich keinen Raum für Missverständnisse und beantwortet alle Fragen so gut es geht. Wir bitten daher unsere Leser, diesen Artikel wirklich bis zum Schluss zu lesen, bevor aufgebrachte Kommentare dazu verfasst werden, die bei der Lektüre des kompletten Artikels hinfällig wären.

UPDATE 21.07.2014, 09:00 Uhr

Bericht ergänzt: Weitere Bilder von Kindern und zusätzliche Informationen (siehe unten).

Update 22.07.2014, 10:23 Uhr

Mindestens eins der angeblich kürzlich aufgenommenen Bilder existiert schon seit 2011, Artikel in litauischer Zeitung (siehe unten).

Der Statusbeitrag

Bei dem Statusbeitrag ist ein Foto zu erkennen (wir haben das Gesicht des Jungen verpixelt). image.png Der Statusbeitrag im Ganzen und als Wortlaut:

+++BITTE TEILEN+++ +++VERMISST JEMAND DIESEN KLEINEN JUNGEN?++++ Slawisches Kind auf den Händen einer Zigeunerin in Griechenland! Bitte helfen Sie diesу Info ZU teilen! Am 9 Juli 2014 in der Stadt Nafplion (Griechenland) hat eine russische Touristin (Natalia Filipova) einen Kleinen Jungen mit hellen Haaren europäischeк Abstammung (wahrscheinlich slawisch)gesehen, der auf den Knien von eine alte Frau (Zigeunische abstammung) schläft. Ungefähr 3 jahre alt, nicht zu stark gebräunt, sieht so aus, als ob der noch nicht lange in Griechenland ist. Der Schlaf ist unnatürlich, wahrscheinlich unter Morphium. Das einzige was die Touristin machen konnte, ist ein Foto von dem Kleinen fürs Geld. Der Inhaber vom Laden gegenüber sagte, die Zigeunerin ist danach abgehauen, und am nächsten tag konnte man die beiden nicht mehr finden. Die einheimlichen sagten, dass in solche Fällen die Polizei nicht einschaltet. Die einheimlichen sagen, dass die oft an dei Polizei gewendet haben, aber ohne Erfolg. Zigeunerin war alt und sehr dick, ungefähr 60 Jahre. Die einheimlichen sagten, dass der kleine Junge „Frischfleisch“ ist, da er noch nicht zu stark gebäunt und noch nicht dünn ist… Früher hatte die Zigeunerin das Kind nicht gehabt, wahrscheinlich das Kind wurde gerade gekauft oder “ gemietet“ Das Kind ist gepflegt, hat rosabäckchen und gutes Gewicht. Wahrscheinlich wurde er gestohlen und wird gesucht. Wir bitten allen, denen die Situation nicht gleichgültig ist. Bitte teilt es weiter! Vielleicht sucht dieses Kind jemand! Und vielleicht genau eutren Repost sehen seine Eltern! Europaweit!!! In polizei von der Stadt Nafplion ist ein offizieles Schreiben eingegangen. und griechesche Organisation: Kindes Lächeln“ und anderen Organisationen, die Kinder suchen. Wenn wir nicht einschalten, hat der Junge max 6 Mon zeit zum leben… von Überdosis von Morphium. Wichtig ist, das die Nachricht vielen erreicht, besonders in Europa!! 1056 – „Hotline“ (von jeden telefon in Greece 2741032628 – «Kindes Lächeln», in Korinso116-000 – SOS


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Zu dem Inhalt Statusbeitrags an sich

Hier fanden wir verschiedene Ansätze und „Handlungsstränge“, bzw. Erklärungsversuche und damit zusammenhängende Geschichten. Wir müssen hier etwas weiter ausholen, um ein möglichst objektives Bild der Lage zu zeichnen.

Unser erster Ansatz war, die Fotografin ausfindig zu machen, was uns gelungen ist. Natalya Filipova hat ein Profil auf dem russischen Facebook-Pendant „VKontakte (VK)“.

image.png

Der Text des Statusbeitrags lautet wie folgt (Übersetzung aus dem Russischen mittels Online-Übersetzungstool. Diese liest sich daher teilweise seltsam, lässt aber die Aussage erkennen):

Jungs, bitte, MAXIMUM Volkszählung! Slawischen Kind in den Händen der Zigeuner in Griechenland! Heute in der Stadt Nafplion, Griechenland, in der alten Stadt in den Händen von einer Zigeunerin sah das schlafende Baby. Slawischen, 3 + / – Sleep, leider, wie üblich in diesen Fällen unnatürlich … Alles, was es für das Geld tun verwaltet … ein Bild von dem Kind vor der Shop-Betreiber sagte etwas schnell Sinti und Roma und eine halbe Stunde später war sie weg … Schrieb einen Brief an „Warte auf mich.“ Es gibt viele Einwanderer aus Russland und der Ukraine! Vielleicht hat jemand sucht nach einem Kind! Heute Morgen, lief durch die Altstadt, nach ihnen zu suchen. Nicht gefunden. Nachrichten sind nicht kinder griechischen und Nicht-Roma ist „frisch Large“ noch nicht abgemagert und geschwärzt, schlafen unter dem Morphin … sie ihn nicht verlassen, bevor vielleicht, wahrscheinlich nur gekauft oder hat jemand zu mieten … Eltern, aber ich glaube es nicht! Polizei rufen nutzlos, sie nicht zu kommen oder wird wahrscheinlich ihr Betteln angetrieben. Waisenhäuser nicht nur Kinder gerichtete Aussagen, nehmen Sie nicht diese, sondern nur um die Jagd aus den Augen von Touristen. Sie können eine formale Aussage bei der Polizei am Check zu schreiben und dann haben sie zu überprüfen und die Antwort geben, aber wir gehen, nicht eine Antwort zu geben … Wer Einheimischen, der das alles erzählt und gezeigt (Café, nicht weit von dieser Stelle) wird nicht um dies zu tun. Ich sprach heute mit ihnen, sie sind nicht gewalttätige Leute, nur vor ihren Augen für Hunderte von Jahren getestet, diese Kinder, sie in das Tor zu kämpfen haben, und wird nicht mehr Punkt. Somit muss diese Ausführung nicht passieren. Ich habe die Adresse des lokalen Roten Kreuzes, aber es war immer geschlossen, war ich in der Werkstatt nebenan erzählt. In einem Internet-Abteilung, die nur in Athen. Wenn sie ziehen, werden sie einen förmlichen Antrag auf Überprüfung könnte. Kann jemand sie zu schreiben? Ich habe mit Englisch ist nicht sehr gut. Ich noch die restlichen Tage laufen, um die sehr Zigeuner fotografieren. Heute alle Hot Spots, sehe ich mit der ältesten Tochter ging. Tante nicht das finden diese. Es ist alt (60 Jahre) und dick, jeder weiß es. Café Gelateria, kann beispielsweise zu beschreiben. Junge, als Option kann von Serbien oder Bulgarien sein, wie mir gesagt wurde. Kann jemand post es in Facebook in Englisch und Russisch? I – nicht in das Thema, leider. Guys! Sie müssen sich in Facebook in Englisch und Russisch zu schreiben! Es besteht die Möglichkeit, dass ein Kind aus Serbien oder Bulgarien. Und schreiben Sie in das Rot-Kreuz-Büro in Athen. Sie, wenn sie wollen, können einen formellen Antrag an die Polizei Nafplion senden, und Sie müssen zu inspizieren und die Antwort geben. Kontaktdaten Adresse: 1 Rue Lycavittou Athen 106 72 Kontaktinformationen: Tel: (30) (210) 3621681/3615606 (International Relations Departent) Fax: (30) (210) 3615606 (International Relations Department)) Telex: 225156 EBS GR Telegramm: HELLECROIX ATHENES E-Mail: ir@redcross.gr Web: http://www.redcross.gr Korrespondenzsprache: Englisch Menschen: Präsident: Botschafter Dionisios Kodellas Vizepräsident (ehemaliger Direktor der Alpha Bank Network): Ioannis Galanopoulos Vizepräsident (Vorsitzender der Piraeus Bank Gruppe Kulturfondation): Frau Sophia STAIKOU Generalsekretär (Economist): Frau Evangelia VELENTZA-Zouroudi Schatzmeister (Rechtsanwalt): Frau Despina Laskaridou Material Superintendent, Apotheker, Maj Gen (im Ruhestand): Dr. Antonios AVGERINOS Im Prinzip hat der Junge keine Chance … wenn er nicht auf der Suche nach ihm in einem Jahr sterben an einer Überdosis Morphin oder so ähnlich … hier, und zwar in der ganzen Welt, diese Kinder sind nicht erwünscht! JEDERMANN!

Der letzte Statusbeitrag der Fotografin Natalya Filipova lautet (sinngemäß übersetzt):

„An alle, denen die Geschichte mit dem Jungen, den ich in Griechenland gesehen habe, nicht gleichgültig ist. Hört uns und tut etwas! Ich kenne noch keine Ergebnisse, aber ich werde hier an der Pinnwand schreiben, sobald sich etwas tut. Ich danke Ihnen sehr!“

Allein der Aufwand, der hier von Seiten der Fotografin betrieben wird, inklusive des Involvierens der örtlichen Behörden in Nafplion, lässt insofern keine Zweifel an der Authentizität des Vorfalls, als dass dort tatsächlich eine südländische Frau mit einem kaukasisch anmutenden Kind gebettelt hat.

Ob dahinter jedoch wirklich eine Kindesentführung steht, lässt sich nicht feststellen, und man muß sich vor all zu schneller Vorverurteilung hüten!

Momentan sind wir dabei, mit der Fotografin in Kontakt zu treten, um gegebenfalls weitere Umstände des Sachverhalts in Erfahrung zu bringen.

Der zweite Recherchestrang bestand darin, diesen Fall vor dem Hintergrund der Lage in Russland zu sehen:

Uns liegen unbestätigte mündliche Berichte aus den GUS-Ländern vor, nach denen in vielen Städten südländisch anmutende ethnische Gruppen mit Schlafmitteln ruhiggestellte Kinder zum Betteln missbrauchen. Dahinter wird eine organisierte Kriminalität vermutet. So werden den Berichten zufolge die Frauen von Hintermännern dazu gezwunden, mit den Kindern im Arm auf der Straße zu sitzen. Diese Berichte beschränken sich allerdings den Angaben zufolge bislang nur auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wo sich wohl auch Hilfsorganisationen dem Misstand angenommen haben und die Polizei entsprechend aktiv wurde.

Was ist jedoch mit dieser Frau in Griechenland?

Der dritte Rechercheansatz bestand darin, ähnliche Fälle im Kontext zu betrachten. Und derer gibt es einige!

Es gibt bei dieser Meldung Parallelen zu einem Fall aus der Vergangenheit, dem sogenannten „Maria-Fall“ (2013) (siehe: http://www.bbc.com/news/world-europe-24603386), der sich allerdings als komplizierter als zunächst angenommen herausstellte. Dort wurde einem Roma-Ehepaar ein blondes Mädchen mit grünen Augen im Rahmen einer Razzia durch behördlichen Beschluss entzogen, weil man im Glauben war, es handle sich um eine Entführung. Ein DNA-Test ergab zwar, daß das Ehepaar tatsächlich nicht die leiblichen Eltern waren, allerdings waren auch in dem damaligen Fall die Umstände derart kompliziert und verzwickt, dass sich die Ermittlungen der wahren Umstände bis heute hinziehen. Die Zieheltern im Roma-Lager behaupteten, das Kind von einer verzweifelten ungarischen Mutter erhalten zu haben, die dieses in deren Obhut übergeben hatte, weil sie es nicht behalten konnte und – selbst unter entsprechendem Druck stehend – unbemerkt loswerden musste. Bis heute wurden die leiblichen Eltern nicht ermittelt. Ebenfalls existiert keine Vermisstenmeldung, auf die dieses Kind passt.

(Update dank eines Hinweises einer Leserin: Die leiblichen Eltern des Kindes wurden mittlerweile ermittelt. Es sind Roma. Siehe: http://www.focus.de/politik/ausland/raetsel-um-blondes-maedchen-gelueftet-behoerden-identifizieren-marias-eltern-per-dna-test_aid_1139091.html)

Und obwohl die Polizei in dem Fall noch ermittelte, und im Prinzip noch gar nichts fest stand, „wusste“ es die Presse bereits genauer. „Kind von Zigeunern entführt“, „Gekidnapptes Baby als Kind“ und „Zigeuner stehlen Baby“, so die Schlagzeilen, teils sogar von renommierten Agenturen wie REUTERS.

Auch in dem Fall der vermissten Madleine McCann (2007) (http://de.wikipedia.org/wiki/Vermisstenfall_Madeleine_McCann) dauerte es nicht lange, bis die „Schuldigen“ von der Presse „gefunden“ waren. Bis heute ist dieser Fall nicht gelöst, und die bisher gefundenen Indizien und Ermittlungen füllen ganze Akten. Kein Hinweis jedoch, der in Richtung einer Roma-Entführung ging, hat sich bis jetzt bestätigt oder erhärtet.

Ebenfalls eine Entführung durch Sinti oder Roma wurde in dem Fall des britischen Jungens Ben Needham (http://en.wikipedia.org/wiki/Disappearance_of_Ben_Needham) sehr bald nach Bekanntwerden des Verschwindens angenommen.

Bens Mutter kommentierte „Die griechischen Behörden bleiben bei der Aussage, dass Zigeuner keine Babys rauben. Jetzt wissen wir aber, dass sie es doch tun.“

Wissen wir das?

Wäre es so „einfach“, dass diese Kinder einer Entführung durch Sinti oder Roma zum Opfer gefallen wären, wäre man in diesen Fällen was die Ermittlungen angeht, zumindest entschieden weiter, zumal die Sachlage in einem der Fälle ja „umgekehrt“ war: Nicht aufgrund des Verschwinden eines Kindes wurde eine Suchaktion und Ermittlungen eingeleitet, sondern durch den Fund eines kaukasischen Kindes wurde eine Suche nach der Identität angestossen. Es wurde in diesem „Maria-Fall“ bislang jedoch weder eine Vermisstenmeldung gefunden, die zu dem gefundenen Kind passt, noch haben sich auf die zahlreichen Aufrufe und Ermittlungsaktionen Eltern gemeldet, die ihr Kind vermissen. (Update, die Eltern wurden gefunden, s.o.)

Aber warum ist bei derartigen Fällen eine der ersten Theorien eigentlich immer eine Entführung durch „Zigeuner“? Auffällig ist auch in dem Zusammenhang mit solchen „Negativmeldungen“ der Gebrauch des Wortes „Zigeuner“, statt der für die Bevölkerungsgruppen korrekten ethnischen Bezeichnung „Sinti“ oder „Roma“.

Der Begriff „Zigeuner“ geht wahrscheinlich auf einen Begriff aus dem byzantinischen Griechisch zurück und ist im deutschen Sprachraum seit dem frühen 15. Jahrhundert belegt. Die Bezeichnung wurde als Sammelbegriff für südländische, meist nicht sesshafte Volksstämme verwendet und hat im Laufe der Zeit mehr als einen negativen Beigeschmack erhalten. So lehnt die Interessensvertretung der Roma diesen Begriff wegen seines stigmatisierenden Charakters ab, da sie ihn im Kontext einer langen Verfolgungsgeschichte sieht, die im nationalsozialistischen Genozid gipfelte. (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Zigeuner)

Durch diese jahrhundertelange „Vorbelastung“ lässt sich die Frage, warum diese Volksgruppen gerne unter Verdacht gestellt wurden, beantworten:

Geschichten von Kindesentführungen durch Sinti oder Roma ziehen sich durch die Presse der Jahrhunderte (!)

In Kinderbüchern, Filmen und alten Volksmärchen wird häufig ein stereotypisches Bild der „Zigeuner“ gezeichnet. Geschichten von Kindesentführungen oder blonden Kindern, die in ihren Lagern auftauchen, lassen sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen.

Kinderboek-uit-1922-collectie-Jean-Kommers-IISG
Niederländisches Kinderbuch von 1922: „In den Händen der Räuber“ (Sammlung Jean Kommers)

In der Neuzeit gibt es Berichte von Fällen (z.B. 1917, 1920 und 1934), wo ebenfalls „die Zigeuner“ bald als Schuldige feststanden – und sich im Nachhinein alles als Gerücht herausgestellt hat. Ein verschwundenes Kind war beispielsweise schlichtweg davongelaufen und wurde einige Zeit später gefunden.

Diese Gerüchte jedoch haben einen derart prägenden Charakter, dass sie das Urteil der Presse und Bevölkerung bis in die heutige Zeit beeinflussen.

Auch „Moderne Mythen“ und sogenannte „Urbane Legenden“ spielen mit dieser Urangst der Menschen, dass eine „andersartige“ Gruppe von Leuten die eigenen Kinder entführt.

Wir berichteten mehrfach über die „Organmafia“: http://www.mimikama.at/allgemein/die-organmafia-in-essen-und-duisburg-ein-fake-verbreitet-angst/http://www.mimikama.at/allgemein/facebook-fake-shock-news-die-rumnischen-frauen-die-angeblich-einen-2-jhrigen-entfhrten/

Alles zusammengenommen führt das dazu, dass wir dazu neigen, in ungeklärten Situationen und bei mysteriösen Sachverhalten auf unsere Urängste zu hören und die Erklärung anzunehmen, die am „greifbarsten“ ist. Es liegt in der Natur und menschlichen Ethik sowie dem Moralempfinden unserer Gesellschaft, zu einem Verbrechen einen Schuldigen präsentieren können zu wollen. Eine „Hexenjagd“, die sehr bizarre Folgen haben kann.

So wurde im Oktober 2013 in einer gängigen britischen Regenbogenpresse triumphierend berichtet, dass „Maddie“ (Madeleine McCann, siehe oben) in Irland gefunden worden sei:

Maddie-found-in-Ireland

Zwei Mädchen wurden nach einem Tipp auf der Facebook-Pinnwand eines TV-Senders aus einer Roma-Familie geholt, nach einem DNA-Test, der sie als die leiblichen Kinder der angeblichen Entführer bestätigte, jedoch wieder zurückgebracht. Dies macht diese Meldung zu einem der eklatantesten Fauxpas in der Pressegeschichte. (siehe: http://www.independent.ie/irish-news/courts/roma-family-delighted-after-girl7-confirmed-as-theirs-by-dna-tests-29694850.html)

Fazit

Das Bild, um auf den eigentlichen Beitrag auf Facebook zurückzukommen, ist echt. Die Fotografin hat die Behörden und Hilfsorganisationen verständigt. Ob es sich hier tatsächlich um ein entführtes Kind handelt, oder wie sich die genauen Hintergründe darstellen, lässt sich zu dieser Zeit, mithilfe aller vorhandenen Informationen jedoch nicht sagen.

Wir sollten uns jedoch, besonders im Lichte der hier vorgetragenen Sachverhalte, davor hüten, vorschnelle Anschuldigungen oder Schlüsse zu treffen.

Ein rechtlicher Grundsatz, der auch im Prozessrecht Anwendung findet ist „Negativa non sunt probanda“, „Fehlende Umstände müssen nicht bewiesen werden“, soll heißen, dass die Beweispflicht auf der Seite des Anklägers liegt und nicht der Beschuldigte seine Unschuld beweisen muss.

Ein weiterer Aspekt, bzw. eine weitere Gefahr ist nämlich unter anderem auch, dass rechte Gruppierungen diese Gerüchte (und nicht mehr sind diese Geschichten letztendlich) aufgreifen und für ihre Propaganda missbrauchen. So dauerte es nicht lange, bis beispielsweise die die rechtsgerichtete Bewegung „Lega Nord“ im Lichte der oben behandelten Fälle auf Plakaten verkündete: „Hände weg von unseren Kindern“.

Sollten sich in diesem Fall weitere Anhaltspunkte oder Entwicklungen ergeben, werden wir selbstverständlich weiter darüber berichten.

Update 21.07.2014, 09:00 Uhr:

Es sind weitere Bilder der besagten Fotografin Natalya Filipova aufgetaucht, die ebenfalls blonde Kinder in den Armen von südländischen Frauen zeigen. Dabei handelt es sich nicht um den Jungen aus dem ursprünglichen Beitrag: roma1 roma3 roma2

(Wir haben die Gesichter verpixelt, da dies hier eine Information und keinen Fahndungsaufruf darstellt.)

Auch hier können aufgrund der dürftigen Faktenlage keine Aussagen über die Geschichte getroffen werden, die dahinter steckt. Wir wissen nicht, wer diese Frauen oder Kinder sind, und können dies auch allein aufgrund der Bilder nicht feststellen. Hier sind wir einzig und allein auf die Aussage der Fotografin, Natalya Filipova, angewiesen. Was wir aber mit Sicherheit sagen können ist, dass die Bilder nicht manipuliert wurden (Montage mit Photoshop, etc.).

Hier jedoch noch etwas zur biologischen Seite: Das für blonde Haare verantwortliche Allel zur Bildung von Phäomelanin ist rezessiv, kann also unterdrückt weitergegeben werden. Das bedeutet im Endeffekt, dass auch z.B. ein Roma-Ehepaar, die beide dunkelhaarig sind, ein blondes Kind haben können. Das zeigt auch der „Maria-Fall“: Zwei von Marias leiblichen Geschwistern sind blond.

Es ist generell problematisch, allein aufgrund von persönlichem Empfinden („Das blonde Kind kann nicht von denen sein!“), ein Urteil zu fällen. Die Erfahrung zeigt, dass es eben doch sein kann. Ergebnis war u.A. oben erwähnter Presse-Fauxpas.

Interessant ist es schon, dass wenn wir eine hellhäutige, blonde Mutter mit einem farbigen Kind auf der Strasse sehen, sicher nicht auf die Idee kämen, das Kind sei entführt, gestohlen oder dergleichen. Sie wird es sicherlich adoptiert haben, oder der Vater ist ebenfalls farbig, so die überwiegende Schlußfolgerung. Verhält es sich aber andersherum, und sehen wir eine südländische Frau wie die Damen in den Bildern mit einem hellen Kind, schlagen besagte Vorurteile – teils unbewusst – zu, und wir kommen auf die absonderlichsten Gedanken.

Hier sei auch der folgende Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zu dem Thema ans Herz gelegt: http://www.sueddeutsche.de/panorama/der-fall-des-roma-maedchens-maria-wenn-vorurteile-neu-erbluehen-1.1810445

Unabhängig von der Herkunft der Kinder auf den Bildern ist die Lage der Menschen, die so betteln gehen, nicht beneidenswert. Und dort generell Hilfe leisten zu wollen ist sicher nicht verwerflich, ganz im Gegenteil. Hierzu kann man sicherlich gerne die örtlichen Organisationen wie das Rote Kreuz kontaktieren. Was allerdings gefährlich ist: Im gleichen Atemzug ein Urteil über einen Sachverhalt treffen zu wollen (und dabei eine ganze ethnische Gruppierung, einen ganzen Volksstamm zu brandmarken), über den man nur durch teils zweifelhafte, schwer nachvollziehbare Kanäle einen kleinen Teil von vagen Informationen hat.

Update 22.07.2014, 10:23 Uhr

Ein aufmerksamer Leser hat uns darauf hingewiesen, dass zumindest eines der im letzten Update erwähnten Bilder bereits am 21.09.2011 (!) in das Fotoportal „iStock“ (Getty Images) hochgeladen wurde. In dieser Bilddatenbank, die Bilder zu diversen Themen für journalistische und redaktionale Zwecke anbietet, ist dieses Motiv unter verschiedenen Lizenzen käuflich erwerbbar.

Screenshot_1
Das Bild in iStock. (Klicken zum Vergrößern)

Es ist daher anzuzweifeln, ob die restlichen Bilder wirklich von besagter Fotografin (Natalya Filipova) stammen, zumal ihr Profil auf VK.com mittlerweile gelöscht ist. Der Wahrheitsgehalt der Geschichte sollte daher neu bewertet werden. Desweiteren ist in dem litauischen Nachrichtenportal lyrtas.lt ein Artikel zu dem Thema veröffentlicht worden, in dem vermutet wird, dass es sich bei dem Kind im ursprünglichen Bild um einen in der Ukraine vermissten Jungen namens „Nikita“ handeln könnte. Die Behörden in Odessa würden ermitteln.

Screenshot_2

Aber auch bei dieser Meldung muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass bislang alle Vermutungen in allen angeblichen „Roma-Entführungsfällen“ nicht bestätigt werden konnten, und dass aus Ermittlungen resultierende Polizeiaktionen teils mit eklatantem „Kollateralschaden“ daherkamen (siehe Bild oben: „‚Maddie‘ found in Ireland“).

Autor: Rüdiger Reinhardt vom ZDDK-Team

An dieser Stelle vielen Dank an Peter Burger (http://www.gestolengrootmoeder.nl/wordpress/peter-burger/) für seine Kommentare und eingehenden Analysen zu diesem doch recht weitreichenden und tief gehenden Thema.