Kaum ist die erste Welle der Empörung über die geschönten Abgaswerte der Dieselfahrzeuge von VW, Porsche, Audi, Daimler und BMW verebbt, sorgt die Automobillobby scheinbar mit einem weiteren Skandal für Negativschlagzeilen.

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Wir erhielten Anfragen zu einem nicht ganz so einfachen Thema.

Es geht dabei um folgenden Bericht der Tagesschau:

Hintergrund:

Im September 2015 waren millionenfache Manipulationen zur Umgehung gesetzlich vorgeschriebener Abgasgrenzwerte, insbesondere von Stickoxiden, aufgeflogen; Software, die zwischen Prüf- und Realsituation unterscheiden und die Abgasemission entsprechend „umschalten“ konnte, wurde in Millionen Fahrzeugen im In- und Ausland verbaut, um die tatsächliche Umweltbelastung zu verschleiern. [1]

Über die zwielichtige „Forschungsinitiative“ EUGT (Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor), eine von Volkswagen, Daimler und BMW finanzierte Lobby-Organisation [2] mit wissenschaftlichem Anspruch, ließen die Automobilkonzerne im amerikanischen Bundesstaat New Mexico ein moralisch und wissenschaftlich äußerst zweifelhaftes Experiment mit 10 Affen durchführen, die zu diesem Zweck in einer verschlossenen Glaskabine den Abgasen eines VW Beetle ausgesetzt wurden.

Ebenso undurchsichtig wie Durchführung und Ergebnis der Studie, worüber keinerlei Unterlagen auffindbar sind, ist das Motiv: Man habe demonstrieren wollen, dass die Schadstoffbelastung durch Dieselfahrzeuge auf Grund moderner Abgasreinigung erheblich reduziert werden konnte.

Die EUGT wurde im Sommer 2017 aufgelöst, eine Auswertung geschweige denn Veröffentlichung der „Ergebnisse“ hat nie stattgefunden. Inzwischen distanzieren sich alle Beteiligten von dem unprofessionellen Unterfangen; VW, damals federführend, bereut laut ARD:

Wir sind der Überzeugung, dass die damals gewählte wissenschaftliche Methodik falsch war“,

teilte der Konzern mit.

„Es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten.„[3]

Ja, diese Tierversuche haben, wie in der Presse geschildert, stattgefunden.

Die Tierversuche sind Tatsachen; keiner der Beteiligten bestreitet das mehr. Von einem „unglücklichen Versuchsaufbau“ ist die Rede – anscheinend haben die zehn Makaken, die zu den Primaten (Menschenaffen) zählen, die Tortur aber überlebt, nicht zuletzt, weil niemand mehr da war, der die Ergebnisse hätte auswerten können.

Nach wie vor werden in der Forschung, vor allem für Arzneimittelkonzerne, Tierversuche durchgeführt; das ist allenthalben bekannt. Kritisiert wird vor allem die Tatsache, dass der „Versuch“ ausschließlich PR-Zwecken dienen sollte und keinerlei Erkenntnisgewinn brachte.

Wurden wirklich auch Versuche an Menschen vorgenommen?

Ja, auch das ist richtig, aber nicht oder zumindest nicht beweisbar, im Kontext des Abgasskandals.

Im Jahr 2012 wurde in der Tat eine Studie durchgeführt, die die Kurzzeit- Auswirkung von Stickoxiden auf junge, gesunde Erwachsene zum Thema hatte. Solche Studien mit Freiwilligen sind in der akademischen Forschung nichts ungewöhnliches; zumeist melden sich Studenten, die für ihre Teilnahme eine Aufwandsentschädigung erhalten.

Die Studie war, so der Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Uniklinikum Aachen von der Senatskommission der deutschen Forschungsgemeinschaft initiiert und von der Ethikkomission abgesegnet worden.

Ziel des Experiments sei die Sicherstellung zulässiger Grenzwerte zur Vermeidung von Schäden am Arbeitsplatz gewesen, so etwa für LKW-Fahrer, KFZ-Mechaniker, aber auch Schweißer. Die 25 Probanden wurden dabei verschiedenen Konzentrationen von Stickoxiden in der Atemluft ausgesetzt; andere Schadstoffe, die zum Beispiel in Autoabgasen vorkommen, seien zu keiner Zeit Gegenstand der Untersuchung gewesen.

Erst als sich herausstellte, dass eben jene Lobbyorganisaton EUGT, die bereits für die Versuche an Primaten verantwortlich zeichnete, Sponsor auch dieser Studie war, ließ dies die Forschungsarbeit plötzlich in einem anderen Licht erscheinen.

Genau wie in der Primatenstudie wurden hier nur die kurzfristige Exposition der Probanden durch geringe Mengen an Schadstoffen bewertet. Die Ergebnisse wurden 2016 veröffentlicht, nachweisbare Schäden seien in keinem Fall festgestellt worden.

Dieses Ergebnis wäre den Lobbyisten mehr als gelegen gekommen, insbesondere nachdem bekannt wurde, dass von ihrer Seite aus mehrfach versucht worden war, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an Veröffentlichungen über die krebserregende Auswirkung von Stickoxiden zu hindern. [4]

Der Institutsleiter distanziert sich ausdrücklich von dem Verdacht, der Geldgeber könne Einfluss auf den Ausgang der Studie genommen haben und verweist auf die Risiken längerer und höherer Stickoxidbelastung, die es jetzt im Anschluss zu erforschen gelte.

Was ist hier wirklich geschehen? Was wissen wir?

25 Menschen im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte haben sich als Probanden für eine Studie gemeldet, die von der Ethikkomission abgesegnet und unter augenscheinlich korrekter wissenschaftlicher Aufsicht durchgeführt wurde. Niemand wurde jemals gegen seinen Willen Teil der Studie. Dies ist gängige Praxis in der medizinischen Forschung.

Betrachtet man die beiden „Aufreger“ getrennt, so ist zumindest der pseudowissenschaftliche Umgang mit den Primaten moralisch mehr als zweifelhaft. In wie fern die beiden Vorgänge, die Tests mit den Affen einer – und den Menschen andererseits zusammenhängen, kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden.

Angemessene Reaktionen von Regierungsseite?

So scheint die allgegenwärtige Empörung, die sich vor allem unserer Politiker bemächtigt hat, an vielen Stellen derart übertrieben, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass hier jemand jegliche Mitverantwortung auf die bereits dingfest gemachten Schuldigen abschieben möchte.

Wenn Regierungssprecher Steffen Seibert vollmundig postuliert, dass „Abgastests an Affen und SOGAR an Menschen ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen seien“, mag er im ersten Fall Recht haben.

Was die „Menschenversuche“ angeht, so gibt er – ob absichtlich oder nicht – in unreflektierter Weise sozusagen die Überschrift wieder, ohne den Inhalt zu kennen.

Ein „Aufschrei“ geht durch die Ränge, der der Realität nicht wirklich angemessen ist – wohl in der Hoffnung, einen „Skandal“ zu etablieren, hinter dem sich eventuelle eigene Sünden bequem verbergen lassen.

Autor: Dagmar K. – mimikama.at

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