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Momentan macht ein Wahlplakat der SPD Siegburg aus dem Jahr 2008 die Runde.

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Auf diesem wird unter dem Titel „Alles, was Spaß macht! Schöne Ferien wünschen Frank Sauerzweig und die Siegburger SPD“ ein lachendes Mädchen gezeigt, während genannter SPD-Politiker vor der Kulisse des Kirchturms von St. Servatius dahinter steht. Eine Interpretation der Gesamtaussage des Plakats, besonders mit der unglücklich gewählten Pose, könnte in eine pädophile Richtung gehen. So wird dieses Plakat jedenfalls mancherorts argumentativ verwendet.

Um dieses Plakat geht es:

Was ist denn nun dran? Ist das Plakat überhaupt echt?

Vorab: Ja, das Plakat ist echt. Aber es gehört noch mehr zu der Geschichte.

Unserer Recherche nach wurde das Plakat im Jahre 2008 von der Werbeagentur Jung von Matt im Rahmen einer Wahlwerbekampagne zur anstehenden Kommunalwahl 2009 erstellt, bei der der SPD-Politiker Frank Sauerzweig als Herausforderer des CDU-Kandidaten Franz Huhn antrat.

Um ehrlich zu sein: Glücklich gewählt ist dieses Motiv, bzw. die Pose wirklich nicht. Dementsprechend findet sich dieses Motiv auch unter anderem in einem Forumsthread mit dem Titel „Die dümmsten Wahlplakate“ aus dem November 2008 wieder.

Eine frühere Quelle, ein Artikel von John F. Nebel auf der Seite „Metronaut.“ vom August 2008 zeigt das Plakat ebenfalls mit folgendem Beitext:

Ich würde mal behaupten: “FAIL!” Und warum fällt eigentlich niemanden sowas auf, bevor solche Plakate gedruckt und aufgehängt werden. Und wohin reist eigentlich Herr Sauerzweig? Und wielange wird es dauern bis die SPD Siegburg das Plakat von der Seite nimmt?

Update 23:55 Uhr: das Plakat ist bei der SPD Siegburg vom Netz. Hat ja keine 7 Stunden gedauert. Auf der Plakatseite sieht man die Löschung ganz schön.

Quelle: Metronaut.

Diese Aussage trifft es eigentlich recht gut: Es ist wahrscheinlich einfach ein PR-technischer Fauxpas, wie er eigentlich nicht hätte passieren sollen.

Wie entsteht eigentlich so ein Plakat? Warum hat das niemand gemerkt?

Wenn für ein Plakat Aufnahmen gemacht werden, so liegen nach dem Shooting der endgültigen Bildauswahl im Schnitt einige hundert Motive zugrunde. Aus diesen wird dann, wahrscheinlich nach längerem hin und her zwischen Auftraggeber und Agentur (hier: Siegburger SPD und mutmaßlich Jung von Matt), eine Auswahl getroffen, die dann in einer Reihe von Layout-Vorschlägen verarbeitet werden. Am Ende stehen dann die fertigen Plakate, die dann gedruckt werden.

Aus meiner eigenen Erfahrung in der Branche als Mediengestalter kann ich sagen, dass manchmal leider erst am Ende, wenn man den Katalog, den Flyer oder – wie hier: das Plakat – in den Händen hält, irgendetwas auffällt, was eigentlich vorher schon hätte auffallen müssen. Ein Schreibfehler, ein falsches Datum, oder eben auch ein sehr unglücklich gewähltes Motiv, was dann der Plakattext obendrein nicht besser macht.

So sieht man, wenn man die „Wayback Machine“ (eine Art Internet-Archiv) nutzt, auch noch die auf „Metronaut.“ erwähnte Stelle, an der das Plakat auf der Webseite als Bild herunterladbar war (Die Bilder wurden leider nicht mit archiviert, man kann aber anhand der Dateinamen auf dieses Plakat schließen):

Die Reise durch das Internet

Es wurde also, wie unsere Recherchen ergeben haben, relativ bald von der SPD Siegburg von der Seite entfernt. Jedoch hing wohl schon mindestens ein Exemplar in der Stadt aus, jemand machte ein Foto davon, und die Geschichte nahm seinen Lauf. Das Internet vergisst ja bekanntlich nichts.

So twitterte Jan Böhmermann dann 2012 wieder:

Weitere Fundstellen und Zeitpunkte der Veröffentlichung offenbart die Google Bilder-Rückwärtssuche. Auf diversen Bilderseiten und in verschiedenen Tweets taucht es quasi in jedem Jahr seit seiner Entstehung im Jahre 2008 bis heute wieder auf.

Nun, im Jahre 2017, ganze 9 Jahre nachdem es veröffentlicht wurde, wird dieses Motiv wieder hergenommen, um damit einen Standpunkt untermauern zu wollen.

Ja, das Plakat ist echt. Es wurde 2008 kurzzeitig verwendet.

Ja, das Motiv ist unglücklich gewählt und lässt Spielraum für Interpretationen. Dies war, wenn man einmal logisch nachdenkt, sicher nicht so gewollt. Es wurde ja schließlich zeitnah entfernt. Und warum würde man als Partei denn auch absichtlich ein Plakat veröffentlichen, mit dem man sich quasi selbst in den Fuß schießt? Das ergibt doch nun wirklich keinen Sinn.

Und nein: Ein 9 Jahre altes Wahlplakat einer örtlichen SPD (Siegburg), welches, nachdem man auf die unfreiwillige „interpretatorische Nebenaussage“ aufmerksam wurde, aus dem Verkehr genommen wurde, jetzt als Argument für irgendetwas zu verwenden, ist kein Argument, sondern einfaches Bashing, was sich in den Reihen von Whataboutism, Tu quoque und Ad hominem bewegt, zumal der auf dem Plakat abgebildete Frank Sauerzweig bei der letzten Wahl schon gar nicht mehr als Bürgermeister kandidierte.

Autor: Rüdiger, mimikama.at