Die Geschichte vom ausgeschalteten Sendemast und den Kopfschmerzen

Von | 3. September 2019, 10:14

Bei vielen Diskussionen rund um 5G, Strahlung und Auswirkungen auf den menschlichen Körper liest man immer wieder diese Anekdote.

Es geht um diese kleine Geschichte:

Screenshot: mimikama.at

„Die Telekom errichtet einen Mobilfunkmast – plötzlich klagte eine Anwohnerin über Kopfschmerzen. Sie sammelte über 500 Unterschriften gegen den Mast. Ein Telekomsprecher: „Wie schlimm muss es erst werden, wenn wir den Mast nächsten Monat in Betrieb nehmen.““

Diese und ähnliche Geschichten hört und liest man immer wieder, und so mancher Techniker wird ähnliche Geschichten über Erlebnisse mit Kunden erzählen können. Ein neues Phänomen ist das auch nicht wirklich, auch wenn durch die 5G-Einführung sie jetzt wieder häufiger zu lesen sind, denn tatsächlich scheint es dieses Phänomen schon zu geben, seit die ersten Mobilfunkmasten aufgestellt wurden.

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Was sorgt denn da für Kopfschmerzen?

Bereits aus dem Jahr 2002 ist eine solche Geschichte aus Spanien bekannt:
Im Rennen um die beste Netzabdeckung sprossen im ganzen Land Mobilfunkmasten der vier damaligen Anbieter wie Pilze aus dem Boden. Der Bürgermeister eines Ortes beschwerte sich direkt beim Mobilfunkanbieter, der dort einen großen Sendemast aufstellte, dass die Hälfte der Bürger seitdem unter Übelkeit und Kopfschmerzen litten.
Das Problem aber: Der Mobilfunkmast war noch gar nicht angeschlossen.

Im August 2009 klagten viele Einwohner der nordirischen Stadt Craigavon über Kopfschmerzen, Übelkeit, Tinnitus, trockene, brennende, juckende Haut, Magenverstimmungen und völlig gestörte Schlafgewohnheiten, seit dort ein Sendemast errichtet wurde. Die Bürger protestierten und verteilen Flyer, es wurde sogar eine Task Force eingerichtet, um die medizinischen Beschwerden und die Auswirkungen des Turmes auf die Gesundheit zu untersuchen, der laut den Einwohnern gefährliche Mikrowellen ausstrahlt.
Der Betreiber versicherte zwar, dass die Sendeleistung nur verhältnismäßig schwach und nicht stärker als die bereits vorhandene Strahlung sei, doch das führte nicht zur Beruhigung der Einwohner. Mitte November kam es schließlich zu einer Bürgerversammlung, in der der Betreiber versprach, den Turm wieder abzuschalten. Die Gesundheitsbeschwerden wurden daraufhin weniger.
Was die Einwohner nicht wussten: Aufgrund der Untersuchungen war der Funkturm bereits seit Anfang Oktober abgeschaltet, was der Mobilfunkbetreiber auch nachweisen konnte.

2010 führte die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin ein Experiment in 10 Ortschaften in Deutschland durch, in denen es keinen Handyempfang gab. In diesen Ortschaften wurden Sendemasten aufgestellt, 397 Bewohner ließen freiwillig ihr Schlafverhalten untersuchen.
Viele Einwohner klagten über Schlafstörungen seit Aufstellung der Sendemasten, dies konnte auch objektiv bestätigt werden.
Allerdings waren die Sendemasten in fünf von zehn Nächten der Untersuchungen überhaupt gar nicht eingeschaltet.

Der Nocebo-Effekt

Bei medizinischen Doppelbildstudien bekommt eine Patientengruppe ein wirksames Medikament, die andere Gruppe ein sogenanntes Placebo, also ein Scheinmedikament, welches keinerlei Wirkung hat. Dies wird gemacht, um sicherzustellen, dass Patienten sich nicht nur deshalb besser fühlen, weil sie es erwarten, sondern dass die Wirkung auch tatsächlich von dem Medikament kommt, also objektiv heilt.

Nun gibt es aber auch den Nocebo-Effekt: Beschwerden, die auftreten, obwohl es keine objektive Ursache gibt. Ein Beispiel sind Nebenwirkungen, obwohl der Patient nur ein Placebo-Medikament erhielt, andere Beispiele sind die oben genannten Fälle von nicht angeschlossenen Funkmasten: Bewohner klagen ohne objektiven Grund über Kopfschmerzen und Übelkeit.

In der Medizin und der Psychologie wird dieser Effekt aber nicht einfach belächelt, sondern durchaus ernst genommen, da manche der Beschwerden ja auch objektiv messbar sind, manche Menschen also tatsächlich krank werden, obwohl die Ursache der Krankheit gar nicht existent ist.

Auch die Auswirkungen von Sendemasten wurde beispielsweise 2006 im Rahmen einer Studie über Elektrosensibilität wissenschaftlich untersucht. Auch dabei wurde festgestellt, dass sich viele Menschen, die von sich behaupten, elektrosensibel zu sein, über Gesundheitsbeschwerden klagten, ohne dass eine Quelle dafür vorhanden war.

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Fazit

Geschichten wie beispielsweise in dem obigen Tweet sind keine reine urbane Legende, sondern ereignen sich tatsächlich immer wieder: Menschen klagen über durch einen Sendemast ausgelöste Gesundheitsbeschwerden, obwohl dieser gar nicht aktiviert sei. Der psychische Effekt, dass etwas krank machen könnte, kann allerdings in Extremfällen auch körperliche Auswirkungen haben.

Umso wichtiger ist es deshalb, sich über Dinge, die man nicht versteht, wie eben in diesem Fall elektromagnetische Felder, informieren sollte, bevor man in Panik gerät, weil das Wort „Strahlung“ alleine schon so manchem Menschen angst macht.
Denn Angst alleine, auch wenn es dafür keinen objektiven Grund gibt, kann tatsächlich krank machen!

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