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Seehofer und die Gamer-Szene [Ein Kommentar]

Von | 14. Oktober 2019, 12:20

Seehofer und die Gamer-Szene: „Mama, das Jahr 1998 hat angerufen. Sie wollen ihre Vorurteile zurück!“

Es ist dieser eine Satz, mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer in die Kritik gekommen ist. Mit dem er eine gewisse Ignoranz ans Tageslicht legt, mit dem er den Ärger einer Menge unschuldiger Menschen auf sich gezogen hat:

„Wir müssen die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“.

Dieser Satz von Horst Seehofer sorgte vergangenes Wochenende für einen regelrechten Sturm an Kritik und Hohn aus Politik und Netz. Der Bundesinnenminister hatte ihn in Reaktion auf den Anschlag auf eine Synagoge in Halle getätigt.

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Der Trend von Politikern, Computerspiele für Anschläge verantwortlich zu machen, ist vor allem deswegen kurios, da jene die diese Behauptungen in den Raum werfen selbst überhaupt keine Erfahrung mit Computerspielen haben, und gleichzeitig versuchen, jenen Menschen eine einfache Erklärung für ein Attentat zu liefern, die mit Computerspielen ebenfalls nicht vertraut sind.


Dieser Artikel ist ein Kommentar.
Autoren Alexander Herberstein & Andre Wolf

Für ein kompliziertes Problem wird somit eine einfache Lösung präsentiert. Das Resultat ist jedoch ein offenes Aufblitzen von Inkompetenz und Machtlosigkeit. Statt sich mit den wahren Ursachen von Amokläufen zu beschäftigen, echte Zusammenhänge zwischen Amokläufen herzustellen, (bspw. sind Amokläufer männlich, psychisch labil und zeigen bereits vorab eindeutige Radikalisierungstendenzen) wird von Seehofer versucht, auf eine vermeintliche Gemeinsamkeit hinzuweisen, die jedoch keine Auswirkung auf die Tat hatte.

Absurd

Viele Nutzer führen diese Methode ad absurdum, indem bspw. darauf hingewiesen wird, dass alle Amokläufer Fleisch essen würden, aber deswegen niemand auf die Idee käme, Fleisch zu hinterfragen. Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass sich die Computerspielszene nach einem Anschlag im Kreuzfeuer der Politik befindet. Für die Politik ist die Gamerszene ein leichtes Ziel, es handelt sich bei Gamern um eine heterogene Masse, die keine direkte Ansprechperson hat. Das dürfte Seehofer einfach nicht verstanden haben.

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Und genau darin liegt auch der Kern des Problems. Neben der Unsinnigkeit der Aussage selbst, wird von „der Gamerszene“ gesprochen, dies wohl aus Unwissenheit darüber, dass bei der derzeitigen unüberschaubaren Anzahl an Games keines so dominant heraussticht, das es die Gamerszene im Gesamten dominiert.

Ob Seehofer sich der großen Auswahl an Videospielen bewusst ist oder gibt es für ihn nur Egoshooter? Weder Fortnite, Counterstrike, World of Warcraft oder Minecraft können den Anspruch erheben, das dominierende Spiel der Gamerszene zu sein, da es sich zwar um die derzeit spielerstärksten Titel handelt, jedes davon aber in einem völlig anderen Spielgenre angesiedelt ist und teilweise völlig andere Typen von Gamern anspricht. Von Kleinstkindern, die einfache Spiele auf einer Switch spielen, bis Teenager auf Konsole bis zum Pensionisten, der Strategiespiele auf dem PC für sich entdeckt, Computerspiele werden in der Bevölkerung von allen Altersklassen gespielt. 2019 gab es nach einer Schätzung von Statista in Deutschland 34 Millionen Spieler.

An dieser Stelle könnte zynisch gefragt werden:

Möchte Horst Seehofer 34 Millionen Deutsche unter Generalverdacht stellen?

Die Statistik spricht deutlich: 34 Millionen Menschen spielen gerne Computerspiele (vergleiche). In der Statistik lautet es:

In Deutschland gibt es im Jahr 2019 mehr als 34 Millionen Gamer und die Spielerzahl ist seit Jahren nahezu unverändert.

Diese Zahl wird jedoch in unseren Augen nicht unverändert bleiben, sondern in den nächsten Jahren weiter ansteigen, da Videospiele (in welcher Form auch immer) mehr und mehr Bestandteil des Alltags werden.

Auch wenn Seehofer am gestrigen Sonntag in einer zweiten Aussage versucht hat, sein erstes Statement  zu relativieren (wird ihm da vielleicht jemand gesagt haben, dass er Unsinn verbreitet hat?), so bleibt es doch schal im Hals zurück. Zur korrekten Darstellung hier noch Seehofers Erweiterung, die jedoch erst lange nach seiner ersten Äußerung erschien:

„Wir prüfen derzeit alle Facetten, wie Rechtsextremismus besser bekämpft werden kann. Wir sehen, dass Rechtsextremisten das Internet und auch Gaming-Plattformen als Bühne für ihre rechtswidrigen Inhalte missbrauchen. Ob analog oder digital: Wir wollen Rechtsextremisten überall dort bekämpfen, wo sie aktiv sind.“

Besonders ärgerlich ist und bleibt, dass die erste Äußerung Seehofers eben nicht von einem Problem mit Rechtsextremismus spricht, gleichzeitig die Probleme bei Menschen sieht, die regelmäßig Videospiele zocken. Hier dürfte schlichtweg eine falsche Kausalität gesetzt worden sein.

Kommunikationskanäle

Wir sprechen hier vielmehr von der Form der Kommunikation. Es sind die begleitenden Kommunikationskanäle, in denen radikale Aussagen zu finden sind. Stephan B. wollte eine Öffentlichkeit für seine Tat. Er verbreitet sein Manifest und auch seinen Livestream online. Und dafür eignen sich unmoderierte Plattformen besser als stark kontrollierte Plattformen. Auf Facebook beispielsweise hätte er in diesem Umfang gar nicht streamen können, da die Plattform einer so umfänglichen Kontrolle unterliegt und er vermutlich gekappt worden wäre.

Es war übrigens auch gar nicht wirklich die unter Gamern häufiger genutzte Plattform Twitch, über die sein Video bekannt wurde, sondern die im Nachgang neu hochgeladenen Versionen, die über Messenger und weiteren Social Plattformen (4Chan oder auch VK) verbreitet wurden.

Daher muss man ganz klar sagen: Auf Social Media gibt es ein Problem mit Rechtsextremismus und Hass. Und das nicht erst seit gestern. Doch Social Media ist nicht der Grund dafür, Social Media wird lediglich als Kommunikationsform dafür genutzt.

Glorifizierung

Stephan B.’s  Weg und auch seine Kommunikation mögen durchaus wie ein Videospiel ablaufen. Wer weiß, vielleicht hat er sich in diesem Moment auch in einem Spiel gesehen. Vielleicht ging es um einen „Highscore“. Vielleicht waren die ihm bekannten Kommunikationskanäle auch lediglich eine Plattform.

Stephan B. hat sich am Ende verhalten, wie es viele Terroristen mit ihren Bekennerschreiben häufig schon gehalten haben. Dabei bedient er sich den idealen Möglichkeiten seiner Zeit. Wohingegen früher Terroristen Bekennerschreiben an Medien versendet haben, ist es heute aufgrund des quasi flächendeckend verfügbaren Netzes, und einfachen Zugängen zu Social Media, eben ein anderer Kommunikationsweg, auf dem man seine Motivation und auch Ausführung versendet und darauf hofft, dass so viele Menschen wie möglich zuschauen.

Die einen schreckt es ab, andere ermutigt es! Da speziell auf Messengern oder bestimmten Foren keine Gatekeeperfunktion und auch keine Moderation vorhanden ist, kann die Botschaft verteilt werden. Und an dieser Stelle sind wir mittlerweile meilenweit von irgendeiner Gaming-Szene entfernt!

Natürlich gibt es unter Gamern Rechtsextreme. So wie es auch in Foren oder auf Social Media Rechtsextreme gibt. Die Frage ist, wie sehr man deren Glorifizierung zulässt oder sich eben dagegenstellt (manchmal ist ein beherztes „Halt die Fresse“ ein klares Signal).

Zurück zu Seehofer

Kommen wir aber an dieser Stelle zum Bundesinnenminister zurück, der am letzten Wochenende auf einmal die Gamer-Szene ins Boot holte und einen Generalverdacht in die Welt streute. Das ist in der Tat nicht neu, aber man sollte sich das echt überlegen, ob die darin suggerierte Kausalität auch wirklich der Realität entspricht (dann hätten wir in Deutschland über 34 Millionen potentielle Attentäter), oder ob hier einfach ein Klischee für unsinnigen Aktionismus bedient wird (mit dem man am Ende sogar begründen könnte, warum man generell Messenger und ähnliche digitale Kommunikation belauschen dürfte).

Was Seehofer hier am Ende zeigt: Er bedient sich Vorurteilen, die seit Jahren bereits existieren und bedient Klischees. Gleichzeitig ist er selber ein Teil des Klischees, denn er zeigt, wie weit entfernt er von der Materie ist.

Nein, sehr geehrter Herr Seehofer. Die Gamer sind nicht das Problem. Es ist der Rechtsextremismus. Und vielleicht auch Politiker, die das nicht erkennen wollen.

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