Das wollte ich ja immer schon mal machen: eine kleine, ansatzartige Synopse zweier Artikel. Kurz zur Begriffserklärung: bei einer Synopse handelt es sich um die Methodik der vergleichenden Gegenüberstellung zweier gleichartiger Texte, bei der Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede herausgearbeitet werden.


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Bei der Info um die “gratis Reihenhäuser für Asyleinwanderer” schien mir diese Art Arbeitsweise angebracht, denn damit kann man wunderbar erkennen, wie ein und dasselbe Thema unterschiedlich aufgearbeitet wird. Zum Hinweis jedoch: leider ist es aufgrund der Zeilengröße von nur 700 Pixel auf unseren Webseiten nicht möglich, eine klassische Gegenüberstellung darzustellen (Texte liegen nebeneinander), daher muss ich die Texte hintereinander legen.

 

Zunächst zur Info: diese Heime sind kein Fake. In Bremen-Oberneuland sind standardisierte Reihenhäuser, so wie in der Artikelvorschau abgebildet, in Planung. Dieses Thema wird nun von der Webseite “Freiezeiten.net” [1] und auch der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) [2] aufgegriffen. Beide nutzen das Symbolbild als bildhafte Beschreibung für den Inhalt. Und genau um diesen Inhalt wird es gehen, diesen Inhalt möchte ich einfach in Art einer synoptischen Darstellung zeigen.

Synopse: Freiezeiten und FAZ

Beginnend mit dem Titel. Freiezeiten schreibt:

Bremen baut kostenlose Reihenhäuser für Asyleinwanderer

FAZ:

Von der Notaufnahme ins Mini-Reihenhaus

Einig sind sich beide Artikel in der Darstellung der Reihenhäuser. Der Unterschied liegt hier aber schon deutlich an: Freiezeiten legt wert auf die Darstellung gratis-Aspektes, die FAZ deutet an, dass hier kein Platzluxus vorhanden ist.


Der Untertitel/erste Absatz liest sich bei Freiezeiten:

DEUTSCHLAND. Die Wohnungssituation in Bremen könnte angespannter nicht sein. Für junge Menschen ist es fast unmöglich bezahlbaren Wohnraum zu finden. Jetzt hat die Bremer Stadtverwaltung beschlossen, 20 Reihenhäuser mit Garten und 600 Wohnungen für Asyleinwanderer zu bauen – auf Kosten der Steuerzahler.

In der FAZ findet man deutlich einen anderen Schwerpunkt, um vergleichend an dieser Stelle arbeiten zu können, muss der erste Satz des Testes hinzu gezogen werden:

Nach der Notaufnahme der Flüchtlinge geht es um ihre längerfristige Unterkunft. Dabei sind Lösungen gefragt, die nicht für die Ewigkeit gedacht sind: Schnell gebaut, billig und für mehrere Nutzungen. Die aktuelle Verteilung der Flüchtlinge fordert die eh stark nachgefragten Wohnungsmärkte in Deutschland.

Beide Artikel beschreiben eine angespannte Lage des Wohnungsmarktes in Deutschland und und gehen auf den Lösungsansatz der Wohnungen ein. Der Unterschied jedoch: Freiezeiten baut recht zügig ein Kontrastbild zwischen ”junge Menschen” in der benachteiligten Position und “Asyleinwanderer” in einer bevorzugten Position auf, sowie auch direkt der der Kostenpunkt in selbigen Kontrast gesetzt wird: der eingangs erwähnten Kostenfreiheit für Asylbewerber wird nun der finanzierende Steuerzahler entgegen gesetzt. Die FAZ greift ähnlich bereits den Kostenfaktor auf, bezieht sich hier jedoch darauf, dass die Gebäude günstig sind und führt daher die im Titel bereits vermutete Negierung des Luxus weiter.

Man bemerkt bereits frühzeitig die unterschiedlichen Darstellungen der zwei Artikel: Freiezeiten bemüht sich sehr früh darum, ein polarisiertes schwarz/weiß Bild zu erzeugen, bei der FAZ wird die Einfachheit der Gebäude recht deutlich betont. Randbemerkung: die FAZ nutzt die Beschreibung “Flüchtlinge” für eine Personengruppe, die Freiwelten spricht von “Asyleinwanderern”. Die Artikel gehen also von unterschiedlichen Intentionen für den Weg nach Deutschland der Personengruppe aus.


Der Inhalt in Teilen. Hier werden die inhaltlich einander entsprechenden Teile nicht immer an ganz gleicher Stelle widergegeben, dennoch finden sich die Pendants zueinander. Freiezeiten schreibt direkt zu Beginn des Textes:

Die Immobilienfirma Interhomes ist vor kurzem in die lukrative Asylbranche umgestiegen und baut Häuser und Wohnungen für viele Gemeinden in Deutschland.

Die FAZ bringt die inhaltliche Entsprechung zu Beginn des zweiten Absatzes:

Etliche Bauträger und Architekten versuchen mit verschiedenen Konzeptansätzen von dieser Sonderkonjunktur am Bau zu profitieren.

Interessant ist an dieser Stelle zu sehen, wie unterschiedlich beide denselben Inhalt darstellen. Freiezeiten hat direkt und punktuell sein Ziel gefunden und vereinfacht damit für den Leser sein Bild, indem man ein klares Bild von einer Immobilienfirma aufbaut. Die FAZ deutet an dieser Stelle auf eine Diversität (etliche…). Gleiches Bild ergibt sich bei der Beschreibung der Zielsätze: Freiezeiten erstellt erneut ein einfaches Bild (Häuser & Wohnungen werden gebaut), FAZ bleibt bei der Andeutung der Pluralität von Lösungen. Wir sehen also deutlich: Freiezeiten ist bemüht, einen einfachen Zugang für den Leser zu gestalten, auch unter Auslassung weiterer Nennungen von Anbietern oder Lösungen. Im FAZ Artikel wird hingegen ein weniger greifbares Bild dargestellt, welches vermittelt, dass es viele Ansätze gibt.

Erwähnenswert: der kausale Hintergrund wird von Freiezeiten mit “lukrative Asylbranche” beschrieben, die FAZ nennt eine profitable “Sonderkunjunktur am Bau”. Beide meinen: es lohnt sich derzeit für Baufirmen, Gebäude für Asylbewerber zu errichten.


Ebenso finden sich im inhaltlichen Bereich der beiden Artikel Sätze, die komplett parallel aufgebaut sind, jedoch in Bezeichnungen und Intentionen stark voneinander abweichen. Zum einen dieser Satz bei Freiezeiten:

Auch mit der Stadt Bremen hat die Immobilienfirma mehrere Verträge für Asyl-Wohnraum unterzeichnet. Besonders wichtig waren für die grüne Sozialsenatorin Anja Stahlmann dabei eine „feste Unterkunft mit Privatsphäre“ für die neue Bevölkerung.

Demgegenüber lautet die Passage in der FAZ:

Im Dialog mit der heimischen Bremer Sozialbehörde habe man das Pilotprojekt „Integriertes Wohnen“ vorangetrieben. Die Vorgaben durch die Sozialsenatorin Anja Stahmann seien ausgerichtet auf eine feste Unterkunft mit Privatsphäre nach der Zeit der Erstunterbringung. Dabei spiele die Überlegung eine Rolle, dass die anerkannten Flüchtlinge Neubürger würden […]

Man bemerkt deutlich, dass der Leser in seiner Position bewegt werden soll und gewisse Konstruktionen meinungsbildend einwirken: dem statischen “Asyl-Wohnraum” steht die Begrifflichkeit des zielorientierten “integrierten Wohnen” gegenüber, der Freiezeiten ist es zudem wichtig, die parteipolitische Zugehörigkeit der Senatorin zu vermerken.

Eine jedoch deutlich mit Interpretationspotential behaftete Aussage ist die Beschreibung “neue Bevölkerung”. Hier wird ein Kontrast zu einer nicht genannten “alten Bevölkerung” aufgebaut, die es nun zu definieren gilt: wer ist die alte Bevölkerung und was geschieht mit dieser alten Bevölkerung? Bei der “neuen Bevölkerung” handelt es sich augenscheinlich um Asylbewerber, da diese erst mit den neuen Wohnungen ankommen. Mit der nicht genannten “alten Bevölkerung” ist somit konträr die einheimische Bevölkerung gemeint, die Bezugswörter an dieser Stelle sind “Bremen” und “Deutschland”. Hier wird ein altes Angstbild der “Völkerwanderung” aufgebaut, in dem die alte Bevölkerung entwurzelt wird und verschwindet und die neue Bevölkerung den Platz einnimmt.

Die FAZ spricht parallel an dieser Stelle von Neubürgern, also einer hinzugefügten Gruppe zu den nicht erwähnten “Altbürgern”.


Der Mittelteil beider Artikel besteht aus Zahlenspielen und der Beschreibung, dass in den Häusern auf 75 qm bis zu 11 Personen leben können, sowie Angaben über die Energieanforderungen. Da der Artikel in der FAZ drei Tage älter ist und die Freiezeiten die FAZ als Zitatquelle nennt, kann man an dieser Stelle von übernommenen Angaben ausgehen. Die FAZ als ältere Quelle ist daher als die ursprünglichere anzusehen.

Gegen Ende des Textes ergeben sich wieder Unterschiede durch Auslassung und Vereinfachung. Die Freiezeiten schreibt:

In einem ehemaligen Bürostandort in Bremen tut sich ebenfalls einiges: Fertige Pläne für 600 Appartements auf einem ehemals als Bürostandort vorgesehenen Areal in Universitätsnähe, und die bereits im Besitz einer anderen Asylfirma sind, sollen Anfang Mai die Hürde der Baugenehmigung nehmen.

Bei der FAZ liest man:

Bei der Bremer Zechbau tut sich ebenfalls einiges: Fertige Pläne für 600 Appartements auf einem ehemals als Bürostandort vorgesehenen Areal in Universitätsnähe und im Besitz der Zechgruppe sollen Anfang Mai die Hürde der Baugenehmigung nehmen. In vier Gebäude sollen zunächst Flüchtlinge und später Studenten ziehen.

Gegen Ende des Artikels in der Freiezeiten bemerkt man deutlich, dass ganze Passagen aus der FAZ Vorlage entlehnt und übernommen wurden. Ganze Sätze sind hier nahezu identisch, lediglich einige Beschreibungen wurden verändert: so deklassiert die Freiezeiten die Bremer Zech Bau Holding GmbH zu einer “Asylfirma”. Der Grund, warum zudem Zech Bau an anderer Stelle mit der Begrifflichkeit “ehemaliger Bürostandort in Bremen” beschrieben wird, ist unklar.

Ein klarer unterschied zwischen beiden Artikeln ist jedoch in der Auslassung der Information um die spätere Nutzung zu sehen: Freiezeiten lässt den Satz aus, dass die Gebäude nach der Nutzung durch Flüchtlinge für Studenten bereitstehen soll. Hier kann man eine weitere Errichtung eines Kontrastes interpretieren.

Zum Abschluss

Beide Artikel behandeln denselben Inhalt, man erkennt deutlich, dass der FAZ Artikel als ursprünglicherer Text als (teilweise deutlich übernommene) Vorlage fungierte. Unterschiede zwischen beiden zeigen sich in der klaren Beimischung durch “Meinung” von Seiten der Freiezeiten: mehrfach wird ein starkes Kontrastbild aufgebaut, welches zum einen die bevorzugten Gruppe von Flüchtlingen als neue Bevölkerung im Sinne einer Bedrohung darstellt, zum anderen aber die benachteiligte Gruppe der Steuerzahler dem gegenüber stellt. Unter Auslassung mildernder Aspekte (Beispiel: Nutzung durch Studierende) wird dieser scharfe Gegensatz beibehalten.

Zudem finde man häufig wertende Bezeichnungen, beteiligte Firmen werden mit “Asylfirmen” beschrieben, die potentiellen Bewohner als “Asyleinwanderer”. Diese Untermischung von Bezeichungen verleihen dem Text einen manipulativen Charakter. Der Autor hätte eine elegantere Lösung wählen können, indem er diese Kritik in einer gesonderten Passage am Textende dargelegt hätte, anstatt diese beizumengen.

Vielen Dank!

Und an dieser Stelle auch vielen Dank, dass Du bis hier her gelesen hast. Sollte Dir diese Gegenüberstellung gefallen haben, würde es mich als Autor freuen, wenn Du den Text teilst.

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