Über Blocklisten, einen Kodex und Flauschangriffe. Was passiert da genau?

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So manche Internetnutzer werden derzeit mit Begriffen konfrontiert, die sie so nur schwer einordnen können. Da gibt es „Reconquista Germanica”, jetzt auf einmal „Reconquista Internet”, dann den Begriff Discord und zu allem Überfluss hat auch noch Böhmermann irgendetwas damit zu tun. Bringen wir daher ein wenig Licht in die ganze Sache.

Bei „Reconquista Germanica“ (spanisch reconquista, „Rückeroberung“ und lateinisch Germanicus, „germanisch“ oder „deutsch“; kurz: RG) handelt es sich um eine Gruppe, die von einem Account mit dem Namen Nikolai Alexander geleitet wird und über einen Discord Server betreiben wird. Diese Gruppe startet unter dem Deckmantel der Satire Angriffe auf bestimmte Themen und greift gezielt und organisiert in Gespräche oder Kommentarspalten ein. Die Extremismus- und Terrorismusforscherin Julia Ebner schleuste sich 2017 in die Gruppe ein und veröffentlichte in einem Gastbeitrag auf FOCUS.de ihre Erfahrungen. Diese waren erschreckend, bestätigten jedoch die bis dato häufig gefühlte Annahme, dass eine kleine Gruppe von Menschen einen Großteil von Kommentaren verfasst: Nur fünf Prozent aller Accounts sind für 50 Prozent der Likes bei Hasskommentaren verantwortlich!

Die selbsternannte elektronische Armee schloss sich im Sommer 2017 zusammen, um den Ausgang der Bundestagswahl zu AfDs Gunsten zu beeinflussen. Radikale Internet-Aktivisten vereinbarten in geschlossenen Foren Uhrzeiten, Hashtags und Zielscheiben für ihre Hasskampagnen, um die Algorithmen der sozialen Medien zu manipulieren und den politischen Online-Diskurs zu diktieren.

Mit abgesprochenen und gezielten Aktionen sollen Hashtags zum Trenden gebracht und diverse Themen als omnipräsent und sehr wichtig dargestellt werden. Gleichzeitig werden kritische Gegenstimmen gezielt angegriffen und zum Schweigen gebracht. In diesem Zusammenhang tauchte auch das Handbuch für Medienguerillas auf (wir berichteten), in dem klar beschrieben wurde, wie man am besten Gegner zum Schweigen bringt und Menschen einschüchtert.

„.[…]junge Frauen, die direkt von der Uni kommen. Das sind klassische Opfer und nicht gewöhnt einzustecken. Die kann man eigentlich immer ziemlich einfach auseinandernehmen.[…]“

„[…]ziehe jedes Register. Lass nichts aus. Schwacher Punkt ist oftmals die Familie. Habe immer ein Repertoire an Beleidigungen, die Du auf den jeweiligen Gegner anpassen kannst.[…]“

Schluss mit Hass!

Dieser koordinierte Hass wurde in der letzten Woche mehrfach in den Medien angesprochen und es war dann Jan Böhmermann, der im Rahmen der Sendung Neo Magazin Royale am 26. April 2018 den Begriff Reconquista Internet (kurz auch RI) ins Leben rief. Es handelt sich im Grunde um das Gegenstück zur Reconquista Germanica, das zwar strukturell nach dem Vorbild der RG aufgebaut ist, jedoch inhaltlich jede Form von Hass, Ächtung oder Extremismus ablehnt. Im Vordergrund stehen bei der RI die unantastbare Menschenwürde, Vernunft, Liebe und Gemeinschaft.

Eines der Kernziele liegt darin, die Realität ins Netz zurückzuholen. Während bei der RG Narrative bedient und Ressentiments  geschürt werden, um kaum vorhandene Phänomene aufzublasen oder Phantomdiskussionen zu befeuern, geht es bei der RI eben auch darum zu zeigen, dass diese künstlich gepushten Themen in der Realität keine Schwerpunkte darstellen.

Wie bereits angesprochen, sind die Strukturen innerhalb der RI denen nachempfunden, wie sie auch auf RG existieren. Ebenso wird derzeit primär ein Discord-Server genutzt. Zum Thema Discord: Es handelt sich dabei um einen Sprach- und Text-Chat, der ursprünglich für Gamer entwickelt wurde. Dieser Dienst ist kostenlos und funktioniert auf dem Desktop, im Browser oder auf dem Smartphone als App. Wer andere Chat-Plattformen kennt (z.B. IRC oder Slack), wird sich schnell bei Discord zurechtfinden

Flauschangriffe

Nicht nur in den Strukturen, auch in Aktionen richtet sich die RI nach dem Muster, wie es von der RG verwendet wird. Der Unterschied liegt hier jedoch im Inhalt: Es geht hier nicht um die Schaffung von Unfrieden oder Wut, sondern prinzipiell um Positivparolen und Zuspruch. Das spiegelt sich bereits in der Namenswahl der Aktionen wider, die als „Flauschangriffe” tituliert werden.

Diese Flauschangriffe finden nicht allein virtuell statt, sondern werden auch real sichtbar. Am gestrigen Abend (06.05.) wurde beispielsweise eine Botschaft an die Frauenkirche in Dresden projiziert, in der das Logo der RI zu erkennen ist.

Flauschangriffe werden innerhalb des Servers kurzfristig bekannt gegeben, bzw. durch „Save the Date” Ankündigungen vorbemerkt.

Blocklisten

In der Kritik standen in den letzten Tagen die sogenannten „Blocklisten”. So thematisierte die rechte Influencerin Erika Steinbach auf Twitter diese Listen, indem sie von Ächtung und Rundfunkgebührenfinanzierung sprach:

Es gibt wieder Listen derer, die geächtet werden sollen. Natürlich als Satire getarnt. Und die Rundfunkgebührenzahler müssen dafür blechen. Danke, dass ich ziemlich weit oben auch drauf stehe!

Es stimmt, es gibt diese Blocklisten. Diese sind aus einer Auswertung entstanden, die bezüglich des Postingverhaltens von Reconqiusta-Germanica-Aktionen durchgeführt wurde und in der Doku „Lösch Dich” erwähnt wird. Dazu wurde eine Netzwerkanalyse durchgeführt und die Verbindungen der Accounts der Grundgesamtheit gesammelt. Anschließend wurde das entstandene Netzwerk mit Hilfe von Algorithmen ausgewertet. Dabei spielte beispielsweise die Analyse von Hashtags / Aktionen eine Rolle.

Eine der beiden Listen enthält Profile von mutmaßlichen RG-Mitgliedern, bzw. Twitter-Accounts, die wiederholt einen RG-Hashtag inhaltlich entsprechend genutzt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Accounts in dieser Liste aktiv Reconquista-Germanica Aktionen folgen, ist somit recht hoch. Ebenso wurde die Quantität ausgewertet, wie diese Accounts untereinander vernetzt sind und wer ihnen folgt. Daraus ist ebenso eine dieser Listen entstanden.

Im Grunde haben diese Blocklisten, so wie ihr Name es beschreibt, einen ganz einfachen Nutzen: Man importiert eine oder beide Listen in die Blockierfunktion auf Twitter und die darin gelisteten Accounts können nicht mehr mit dem eigenen Account interagieren. Man selbst kann natürlich dann auch nicht mehr mit diesen Accounts interagieren, man sieht diese schlichtweg nicht mehr.

An anderen Stellen werden diese Listen konträr als Followerlisten gehandelt, kann man nun drehen wir man will, es ist letztendlich eine Frage der Perspektive.

Selbstverständnis und Kodex

Es sind 50.000 Accounts registriert, die nach und nach freigeschaltet werden. Freigeschaltet ist hier das Stichwort, da man der RI nur dann beitreten kann, wenn man sich kurz als Mensch verifizieren kann. Knapp 10.000 Accounts sind in dieser Weise bereits geprüft. Die Teilnahme selbst ist generell kostenlos, die Akteure werden nicht bezahlt und agieren unabhängig. Auch wenn Jan Böhmermann die Plattform über seinen Beitrag ins Leben gerufen hat, stehen dahinter verschiedene Personen. Reconquista Internet wird nicht durch eine Institution, Medienanstalten, Parteien, Unternehmen oder Stiftung geleitet.

Aus dieser Gruppe von Akteuren heraus wurde ein Handlungskodex entwickelt, welcher das Verhalten und auch die Aussage von Reconquista Internet widerspiegelt. Dieser Kodex basiert auf der Menschenwürde, wie sie beispielsweise in Deutschland oder Österreich im Grundgesetz verankert ist.

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  1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist unsere Verpflichtung.
  2. Wir beleidigen niemanden.
  3. Wir gehen niemals „ad hominem“. Wir werden niemals persönlich und gehen auf wehrlose Einzelpersonen. Wir haben ein Herz!
  4. Wir agieren entschlossen und unerschrocken aber maßvoll.
  5. Wir achten die Privatsphäre und persönliche Daten aller.
  6. Wir bleiben immer freundlich, verständnisvoll, vernünftig und zugeneigt.
  7. Lachen ist die beste Medizin! Humor hilft – und auch gerne mal weiterführende Literatur, Wikipedia-Artikel oder Beiträge seriöser Publikationen verlinken, falls jemand mit Fakten durcheinander gerät!
  8. Wir lassen uns nicht spalten, und wir helfen uns einander! Wenn wir da draußen nicht weiterkommen, holen wir uns Unterstützung aus der Gruppe.
  9. Wir kontern gewaltvolle Aussagen (Beleidigungen, Vorurteile, Annahmen zur eigenen Person) immer mit Fragen („Wie meinst Du das?“, „Habe ich Dich richtig verstanden, dass…“) anstatt „Gleiches mit Gleichem zu vergelten“.
  10. Wir lassen uns nicht provozieren! Wenn wir merken, dass uns eine Aussage triggert, sagen wir lieber nichts dazu, statt über das Stöckchen zu springen.
  11. Wir verpacken Kritik an den Aussagen des Anderen in ein Sandwich, wenn möglich: Positiv – Negativ – Positiv. Das ist leichter verdaulich, als nur auf kritikwürdige Punkte anzusprechen.
  12. Wir verzichten auf Annahmen den Gegenüber betreffend. Wir können nie wissen, wo demjenigen gerade der Schuh drückt, dass er sich zu einer unflätigen Äußerung hat hinreißen lassen.
  13. Wir überlegen uns, ob eine weitere Wortmeldung überhaupt nötig ist, oder ob bereits alles Relevante gesagt wurde und unsere Unterstützung nicht schon bspw. durch Likes der guten Antworten genug ist.
  14. Wir fassen uns kurz.
  15. Wir verwenden möglichst einfache Sprache.
  16. Wir halten uns an Fakten und bleiben immer sachlich und streben nach Objektivität.
  17. Es gibt nicht „die Anderen“ oder „Feinde“. Nur Menschen, die es leider noch nicht besser wissen.
  18. Wir sind nicht GEGEN etwas. Wir sind FÜR Liebe und Vernunft und ein friedliches Miteinander.
  19. Wir alle spüren, dass es Probleme gibt in der echten Welt. Das verbindet uns mit denen, die schlechte Laune und Hass verbreiten. Wenn wir diese Probleme aber lösen wollen, müssen wir dies gemeinsam mit diesen Menschen hinbekommen. Und zwar geleitet von Vernunft und Liebe.
  20. Wir geben niemanden auf. Wir lassen niemanden alleine.
  21. Wir ziehen stets die Auseinandersetzung vor, benutzen aber, wenn nicht vermeidbar, die Meldemöglichkeiten von Twitter, Google oder Facebook. Zur Not melden wir Inhalte, flaggen oder wenden uns bei strafrechtlich relevanten Inhalten an die Strafverfolgungsbehörden.
  22. Keine Gewalt! Kein Mobbing!
  23. Wir haben Spaß und helfen uns gegenseitig.

Mimikama auf RI

Ja, Mimikama wird ein Teil dieser Plattform sein. Wir werden unseren Handlungsschwerpunkt auf einen Kanal mit der Bezeichnung #fakeornot auf dem Server legen und hier in klassischer Weise agieren. Es geht um die Auswertung von manipulativen, dekontextualisierten oder bewusst falsch interpretierten Inhalten.

Ebenso geht es um die Analyse von (neu-)entstandenen Narrativen und Falschmeldungen und wie man mit manipulativen Inhalten umgeht.

Trivia

Das Logo der Reconquista Internet ist aus dem Logo der Reconqusita Germanica entstanden. Dieses wurde um einige Linien erweitert, um 90° gedreht und stellt am Ende ein Herz dar.

Addendum

Grundsätzlich muss man, um unmittelbar teilnehmen zu können, einen Discord Account besitzen: https://discordapp.com/

Unter dieser Adresse kann man Reconquista Internet beitreten: https://discord.gg/Mt8wAAa

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