„Du darfst alles essen, aber nicht alles wissen…“

-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

„Du darfst alles essen, aber nicht alles wissen“, so besagt ein deutsches Sprichwort, verwendet gegenüber Menschen, die zu neugierig sind. Von Natur aus sind jedoch gerade wir von Mimikama neugierig und fragten uns, ob der Spruch vielleicht gar nicht stimmen mag. Immerhin darf man ja anscheinend doch nicht alles essen, wenn es nach den „Netzfrauen“ geht: So soll es doch tatsächlich Plastikreis aus China geben!

Werfen wir doch einmal einen genaueren Blick auf das Nahrungsmittel aus China.

clip_image001

„Lebensmittel-Horror aus China – Aufkommendes Risiko: Plastik-Reis! – aber auch Plastik-Zucker“

…so warnt uns schon einmal die schreierische Überschrift.

Lt. dem Artikel warnte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Jahresbericht von 2016 vor aufkommenden Lebensmittelrisiken, unter anderem auch tatsächlich vor „Artifical Plastic Rice“. Demnach werde jener Reis aus einer Mischung von Kartoffeln mit Süßkartoffeln und einer Plastikmasse zu Reiskörnern gepresst und mit Reisaroma bedampft.

Doch gibt es tatsächlich diesen Plastikreis? Oder warnen sowohl die EFSA als auch die Netzfrauen vielleicht vor etwas, was gar nicht existiert, worüber es aber sehr viele Gerüchte gibt?
Um dies aufzuklären, spulen wir ein paar Jahre zurück, zu einer Zeit, als zum ersten Mal der Begriff „Plastikreis“ auftauchte.

2011 – Rise of the Rice

Bereits vor sechs Jahren tauchte zum ersten Mal jener Begriff auf, und zwar in Artikeln in Korea, China und Singapur. Was all diese Artikel gemeinsam haben: Es existiert keine Quelle. So heißt es lapidar nur „Gerüchte besagen…“, „Es wird berichtet“ oder „Ein Experte sagt…“. Auch sind sich jene Artikel darüber einig, dass in keinem Land jener ominöse Plastikreis bisher aufgetaucht sei, aber man solle Vorsicht walten lassen, da „China ja schon einige Lebensmittelskandale gehabt habe“. Auch wurden Untersuchungen angekündigt und Konsequenzen angekündigt, sollte ein solcher Reis aus China je auftauchen.

2015 I – Return of the Rice

Vier Jahre später. Nachdem sich diverse asiatischen Länder gegenseitig beschuldigten, jenen Reis zu vermarkten, er aber niemals irgendwo auftauchte, herrschte eine trügerische Stille.
Doch unvermittelt taucht er plötzlich wieder auf: Der Plastikreis! Mit voller Wucht wurde plötzlich in Vietnam das Gerücht gestreut, dass jener Reis auf dem Markt sei, genährt wurden diese Behauptungen von Seiten aus Singapur und Malaysia.
Diesmal hielten sich die Behauptungen (ja, es waren immer noch Behauptungen, keine Beweise) so stark, dass sich die Vietnam Food Administration (VFA) einschaltete, um dem Gerücht nachzugehen.

Dr. Nguyen Thanh Phong, Leiter der VFA, verkündete schließlich, dass bisher kein „Fake-Reis“ in Vietnam aufgetaucht sei, trotzdem rief er Händler und Kunden auf, sich bei der Polizei oder der VFA zu melden, sollte ihnen ungewöhnlicher Reis auffallen.

Doch wie schon 2011 und Anfang 2012 gab es keine einzige Meldung.

2015 II – Revenge of the Rice

Man glaubte sich sicher vor dem Plastikreis, bis es schließlich auf den Philippinen zu einer Meldung kam: In einer Reisprobe mit einem Gewicht von 25 Gramm wurden Spuren von Dibutylphthalat (DBP)gefunden, eine chemische Verbindung, welche unter anderem als Weichmacher für PVC und zur Reinigung von Gasgemischen und organischen Verbindungen eingesetzt wird. Diese Chemikalie klingt erstmal gefährlich, jedoch hat sie schon so ziemlich jeder von uns schon einmal zu sich genommen: DBP ist nämlich auch ein Zusatzstoff in der Plastikhülle von medizinischen Pillen, damit diese sich erst im Darm auflösen.

Natürlich hat jener Stoff trotzdem nichts in Reis zu suchen, also wie kam er da nun hin?
Die philippinische National Food Authority (NFA) nahm sich des Falles an und schickte mehrere Reisproben an das Food Development Center (FDC), das Philippine Rice Research Institute (Philrice), das International Rice Research Institute (IRRI), das Research Institute for Tropical Medicine (RITM), und das Department of Health (DOH).

Philrice führte eine DNS-Analyse an der Probe vor und fand Reis-DNS.
IRRI sagte aus, die Probe sei näher an Reis als an Süßkartoffeln oder Maisstärke.
RITM berichtete, dass jener Reis sich in seiner Struktur und Form von normalem Reis unterscheide, allerdings lag dies wohl daran, dass jener Reis mehrfach gefroren und erhitzt worden ist.
Die NFA sagte schlussendlich gemeinsam mit dem FDC aus, dass jene Probe tatsächlich mit Spuren von Plastik kontaminiert war, welches wohl von einer unsachgemäßen Behandlung des Reis herrührte, die eigentlich dazu dienen sollte, den Reis vor Verunreinigung zu schützen. Als Konsequenz wurden stärkere Kontrollen der Märkte angekündigt, weitere kontaminierte Reisprodukte sind nicht aufgetaucht.

2017 I – Es gibt Reis, Baby! aka The Son of the Rice

Auf Youtube tauchen vermehrt Videos auf, die Unglaubliches zeigen: Die Herstellung von Plastikreis!
Wir werden hier keine dieser Videos verlinken, aber was wir euch zeigen, ist die Ursprünge jener Panikvideos: Es handelt sich nämlich um Werbevideos diverser chinesischer Firmen, die Recycling-Maschinen für Plastikabfall verkaufen:

Wie man im Video erkennen kann, wird aus dem Plastik kleine Körnchen, die tatsächlich ein wenig wie Reis aussehen, und lustigerweise ist das chinesische Umgangswort für diese Körnchen tatsächlich „Plastikreis“. Auch Plastikreis, der in Gambia aufgetaucht sein soll, konnte nie bestätigt werden.

2017 II – We will rice!

Mittlerweile sind sechs Jahre ins Land gegangen, seit jener unbestätigte Hoax in einigen asiatischen Ländern die Runde machte, als schließlich die Netzfrauen auf das Thema stoßen. Zusätzlich bestätigt durch den Jahresbericht der EFSA von 2016 fühlen sie sich berufen, vor dem ominösen Plastikreis zu warnen, jedoch nicht beachtend, dass jener Bericht sich auf das Jahr 2015 bezieht, also auf einen Zeitpunkt, als das Reisgericht gerücht zum zweiten Mal aufkochte (und unbestätigt blieb).

Aber vielleicht doch…?

Dazu zwei kleine Fragen:

1. Der Großhandelspreis von Reis beträgt in China 3.000 bis 5.000 Yuan pro Tonne. Der Preis von PVC beträgt über 6.000 Yuan pro Tonne. Würde es sich also wirklich lohnen, „Plastikreis“ herzustellen?

2. Man teste seinen Reis einfach selbst: Sinken die Reiskörner im Wasser zu Boden, handelt es sich um echten Reis. Sollten die Reiskörner jedoch an der Oberfläche schwimmen (nicht nur vereinzelte Körner), so müsste jener Reis Plastik enthalten.

Wahlweise kann man auch ein wenig mit Chemie experimentieren, wie Osman Mohuddin, Lebensmittel-Qualitätskontrolleur, anschaulich zeigt:

clip_image002

Man nehme ein wenig Reis und gebe ihn in eine Schale. Dann gibt man 20 ml Methylen Blau hinzu, wasche das Ganze mit Salzsäure und gebe hiernach 20 ml Methylen Gelb hinzu. Die Farbe des Reis sollte sich nun grünlich färben. Wenn jener Reis jedoch weiß bleibt, handelt es sich nicht um normalen Reis.

Fazit

Die Netzfrauen springen hier auf ein Gerücht auf, welches seit 2011 existiert, aber nie bewiesen werden konnte. Einzig jener Jahresbericht der EFSA, welche vorsorglich (!) warnt (was ja auch ihre Pflicht ist), dient als „Beweis“.
Als „Zuckerl“ wird zusätzlich nun auch vor Plastikzucker gewarnt. Zwar ist es möglich, aus Zucker Plastik zu machen, das Gerücht um Plastikzucker hat sich jedoch nicht bestätigen können.

Im Endeffekt servierten uns die Netzfrauen hier kein lockeres Reisgericht, sondern einen schwer verdaulichen Artikel, dessen Bestandteile Gerüchte und Halbwahrheiten einem nur quer im Magen liegen, aber keinerlei Nährwert haben.

-Mimikama unterstützen-