Noch nie, wirklich noch nie, waren die Phantomdiskussionen zu angeblich schwindenden deutschen Werten (was ist das überhaupt?) so stark wie im Moment.

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Die Kommentarspalten in Social Media glühen, nahezu täglich flutet eine neue (Pseudo-) Empörungswelle über die Bildschirme und Displays der Nutzer. Waren es in den vergangenen Jahren eher die Aufreger rund um das St. Martinsfest, welches doch angeblich umbenannt werden würde, so erleben wir derzeit, mithilfe von grafisch manipulierten Etiketten oder falschen Behauptungen, immer neue, böswillige und streckenweise völlig absurde Darstellungen zu weihnachtlichen Themen, die Beweise zur Abkehr von unserer Kultur und Annäherung an islamische Werte zeigen sollen.

Absurd und auch grotesk, denn die gesamte Diskussion ist nichts anderes als eine Phantomdiskussion. NEIN, der Lindt Weihnachtsmann ist nicht in Jahresendfigur umbenannt worden. NEIN, der Smarties Klapperklaus ist ebenso kein islamisierter Nikolaus, sondern ein Kofferwort aus klappernder Santa Claus (er klappert, weil da Smarties drin sind). Dieser heißt definitiv mindestens seit 2004 so.

Lichtermarkt, Wintermarkt oder Striezelmarkt. Alles, was nicht explizit ““„Weihnachts(*)“ genannt wird, gilt als Beweis und Symbol für die Abkehr von deutschen Werten und deutscher Kultur, wird als Anlass genommen, um laut schreiend (mithilfe von Majuskeln natürlich) die Kommentarspalten zu strapazieren. Die Vorwürfe sind immer identisch, die Anlässe jedoch allesamt nicht gegeben.

Methode?

Immer häufiger kommt jedoch das Gefühl auf, dass es sich hierbei um bewusst gesteuerte Pseudo-Shitstorms handelt, in denen die Ziele taktisch klug gewählt werden und bewusst Social Media als Trägerplattform ausgesucht wird. Woher die einzelnen Fotos oder Thesen wirklich stammen, ist meist ungeklärt. Sie sind auf einmal da und niemand kann die Urheber mehr finden. Der Verdacht entsteht dabei, dass durchaus gezielt Phantome in die Welt gesetzt werden, um einem gewissen Oberthema Raum zu verschaffen. Es geht um die Beweisführung, dass kulturelle Identitäten verschwinden, ja sogar ausgetauscht werden sollen. Eine „Systemelite“, gerne in Form von „Altparteien“, arbeitet „gegen das eigene Volk“.

Dachkonstrukte wie diese benötigen dementsprech einen Unterbau, der sich in diesem Falle aus vielen kleinen Mosaiksteinchen zusammensetzt. Diese Steinchen müssen am Ende gar nicht wahr sein, sie müssen lediglich diskutiert und via Social Media stark verbreitet werden. Die Opfer dabei werden gezielt gewählt. Hierbei drückt ein Artikel auf der Webseite Fearlessdemocracy.org es sehr treffend aus:

Zur Perfidie dieses Typs Shitstorm gehört eben auch, dass sich der Mob – getrieben von rechten Influencern – immer ein möglichst unvorbereitetes Ziel sucht und eine Story darum baut. Städte sind dafür ideal geeignet. Man kann mit ihnen „das System“ vorführen. Städte haben zudem relativ langsame Entscheidungsstrukturen und sie sind es normalerweise nicht gewöhnt, politische Dispute in sozialen Medien zu führen.

Die „Opfer” müssen zum System gehören, sie müssen langsam in ihrer Interaktion sein und, weil natürlich keine böse Absicht hinter den Namen steckt, völlig unvorbereitet auf einen virtuellen Angriff sein. Schwaches bis nicht existentes Social Media Marketing beim ausgesuchten Opfer ist natürlich von Vorteil, auch Firmen, die sich natürlich im Regelfall lieber aus der Politik in Social Media heraushalten wollen, reagieren zumeist nicht auf diese Vorwürfe. Zumindest nicht nachhaltig. An dieser Stelle fällt mir lediglich Penny ein, der mit seiner Zipfelmannkampagne einen Social Media Gegenschlag ausgeübt und damit die Deutungshoheit übernommen hat.

Einen ganz wichtigen Punkt bei diesen Pseudo-Skandalen (wie es Fearlessdemocracy recht treffend ausdrückt) spielen die Influencer. Diese Influencer sind natürlich bekannte Personen, als prominentes Beispiel an dieser Stelle dürfte man zweifelsohne Erika Steinbach (ehemals CDU/CSU-Bundestagsfraktion) anführen, die schon mehrfach aufgefallen ist, weil sie Phantomdiskussionen anfeuerte.

Nahezu legendär ist ihr urheberrechtlich mehr als problematisches Posting vom 27. Februar 2016, mit der Botschaft „Deutschland 2030: woher kommst du denn?”. Dieses ist weiterhin in ihrem Twitteraccount zu sehen, obschon mittlerweile weitläufig bekannt ist, welcher Anlass zur Aufnahme dieses Bildes führte und welche Botschaft hinter diesem Bild steckt.

Ferner ist auch der Urheber bekannt, doch all diese Angaben sind augenscheinlich für die Influencerin Steinbach irrelevant. Die Statusmeldung existiert weiter, Revisionen sind eher nicht zu erwarten. Aber man kann durchaus davon ausgehen, dass bestimmte Effekte gewollt sind. Beispielsweise der Effekt, dass Social Media schnell ist. Über Social Media verteilen sich Informationen, ohne dass jemand diese auf ihren Wahrheitsgehalt vorher testen muss. Daher ist der Vorsprung bei Falschmeldungen oder Phantomdiskussionen oftmals uneinholbar.

Und wenn einem eine Diskussion nicht stark genug ist, treibt man sie schlichtweg an, indem man gleich mehrfach die eigenen Empörung herauszwitschert. Nein, hierbei handelt es sich nicht um ein technisches Problem bei Twitter, diese Tweets wurden schon zeitversetzt veröffentlicht (08:15 Uhr, 12:12 Uhr und 12:14 Uhr. Nicht im Bild: 11. Oktober 06:31 Uhr )

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Letztendlich ist sie auch als Influencerin in dem Pseudo-Skandal um den Elmshorner Lichtermarkt in Erscheinung getreten, wie sie auch socialmediawirksam der Firma Lindt eine Absage erteilte. Accounts wie diese stellen also einen wichtigen Multiplikator für Phantomdiskussionen dar und sind letztendlich ein enorm wichtiges, thematisches Bindeglied zwischen Phantomthemen und der Medienlandschaft. Erika Steinbach ist an dieser Stelle lediglich ein Beispielfall.

Es sind genau diese Influencer, welche unsinnige Themen auf die Tagesordnung setzen und sie den Medien auf dem Silbertablett servieren. Ohne starke Influencer dürften viele Themen schlichtweg im Sande verlaufen, da sie einfach keine wirkliche Relevanz haben. Der Weihnachtsmann wurde NICHT von Lindt umbenannt, der Lichtermarkt Elmshorn hat nichts mit dem Verlust traditioneller Werte zu tun und auch die St. Martinstradition wird weiterhin ein katholischer Brauch unter diesem Namen bleiben.

Der Medienfehler

Gehen wir nun weg von den Influencern hin zu den Medien, auch im Hinblick auf Selbstkritik. Der Begriff „Phantomdiskussion” hat an dieser Stelle natürlich seine absolute Berechtigung, denn er beschreibt auf den Punkt genau, was hier passiert. Medien holen sich aufgrund der Social Media Gesprächswertigkeit Themen an Bord, die nur um ihrer selbst willen existieren, und vermitteln sie somit einem größeren Publikum. Das sollte Journalisten natürlich zu denken geben: Inwieweit ist Gesprächswertigkeit als Kriterium für Relevanz im Journalismus überhaupt tauglich (danke an Andrea Hansen)?

Wir haben jedoch an dieser Stelle ein Problem: Wo liegt bei Phantomthemen nun die Hürde, welche sie dazu qualifiziert, in den Medien thematisiert zu werden? Spätestens, wenn die erste große (Online-)Redaktion Klicks und dementsprechend Einnahmen bei einem Thema wittert, dürfte das Kind in den Brunnen fallen. Auf einmal ist das Phantomthema dann auf dem Tisch. Darauf basieren dann die nächsten Fragen:

Wie sehr manifestieren Medien letzten Endes Phantomdiskussionen in den Köpfen ihrer Leser? Wie muss überhaupt der Umgang mit Phantomthemen gepflegt werden? Ein sicherlich falscher Weg ist es, diesen Themen unkommentiert eine pseudoreale Existenz zu verschaffen. So beispielsweise geschehen, indem man sie zu Umfragen deklariert (siehe hier). Hier tragen Medien eine große Verantwortung, die leider allzu oft missachtet wird.

Wir müssen ebenso selbstkritisch auch an uns herangehen: Ab wann kann und darf Mimikama eine Phantomdiskussion analysieren? Dabei kommen auch ganz grundsätzliche, jedoch wichtige Fragen auf uns zu: Wie bauen wir zu so einem Artikel den Teaser (Vorschau in Social Media) auf? Wie wählen wir die Worte, um die Phantomdiskussion nicht noch zu manifestieren, sondern aufzulösen?

An dieser Stelle merkt man sehr schnell, dass ein Umgang mit Phantomthemen aus Social Media nicht einfach ist. Gleichermaßen setzt jedoch ein positiver Denkprozess ein und man beginnt, nicht über jedes Stöckchen zu springen, welches mithilfe von Bildern aus unbekannter Quelle und mit Hilfe von Rückenwind durch Influencer in die Welt gesetzt wurde.

Ebenso bemerkt man auch, dass leider am Ende die Nutzer von Social Media wieder allein dastehen könnten. Daher ist die Basisarbeit und der Aufbau digitaler Medienbildung (nicht nur an Schulen) immer wichtiger:

  • Erkenne die Funktionsweisen von Social Media,
  • erkenne die Funktionsweisen von Kommunikation.
  • Verstehe, wie Phantome entstehen und
  • lasse dich nicht von ihnen beeinflussen!

Das ist eine leider traurige Erkenntnis zu diesem Thema.

Leseempfehlung:

WIE SOWAS LÄUFT: DIE RECHTE DIGITAL-KAMPAGNE GEGEN ELMSHORN. (fearlessdemocracy.org)

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