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UPDATE vom 1.8.2015:

-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

David Surmann, auf dessen Blog der kritisierte Artikel ursprünglich erschien, ließ uns wissen, dass jener Artikel nicht von ihm persönlich stamme, sondern dieser von ihm im guten Glauben, dass es der Wahrheit entspräche, übernommen wurde. Leider versäumte er, den Original-Artikel zu verlinken, weswegen wir von einem Artikel Surmanns ausgingen.

Die Original-Quelle stammt von einem koptischen christlich-radikalen Blog (ja, es gibt auch radikale Christen), den auch wir verständlicherweise hier nicht verlinken werden.

Wir hoffen, dass David Surmann dadurch nicht allzu viele Unannehmlichkeiten entstanden sind, ist er auch nur das Neueste von vielen Blogs, die diesen Hoax seit 2009 irrtümlicherweise als Wahrheit verbreiteten.
Hier der Link zu Surmanns Gegendarstellung: http://davidsurmann.berlin/stellungnahme-zum-mimikama-artikel-paedophile-massenhochzeit-im-gaza/

Pädophile Massenhochzeit im Gaza – Echte Bilder, falsche Behauptungen

Kindesmissbrauch ist furchtbar. Das weiß auch ein Blog namens „Davidsurmann.Berlin“, und möchte mit einem Blog darauf aufmerksam machen. Dabei sollte man sich aber auch an die Wahrheit halten, ansonsten wird man schnell unglaubwürdig.

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In dem reich bebilderten Blogeintrag steht zu lesen:

„Bei einer von der Hamas organisierten Massenhochzeit, haben am letzten Donnerstag 450 Paare in Gaza geheiratet. Geburtendschihad gegen Israel ist seit jeher eine beliebte Waffe sowohl der Fatah als auch der Hamas. Doch wie nicht anders zu erwarten, setzt die Hamas dem Spektakel noch das Sahnehäubchen auf. Während die Hamas-Bräutigame in der Altersgruppe zwischen 16 und 36 Jahren liegen, sind ihre frisch angetrauten Ehefrauen gerade mal sechs bis zehn Jahre alt.“

Sind die Bilder echt?

Ja, das sind keine gestellten oder gephotoshoppten Bilder, sondern zeigen tatsächlich die Bilder einer von der Hamas organisierten Massenhochzeit.

Wann war das?

Laut jenem Blog „letzten Donnerstag“. Da der Eintrag vom 26.7.2015 ist, kann man davon ausgehen, dass der Autor vom 23.7.2015 spricht. Tatsächlich aber existieren diese Bilder seit Juli 2009 und kursierten damals als Email-Anhang mit der gleichen Nachricht, nämlich dass es sich um eine Massenhochzeit mit minderjährigen Mädchen handelt. Wir sind aber mal gnädig, da solche Massenhochzeiten regelmäßig im Gaza-Streifen stattfinden.

Ist doch egal, sind trotzdem minderjährige Bräute… oder?

Augenscheinlich schon. Und da es dort genug Kriegsgräuel gibt, kann man sich gut vorstellen, dass die bestimmt auch „pädophile Massenhochzeiten“ veranstalten. Jedenfalls wollten uns das schon 2009 diverse Medien Glauben machen. Aber hier sollte man den Kontext kennen, denn dies sind nicht die Bräute!

Hochzeitsrituale hier und dort

Der „schönste Tag des Lebens“, so sagt man hier, und besonders die Braut steht in der westlichen Kultur im Mittelpunkt einer Hochzeit. Das Brautkleid, die Arrangements, das Essen… oftmals wird hier der Bräutigam zur Nebenfigur und ist schlussendlich derjenige, welcher am Altar geduldig wartet, bis die Braut mit pompösem Kleid und Musik einmarschiert, alle Augen auf sie gerichtet.

Überraschung: In anderen Kulturen laufen Hochzeiten ganz anders ab. Hättet ihr nicht gedacht, was?

Auch in Palästina sind Hochzeiten eine teure Angelegenheit. Viele Menschen dort können sich so etwas nicht leisten, weswegen die Hamas dort regelmäßig Massenhochzeiten organisiert, so dass die Kosten pro Teilnehmer nicht nur nicht mehr vorhanden sind, sondern jedes Brautpaar auch noch 500 Dollar als Hochzeitsgeschenk bekommt. Das hilft natürlich deren Popularität, auch weil bei den Hochzeiten niemand ausgeschlossen wird, sondern Palästinenser, Israeliten, Hamas und Menschen anderer Glaubensrichtungen zusammen feiern. „Niemand soll aufgrund seines Glaubens bei dieser Feier ausgeschlossen werden“, so die Aussage von Ibrahim Salah, Führer der Hamas 2010.

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Quelle: Youtube

Auch steht bei solchen Feiern nicht etwa die Braut im Vordergrund, sondern der Bräutigam.

Und wer sind nun die jungen Mädchen?

Dies sind Neffen und Nichten der Braut und des Bräutigams, alle zwischen drei und acht Jahre alt, welche während der Zeremonie die Braut repräsentieren. Man kann die Mädchen mit den westlichen Brautjungfern vergleichen. Die echten Bräute, die jüngsten sind 16 Jahre alt, die meisten über 18, befinden sich, ganz ohne Glanz und Glamour, unter den tausenden Gästen der Veranstaltung. Nur während der Zeremonie ist das künftige Brautpaar getrennt, da gläubige muslimische Frauen sich nicht in der Öffentlichkeit so präsentieren und sich in den Mittelpunkt stellen dürfen.

Fazit:

Dazu lassen wir den Reporter Tim Marshall zu Wort kommen, der 2009 für Sky News von der Zeremonie live berichtete und sich über die Fehlinformationen in einem Artikel aufregte:

„Dies zeigt mir, wie sehr manche Leute diesen Unsinn glauben wollen, da es ihnen anscheinend Spaß macht, ihre Vorurteile gestärkt zu sehen. Hamas und Djihadisten machen genug schreckliche Dinge, da muss man nun wirklich nicht noch etwas hinzu erfinden. Die meisten der Sachen, die ich gelesen habe, waren gedankenlose und unüberlegte islamophobe Aussagen von Menschen, die absolut nichts über die arabische Populärkultur wissen.
(…)
Einige Webseiten gingen sogar so weit, zu behaupten, dass „die Massenmedien“ einen dadurch darauf vorbereiten wollen, dass Pädophilie etwas vollkommen Normales sei und die jungen Mädchen in Wirklichkeit hinterher vergewaltigt werden würden.

Wem möchten sie mehr glauben? Einem Journalisten, der live dabei war oder einer ärmlichen Version eines „Bürgerjournalisten“, der zu Hause sitzt und unwissentlich oder absichtlich hysterischen anti-islamischen Unsinn schreibt?

Wir haben dem nichts hinzuzufügen.

Autor: Ralf, mimikama.at