Panik und Angst in Zeiten von Social Media

Panik und Angst in Zeiten von Social Media

Von | 26. Februar 2020, 13:37

An Social Media kommt mittlerweile kaum noch jemand vorbei. Egal welches Alter, egal welcher Herkunft, wer ein internetfähiges Smartphone besitzt, ist auch meist bei einem Social Media Dienst angemeldet.

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Terroranschläge, Entführungsversuche, Epidemien oder Amokläufe: Das sind Themen, vor denen viele Menschen Angst haben. Das sind gleichzeitig aber auch Themen, die Futter auf Social Media sind. Diese Themen erzeugen Interaktionen, aber am Ende auch Angst und Panik.

Werfen wir in diesem Artikel einen Blick auf den Zusammenhang von Social Media und Ängsten. Welche Rolle spielen WhatsApp, Facebook, Twitter oder Instagram dabei?

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Was sind überhaupt Social Media?

Zusammengefasst: Man versteht unter Social Media alle Plattformen, auf denen sich Menschen auf digitalem Wege austauschen. Seien es Texte, Bilder, Video- oder Audioinhalte, im Zentrum steht die digitale Kommunikation in alle Richtungen. Social Media ist entsprechend keine Kommunikationseinbahnstraße, sondern eher ein Rummelplatz. Man kann sich im Grunde die klassische griechische Agora vorstellen, nur eben digital: Menschen kommen zusammen und reden, ja streiten auch, sie handeln, tauschen Dinge aus

Ebenso wichtig ist aber auch die Funktion der Teilnehmenden, denn Social Media bedeutet, jeder ist AutorIn. Es handelt sich also um ein Medium, an dem alle teilnehmen können. Wichtig für diese Teilnahme ist übrigens auch die technische und finanzielle Hürde: Social Media muss leicht und kostengünstig (meist gratis) zugänglich sein.

Social Media und das Nutzerverhalten

Nicht alle Menschen sind auf allen Social Media Plattformen, nicht alle Menschen nutzen dieselben Plattformen. Dennoch kann man grobe Einteilungen vornehmen: Speziell jüngere Menschen befinden sich auf eher visuellen Plattformen wie Instagram oder TikTok. Auch Snapchat darf in diesem Zusammenhang genannt werden, jedoch hat der Messenger an Bedeutung verloren.

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Facebook und Twitter spielen in dieser Altersgruppe weniger eine Rolle, sind jedoch bei Menschen im Alter zwischen 30 und 55 Jahren recht beliebt. Geht man jedoch noch eine Altersstufe höher, also Menschen zwischen 50 und 69 Jahren, so ist hier WhatsApp ein sehr beliebtes Kommunikationsmittel.

Tatsächlich nutzen knapp 80% der Deutschen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren den Messenger (vergleiche). Überhaupt ist WhatsApp unabhängig vom Alter die meistgenutzte Social Media Plattform.

Veränderte Relationen

Wer noch im letzten Jahrhundert volljährig geworden ist, dürfte mit noch recht wenigen Sendern aufgewachsen sein. Erst in den 80er Jahren kamen zu den öffentlich-rechtlichen Sendern die Privatsender hinzu, sowohl im TV, als auch im Radio.

Zu dieser Zeit hatten Journalisten üblicherweise die Gatekeeperfunktion inne. Das bedeutet grob gesagt, es wurde kontrolliert, ob ein Inhalt überhaupt relevant zu senden ist und ob der Inhalt auch stimmt.

Gleichzeitig gab es seitens Empfänger kaum öffentliche Reaktionen auf Inhalte und Informationen. Klar, man hat sich im kleinen Kreise unterhalten, jedoch gab es selten öffentliches Feedback in Form von Leserbriefen oder Reaktionen an einen Intendanten.

Social Media hat diese Verhältnisse geändert. Auf einmal sind alle Teilnehmenden zu Sendern geworden. Aufgrund der günstigen technischen Ausstattung und der geringen Hürden ist es jederzeit möglich, Inhalte zu senden. Man kann schreiben, Bilder senden oder gar live streamen.

Das hat natürlich zur Folge, dass die klassische Gatekeeperfunktion auf Social Media so nicht mehr vorhanden ist. Die teilnehmenden entscheiden nun selbst, was sie für relevant halten. Daher kann es vorkommen, dass im Newsstream oder in den Nachrichten Informationen ohne Relevanz oder gar falsche Informationen auftauchen. Auf Social Media verschmelzen also nicht nur Sender und Empfänger, sondern alle müssen selbst die Gatekeeperfunktion für sich interpretieren oder gar erlernen.

Ebenso ist das veränderte Resonanzverhalten anzumerken: Auf Social Media kann man nun direkt und auch (je nach Privatsphäre) öffentlich reagieren. Das bringt eine unheimliche Dynamik.

Messenger & Vertrauen

Gerade die Messenger tun sich hier hervor, auf denen es schwer zu erheben ist, wie viele Falschmeldungen verbreitet werden. Wie eingangs beschrieben, nutzen sehr viele Menschen einen Messenger. Natürlich darf man darüber streiten, ob Messenger zu Social Media hinzugerechnet werden dürfen (gerne auch ergebnisoffen). An dieser Stelle werden sie jedoch hinzugerechnet, da man über Messenger digitale Kommunikation betreiben kann, Inhalte austauschen kann, in Gruppen kommuniziert und auch letztendlich streamen kann. Dennoch sind sie nicht so offen wie Instagram, Facebook oder Twitter.

Nachrichten über einen Messenger wie WhatsApp jedoch immer eine persönlichere Note als offenere Netzwerke. Man kennt die Absender, meist sind es Verwandte oder Freunde. Es besteht also schon eine Vertrauensbasis.

Hier zeigt sich häufig, dass man schneller dazu neigt, empfangene Inhalte zu glauben und auch weiterzuleiten, da man eher dazu neigt, dem vertrauten Absender zu glauben.

Don´t say soziale Netzwerke

Es geschieht regelmäßig, dass der Begriff „soziale Netzwerke“ fällt. Das ist jetzt nicht unbedingt verkehrt, doch es handelt sich um einen teilweise irreführenden deutschsprachigen Ausdruck. Social Media sind eher gesellschaftliche Netzwerke.

Der Ausdruck „sozial“ transportiert immer irgendwo eine karitative Bedeutung, doch Social Media hat weniger einen karitativen Charakter. Daher sprechen wir an dieser Stelle von Social Media, auch wenn bei Mimikama ansonsten Anglizismen eher ungern genutzt werden.

Interaktionen zählen!

Wie gerade erklärt, Social Media hat nichts karitatives an sich. Im Grunde schon fast das Gegenteil: Das Ziel der Plattforminhaber liegt darin, die NutzerInnen so lange wie möglich an die Plattform zu binden und sie zu Interaktionen zu bewegen.

Diese Bindung funktioniert nur, wenn die Inhalte den NutzerInnen nicht langweilig erscheinen. Die Folge daraus: Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht.

Ok, die Titten werden fleißig verbannt, bei allem anderen tun sich die Betreiber jedoch schwer. Dennoch ist es kein Geheimnis, das Skandale, Empörungen, ja auch Falschmeldungen und natürlich aus dem Boulevard entwachsener Clickbait Interaktionen erzeugen und auf Social Media wie ein Magnet wirken.

Die ausbleibende Gatekeeperfunktion macht sich hier also bemerkbar, gleichzeitig wird der Attraktivitätslevel (in welcher Form auch immer) weiter erhöht.

Ob provokative Postings, Grenzübertritte im Ausdruck, schwacher Clickbaitjournalismus oder das Schüren von Ängsten, all das sind weit verbreitet Phänomene auf Social Media. Die Messenger natürlich mit eingeschlossen.

Falschmeldungen, Angst, Hass

Ausbleibende Gatekeeper, hohe Interaktionsgrade und die Sehnsucht nach Unterhaltung fördern natürlich Themen, die durchaus auch Problemstellungen beinhalten.

Die hohe Anzahl an Falschmeldungen ist das eine (ohne die würde es Mimikama nicht geben). Das andere sind Angstthemen. Vermeintliche Entführungen, Krankheiten, Verschwörungsmythen, diese Themen bedienen sich optimal der partizipativen Kultur auf Social Media.

Das darf man nicht falsch verstehen: Auch in der Offlinewelt haben diese Themen ihren Platz. Doch Social Media bietet Funktionen, die eine Offlinewelt nicht bietet. Teilen, Weiterleiten und Re-Uploads stellen hier wichtige Instrumente in der Verteilung hochinteraktiver Inhalte dar.

Das bedeutet: Social Media-relevante Themen verbreiten sich auch stärker. Dabei wird häufig gar nicht unterschieden, ob ein Inhalt wahr oder falsch ist. Aus Angst vor Schaden werden entsprechend auch Falschmeldungen oder nicht relevante Inhalte verteilt.

Die Rolle der Medien

Schon lange haben Medien ihr Reichweitenpotenzial auf Social Media erkannt. Doch die Reichweiten kommen nicht von alleine, sie müssen optimiert werden. Diese Optimierung findet über Schlagzeilen und Teaser statt.

Das bedeutet: Wenn eine Webseite einen Onlineinhalt veröffentlicht, sollte dieser auch für die Vorschaudarstellung auf Social Media optimiert werden. Wir reden hier vom sogenannten Snippet bzw. Teaser. Das bedeutet:

Immer dann, wenn jemand einen Link auf WhatsApp, Twitter oder Facebook einfügt, wird ein Snippet erzeugt, welches in seiner Kürze den Inhalt der verlinkten Webseite darstellt. Als Inhaber einer Seite ist man in der Lage, dieses Snippet zu gestalten. Man wählt also bewusst ein passendes Bild und formt die Überschrift so, dass sie attraktiv für die LeserInnen auf Social Media wirkt. Damit ein Onlineinhalt Inhalt also wahrgenommen wird, optimieren Medien diesen über das Snippet. Das führt unweigerlich zu dem sogenannten Clickbait, zu Deutsch Klickköder.

Ein Clickbait muss nicht negativ sein, er ist sogar zwingend notwendig, damit ein Onlineinhalt auch wahrgenommen wird. Ein Clickbait sollte jedoch nicht irreführend oder übersteigert sein, was jedoch gerade im Falle des Boulevardjournalismus häufiger vorkommt.

Mithilfe von Clickbaitsnippets und irreführenden Überschriften können entsprechend bei oberflächlichem Nutzerverhalten falsche Eindrücke entstehen. Die Netzkultur spricht hier von „Überschriftenlesern“, die ihre Informationen lediglich aus Schlagzeilen beziehen, die unter Umständen aufgrund der Clickbaitverkürzung falsche Darstellungen liefern. Wer lediglich Überschriften konsumiert, wird komplexe Darstellungen nicht richtig aufnehmen, da Erklärungen in der Regel ausführlicher sind, als es die Snippetfunktion auf Social Media zulässt.

Politische Motivationen

Auch Parteien und politische Akteure haben Social Media als Plattform erkannt und wissen um die Mechanismen, mit denen sie ihre eigenen Inhalte so viral wie möglich verbreiten können. Man muss zwischen offiziellen Postings von Parteien oder Politikern und inoffiziellen Kampagnen, zw. Propaganda unterscheiden.

Gerade letztere arbeitet mit Angst und Hass, um Desinformation oder Manipulation zu betreiben.  Durch den Aufbau von Angst werden bewusst politische Systeme gestört. Feindbilder werden errichtet, die als Sündenböcke dargestellt werden. Ferner werden mithilfe von bewusst widersprüchlich gestalteten Informationen Irritationen bei Nutzerinnen und Nutzern von Social Media erschaffen.

Wir kennen diese Phänomene: Nach Attentaten oder Amokläufen werden recht schnell unterschiedliche Informationen gestreut, die bewusst falsch sind. Es geht dabei nicht unbedingt darum, dass diese falschen Informationen geglaubt werden, sondern dass sie in Konkurrenz zu seriöser Berichterstattung stehen, welche im Endeffekt ebenfalls angezweifelt wird. Die Resultate sind Sätze wie „Man weiß ja gar nicht mehr, wem man glauben soll“ oder „Alle lügen doch irgendwie“. In genau diesen Momenten haben irreführende Falschmeldungen ihr Ziel erreicht. Menschen sind verunsichert, haben Angst und wähnen sich in einer hilflosen Lage.

Panik in Zeiten von Social Media

Social Media ist nicht der Grund für diese Angst oder Panik. Ängste gab es natürlich auch schon vor Social Media. Social Media als interaktive Kommunikationsplattform fördert jedoch massiv den Informationsaustausch. Wie bereits angeführt, bedeutet Informationen nicht immer Korrektheit, Relevanz oder Ausführlichkeit.

Wir konnten in der Vergangenheit immer wieder beobachten, dass die Angst ein Motor ist, Inhalte weiterzuleiten. Man möchte gerne andere Menschen warnen, sie in Sicherheit wissen. Es ist also nicht allein die Angst um sich selbst, sondern auch um andere. Und hier greifen nun die Werkzeuge auf Social Media, aber auch die Möglichkeiten am Smartphone, Inhalte über die einzelnen Plattformen hinaus direkt auf andere Plattformen zu teilen.

Der Begriff „Viralität“ bekommt hier seine sehr angemessene Bedeutung. Gleichwie ein Virus können Informationen weitergeleitet, vervielfältigt und übertragen werden. Und genau das geschieht entsprechend mit interaktionsreichen Inhalten, die häufig auf Angst basieren.

Diese Inhalte erreichen nunmehr in wesentlich kürzerer Zeit viel mehr Menschen, als wenn Offlinekommunikation genutzt wird oder lineare Medien konsumiert werden. Social Media ist immer griffbereit und abrufbar.

Daraus resultiert natürlich, dass es nicht mehr schlechte Botschaften gibt, sondern sie sind schlichtweg präsenter und werden häufiger dargestellt. Man bekommt einfach den Eindruck, dass gewisse Themen wesentlich häufiger eintreten, weil sie auf Social Media stark verbreitet sind.

Ängste erscheinen aufgrund der häufigen Darstellung als allgegenwärtig, bekommen gleichzeitig aufgrund ihrer Interaktionen eine höhere Reichweite als sachlich-nüchterne Inhalte. Hier zeigt sich deutlich: Emotionen sind ein wichtiger Faktor. Und Social Media bietet entsprechend eine große Teilnahmefläche an Emotionen, Angst als starke Emotion spielt insofern eine große Rolle.

Und schauen wir an dieser Stelle auch auf das Framing: Mithilfe von Reizwörtern werden Ängste geschaffen, Themen bewusst falsch interpretiert oder tendenziös dargestellt. Zugegeben, man kann nicht nicht-framen, jedoch kann man den Grad des Framings beeinflussen und somit auch den Level der Manipulation.

Die Mixtur

Am Ende dürfen wir nicht vergessen: Social Media ist kein homogenes Gemisch, sondern ein Brei aus vielen verschiedenen Sendern. Privatpersonen, die selber Informationen veröffentlichen. Medien, die mit optimierten Snippets reichweitenstarke Inhalte generieren wollen, politische Akteure, welche die Mechanismen von Social Media zur Manipulation ausnutzen wollen.

In all diesen Eindrücken finden sich Social Media NutzerInnen wieder. Konfrontiert mit Inhalten, die sie als „neue Gatekeeper“ für sich bewerten müssen. Gleichzeitig werden sie aufgrund ihrer eigenen Emotionen zum Teil des Spiels. Wer von der Angst gepackt wird, die oder der verbreitet den anlassgebenden Inhalt. Dank einfacher Mechanismen (nur ein Klick) ist das kein Problem.

Die Angstmultiplikation auf Social Media ist also entsprechend meist nur ein Klick, die Schwelle zwischen begründeten Ängsten und Hysterie jedoch häufig aufgrund übersteigerter Berichterstattung, manipulativer Postings oder allgegenwärtiger Informationen schnell überschritten.

Angst in den Griff bekommen

Angst ist nicht verkehrt, sofern sie angebracht ist. Das bedeutet aber auch, man muss einschätzen können, ob eine Angst auch wirklich der Situation angemessen ist. Social Media Postings aus anonymen Quellen, unsachgemäße Berichterstattungen oder falsche Beobachtungen können der Anlass für eine Angst sein, die am Ende gar nicht notwendig war.

Doch wie gelangt man an sachlich-nüchterne Informationen? Hier schließt sich wieder der Kreis, da Social Media Menschen binden will und „aufregenden Themen“ mehr Raum bietet, als ruhigen Inhalten. An dieser Stelle sind entsprechend wieder die Nutzerinnen und Nutzer gefragt und dazu angehalten, den eigenen Informationskonsum zu entschleunigen und auch zu bewerten, welche Inhalte (ob privat, aus Medien oder unbekannten Quellen) wirklich relevant sind. Das Ziel sollte sein, sich nicht von Social Media beherrschen zu lassen, sondern Social Media zu beherrschen.

Angst auf Social Media

 

 

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