Breaking-News, Eilmeldung: “könnte, würde, hätte” so mutmaßt man. Doch wissen wir es derzeit nicht. Unbestätigten Quellen zufolge sind wir jedoch die Ersten, die noch nichts wissen, aber genau das zumindest sagen können. Mehr weiß man nicht.

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Sie sind eine Art Geißel der modernen Informationsdarstellungen:

Eilmeldungen und Breaking-News, Konjunktivberichterstattungen und Mutmaßungen. Gerne auch mit einem Rudel von “+” Zeichen begleitet und in kontrastreicher Farbdarstellung veröffentlicht.

Sie eilen, ja sie rennen quasi über die Timeline. Ob bei Facebook oder Twitter, jeder sieht sie durch das Netzwerk flitzen. Doch was schaffen sie am Ende? Sind wir aufgrund der ganzen Eilmeldungen nun besser informiert, klüger im Handeln und weiser im Denken?

Der Terror im Konjunktiv

Wir haben es vor wenigen Tagen erst wieder sehen können: die ultraschnelle Berichterstattung der Medien birgt viele Gefahren.

Wir haben das in diesem Jahr bereits mehrfach beobachten können, denn ob Brüssel, Nizza, München oder Berlin, jeder will der erste sein. Doch hat dieses Wettrennen ein ganz großes Problem: man kann nicht mehr als das berichten, was man weiß.

Daher bedient man sich eines kleinen Tricks: mit Hilfe von Mutmaßungen und Konjunktiven wird eine Berichterstattung aufgeblasen.

So sehr aufgeblasen, dass man ein Abendfüllendes Programm daraus stricken kann. Ganz neu ist in diesem Zusammenhang der Aufbau von Kontrastinformationen, der bewusste Aufbau einer Gegenüberstellung von “Was wir wissen und was wir nicht wissen”.

Das funktioniert, denn auch hierbei gibt es einen kleinen Trick!

Man sucht sich Informationen, die feststehen und die man weiß, und packt diese zu den Spekulationen. Das können Aussagen anderer sein (“wir wissen, dass XY es gesagt hat), oder auch Nebeninformationen (Wir wissen, dass der mutmaßliche Täter in XY gewohnt hat).

Damit kann man dann die “Was wir nicht wissen” Informationen auf die “Was wir wissen” Seite packen, obschon es weiterhin unbestätigte Informationen sind.

Stefan Niggemeier hat das auf seinem Blog “Übermedien” wunderbar anhand einiger realer Beispiele offengelegt [1]. Hier zeigt sich: das, was wir wissen, wird gerne mal aus dem geleitet, was wir eben nicht wissen.

Doch hat man damit neue “News”. Man kann etwas präsentieren, was vielleicht andere noch nicht haben. Und was bringt es den Lesern/Zuschauern? Ist man dadurch nun besser informiert, klüger im Handeln und weiser im Denken?

Social Media vs. Journalismus

Es ist am Ende natürlich auch ein Wettlauf, den Journalisten nicht gewinnen können: die Meldungen der sozialen Netzwerke sind schneller.

Das ist kein Geheimnis und man muss sich dessen auch nicht schämen. Man kann eine Meldung aus sozialen Netzwerken durchaus nutzen, indem man sie als Rechercheanstoß auffasst. Jedoch nicht als ein spekulatives “Was wir wissen”.

Denn am Ende ist die Suche nach News über Netzwerkkomentare und Schlagworte immer mit Risiken verbunden: je mehr ich mich auf Hashtags und Nutzerkommentare verlasse, desto dünner wird meine Faktenlage, aber auch umso größer der Panikeffekt!

Brot und Spiele, was uns emotional ergreift, das unterhält uns, ob nun positiv oder negativ. Da schalten wir nicht weg, da lesen wir weiter. Da kommentieren wir mit und wenn man sogar selbst etwas beisteuern kann, dann macht man das. Und wenn es nur eine Beobachtung eines Dritten ist, von der man gehört hat oder letztendlich nur eine Meinung darstellt, die noch unbedingt abgegeben werden muss.

Die Süddeutsche hat in ihrer “Timeline der Panik” [2] die Netzwerkkommentare zum Münchner Amoklauf (22. Juli 2016) ausgewertet. Kurz zusammengefasst kam da etwas Erstaunliches heraus: hätte man den Kommentaren und Verschlagwortungen geglaubt, dann wäre der Amoklauf ein Terroranschlag mit 67 Zielen in München gewesen.

Ein Täter, ein Tatort – und eine Stadt in Angst: Wie aus dem Münchner Amoklauf ein Terroranschlag mit 67 Zielen wurde. Eine Rekonstruktion.

Hier zeigt sich deutlich, wie schwierig sich der Umgang mit unbestätigten Kommentaren gestaltet. Und dass ein journalistischer Umgang mit Kommentaren nicht der Geschwindigkeit, sondern der Sorgfalt unterliegen sollte.

Und hier kommen wir zu dem konstruktiveren Teil: man kann im Zuge einer Berichterstattung exakt hier ansetzen. Die Kommentare und Gerüchte verbreiten sich eh von alleine, da bedarf es keiner Unterstützung durch Breaking-News Berichterstattung.

Hier liegt jedoch die Chance, sich mit den Themen, die sich beispielsweise um einen Anschlag aufbauen, sorgfältig umzugehen. Anstatt Informationen um eine Spekulation zu sammeln, kann man schauen, ob eine Information überhaupt stimmt. Und vor allem: nicht jeden unwichtigen und spekulativen Unsinn aufblasen.

Klar, wenn nun Journalisten eben nicht jedes unwichtige Detail thematisieren, dann kommt es recht schnell zu dem Vorwurf der Lügen- oder Lückenpresse. Gerade dann, wenn einzelne Kommentare populär werden, jedoch keinerlei Faktenbasis haben oder völlig unbestätigt sind.

Dann spricht man häufig von “Zensurmedien”, die etwas verschweigen möchten. Es ist ein Paradoxon an sich: wer als letztes etwas berichtet, unterliegt schnell dem Vorwurf des Verschweigens, wer als erstes berichtet, läuft Gefahr, eine “Lügenpresse” zu sein, da man Spekulationen verbreitet.

Doch durch welche Berichterstattung ist man am Ende besser informiert, klüger im Handeln und weiser im Denken?

Keine Plattform dem Terror!

Darin sind sich fast alle Stimmen einig: niemand möchte sich dem Terror unterwerfen. Man will sich nicht einschränken lassen, und gleichzeitig dem Terror nicht weichen.

Aber will man dem Terror auch eine Bühne bieten?

Leider geschieht genau das! Die Journalistin Anne Raith beschreibt in ihrem Artikel “Vom schmalen Grat der Terrorberichterstattung” [3] exakt diesen Balanceakt. Information – gerne! Bühne bieten – so wenig wie möglich.

Es sind Bilder wie diese, auf die es die Terroristen abgesehen haben. Denn es geht ihnen nicht nur um die Toten am Anschlagsort. Ihr Erfolg misst sich auch in Schlagzeilen und Sendezeit.

Terroristen wollen eine Botschaft transportieren, vor allem wollen sie auch zeigen, DASS sie Terroristen sind (oder waren).

Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum so häufig Ausweise an Tatorten zurückgelassen werden. Sie wollen zeigen, dass es Absicht war, sie wollen der Welt ihre Botschaft übermitteln und durch ihre Person selbst einen Anschlag als solchen auch verifizieren. Der Ausweis ist die Visitenkarte, die klare Ansage, um was es geht.

An dieser Stelle sind tatsächlich auch die Medien gefragt: wie sehr darf die Botschaft eines Attentäters getragen werden?

Wo liegt die Grenze zwischen berichterstattender Information und Nutztier von Attentätern? Auch hier bietet Anne Raith interessante Beispiele: Informationen sind gut und richtig. Aber man muss keine Bekennervideo veröffentlichen, grundsätzlich die Ausstrahlung des Materials verweigern, welches die Täter selbst in die Welt gesetzt haben.

Denn genau das wollen sie. Eine Bühne, ihre wenigen Minuten, in denen sie ihre Botschaft übermitteln können. Und genau da dürfen Journalisten eben keine Nutztiere sein, sondern genau damit glänzen, indem sie Informationen transportieren, ohne Gleichzeitig zum Instrument des Terrors zu verkommen.

Dabei ist es wichtig, zunächst nicht selbst zum Opfer einer Klickabhängigkeit zu verkommen. Einen Schritt langsamer werden, nicht der Erste, sondern der Sorgfältigste zu sein. Und vor allem muss genau das der Leserschaft vermittelt werden: NEIN, Du bekommst bei mir nicht irgendwelche unausgereifte Vermutungen, sondern glaubwürdiges Material ohne effekthascherische Dramaturgie. Mit dieser Darstellung wäre eine Leserschaft durchaus besser informiert, klüger im Handeln und weiser im Denken.

Falsche Symbole!

Auch wenn es vielleicht monetär der geilere Weg ist, so ist es doch sehr gefährlich! Spekulationen, Eilmeldungen und Breaking-News stillen lediglich das Verlangen nach der Einfachheit und Schnelligkeit, sind vielleicht massenkompatibel, zeigen aber auch oftmals eine verkürzte, unkonkrete und nicht immer korrekte  Darstellung.

Einfache Lösungen, die jedoch häufig das falsche Bild vermitteln, verführen, verleiten und erschaffen zudem das Gefühl, der Konsum von Teasern und Schlagzeilen würde ausreichen, ein komplettes Bild einer Information zu erhalten. Doch dem ist eben nicht so, gerade weil diverse Onlinemedien mit ihren Teasern spielen.

Exkurs Teaser – was ist das?

An dieser Stelle ist es durchaus wichtig zu verstehen, was ein Teaser auf Facebook ist und wie dieser funktioniert, denn ein Teaser, also die Vorschaufunktion auf Facebook, ist eine enorm wichtige Funktion im Social Media Marketing.

Ein guter Teaser ist bereits mehr als die halbe Miete, da spielt im Anschluss die Qualität des verlinkten Inhaltes nur eine untergeordnete Rolle. Hat in gewissem Umfang etwas mit dem Begriff des Clickbaitings zu tun, doch ich habe bereits mehrfach geschrieben und betont, dass ein Clickbait in meinen Augen nicht direkt etwas Negatives ist. Es kommt auf die Contentspanne des Clickbaits an.

Ein Clickbait ist völlig legitim, nur sollte er in Relation zu seinem folgenden Inhalt stehen.

Der Enttäuschungsgrad eines Clickbaits resultiert aus der Spanne zwischen versprochenem und real geliefertem Inhalt. Decken sich beide, ist ein Clickbait völlig legitim.

Folgt jedoch ein völliger Mist auf einen Clickbait, dann nervt der Clickbait nur. Und ein Teaser, also eine Facebookvorschau, bildet genau dieses Element.

Doch schauen wir kurz auf die technische Seite, so sieht ein Teaser aus:

image

Zur Erklärung:

  1. Das Textfeld.
    Hier wird beim Posten der Statustext verfasst. Wichtig an dieser Stelle: ein Link muss eingefügt sein.
  2. Das Vorschaubild.
    Facebook “scraped”(kratzt), also holt im Regelfall automatisch ein Bild aus dem verlinkten Artikel. Diese Automatisierung kann man umgehen, indem man im Metatext der verlinkten Webseite eine Bildadresse für Facebook vorgibt. Entsprechende Hilfsprogramme oder Plugins können das vereinfachen.
  3. Die Überschrift.
    Auch hier gilt, dass Facebook diese automatisch aus dem Verlinkten Artikel bezieht, außer man hat im Metatext auch hier eine Vorgabe generiert. Hinweis: per Klick auf diese Stelle VOR dem veröffentlichen kann man diese Stelle verändern.
  4. Der Untertitel.
    Für diesen gilt dasselbe wie für die Überschrift.

Das ganze nennt sich nun Teaser und ist der Appetithappen. Wer hier gut arbeitet, hat bereits gewonnen.

Gleichzeitig liegt hier auch das größte Manipulationspotential vor. Der Teaser steuert die sogenannten Überschriftenleser, also ein bestimmtes Nutzerverhalten, welches sich selbst darauf reduziert, lediglich Teaser zu konsumieren und anhand dieser zu argumentieren.

Sehr gefährlich, wenn der Teaser und der verlinkte Inhalt nur bedingt kongruent sind, denn viele Artikel widerrufen oder revidieren ihre eigene Schlagzeile im hinteren Teil des Textes.

Das ist oftmals durchaus gewollt, doch sind Leser dadurch besser informiert, klüger im Handeln und weiser im Denken?

Einfach einen Schritt zurück!

Nicht falsch verstehen: es geht nicht darum, Inhalte oder Quellen auszuschließen oder auf gewisse Themen zu verzichten.

Das Gegenteil ist der Fall, denn wir leben im Grunde in einem wunderbaren Zeitalter, in dem wir Zugriff auf eine unheimlich große Vielfalt an Informationen haben. Es geht vielmehr darum, Quellen transparent zu halten (sofern sie nicht explizit geschützt werden müssen), die Herkunft, aber auch den Charakter einer Quelle zu nennen.

Sich in der Berichterstattung zu öffnen und die eigene Arbeitsweise nachvollziehbar zu gestalten. Gerne auch intermedial arbeiten, viele tolle Projekte und Recherchen sind in diesem Jahr in Zusammenarbeit zwischen Journalisten verschiedener Arbeitgeber entstanden. Informationen dürfen nicht dediziert sein, sondern gemeinsam erarbeitet und verarbeitet werden.

Das gewährt gegenseitige Kontrolle und mindert den Einfluss von Redaktionslinien. Verantwortungsbewustsein zeigen, berechtigte Kritik ertragen, aber auch gleichzeitig unberechtigter Kritik die Zähne zeigen.

Distanziert Euch einfach von effekthascherischer Berichterstattung,  es führt eher zu Irritationen, wenn man verkürzt, verschlagzeilt und konjunktiviert.

Denn es ist ein Problem des Klickjournalismus, dass er letztendlich Falschmeldungen erzeugen kann, ohne sie direkt zu verfassen.

Die irren Meldungen werden oftmals durch manipulativ gestaltete Schlagzeilen von Medien initiiert, welche für ihren Teaser meist erst im eigenen Text eine nähere Beschreibung liefern oder gar die eigene Überschrift im letzten Satz des Artikels revidieren.

Soweit kommen viele Leser schon gar nicht mehr und somit wird eine Schlagzeile als Vollaussage rezipiert. Insofern entstehen Gefühlslagen auch oft aufgrund von oberflächlichem Informationskonsum, angetrieben durch einen übersteigerten Klickjournalismus.

Das ist eher nicht verantwortungsbewusst und so ziemlich das Gegenteil, was man von einem Journalismus erwartet. Ein Journalismus, der die vierte Gewalt sein muss, der nachvollziehbar sein muss, nicht manipulieren soll. Sorgfalt anstatt Geschwindigkeit. “Eilt nicht” anstatt Breaking-News.

Das wäre ein großer Schritt besser  dahingehend, dass die Leserschaft besser informiert, klüger im Handeln und weiser im Denken wird. Danke!

  • Stefan Niggemeier: Was wir wissen – oder gerade für nicht ganz unwahrscheinlich halten [1]
  • Süddeutsche: Timeline der Panik [2]
  • Anne Raith: Vom schmalen Grat der Terrorberichterstattung [3]
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