Nicht das Virus macht uns krank, sondern die Angst? - Irreführende Behauptungen!

Nicht das Virus macht uns krank, sondern die Angst? – Irreführende Behauptungen!

Von | 6. April 2020, 14:40

Seit März wird ein Radiointerview mit dem Immunologen Prof. Dr. Stefan Hockertz geteilt, der aussagt, dass das neue Coronavirus nicht schlimmer als eine Grippe sei.

So seien die Maßnahmen der Bundesregierung maßlos überzogen, die Sterberate mit der Influenza vergleichbar, die Sterberate in Italien seien auf schlechte Krankenhaushygiene zurückzuführen. So mache uns nicht das Virus selbst krank, sondern die Angst davor.

Eine Vielzahl von Seiten griffen die Aussagen Hockertz auf, die Audiodatei verbreitet sich auf Youtube und auf WhatsApp. Das komplette Interview mit Hockertz wurde Ende März mit dem Radiosender RS2 geführt, den Wortlaut kann man hier nachlesen.

Im Folgenden greifen wir die Kernaussagen Hockertz‘ auf und beleuchten diese.

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Behauptung: Das Virus ist vergleichbar mit Influenza

Im Interview sagt Hockertz:

„Dieses Virus hat den gleichen Krankheitsverlauf wie Atemwegserkrankungen und damit ist es vergleichbar: mit Influenza. Es ist im Verlauf vergleichbar wie Influenza. Und insbesondere, was für uns sehr wichtig ist, in den Todesraten. Dort liegen wir bei Influenza in etwa auch zwischen 0,5 und 1 %. Und das ist eine Größenordnung, die dieses Virus auch erreicht.“

Das Argument, COVID-19 sei nicht gefährlicher als eine Grippe, wird immer wieder hervorgebracht, ist aber äußerst irreführend. Außer dass beides Atemwegserkrankungen sind, haben beide Erkrankungen nur wenig gemeinsam, die Viren verhalten sich sehr unterschiedlich.

  • Geschwindigkeit der Übertragung: Das Serienintervall (die Zeit zwischen aufeinanderfolgenden Fällen) beträgt bei der Influenza 3 Tage, bei COVID-19 geschätzt 5-6 Tage, was bedeutet, dass sich die Grippe schneller ausbreitet
  • Die Sterblichkeitsrate: Die grobe Sterblichkeitsrate (die Anzahl der gemeldeten Todesfälle geteilt durch die gemeldeten Krankheitsfälle) liegt bei COVID-19 zwischen 3 und 4 Prozent, bei der saisonalen Grippe liegt sie in der Regel deutlich unter 0,1 Prozent
  • Die Übertragungsrate: Gemäß Schätzungen, basierend auf der bisherigen Ausbreitung, infiziert jeder COVID-19 Erkrankte 2-3 andere Menschen, in vielen Ländern mehr. Bei der saisonalen Grippe infiziert jeder Kranke im Durchschnitt 1,3 andere Menschen
  • Ein Impfstoff: Grippeviren mutieren zwar, die meisten Menschen haben jedoch eine Grundimmunität. Gegen COVID-19 gibt es noch gar keine Impfung und keine Immunität, so sind im Prinzip alle Menschen gefährdet

In einem anderen Punkt sind Grippe und COVID-19 jedoch gleich:
Man kann die Verbreitung der Krankheiten eindämmen, indem man keine Hände schüttelt, sich häufig die Hände mit Wasser und Seife wäscht, das Gesicht nicht berührt und bei Erkrankung eine Schutzmaske trägt – eine Verhaltensmaßnahme, die beispielsweise in Japan vollkommen normal ist.

Der Vergleich ist somit irreführend und verharmlosend.

Behauptung: Das Virus sei nur für 5 Prozent der Bevölkerung gefährlich

Im Interview sagt Hockertz:

„Die Krankheit ist gefährlich für etwa 5 % der Bevölkerung. Alte, kranke, schwache Menschen, vorgeschädigte Menschen, Raucher.“

Dies klingt wenig, wären aber immer noch 4 Millionen Deutsche, für die eine COVID-19 Erkrankung tödlich sein kann. Die Prozentzahl der Gefährdeten liegt allerdings mit Sicherheit höher, wie Correctiv aufzeigt.

So seien nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 28,2 Prozent der Deutschen 60 Jahre oder älter, laut dem Bundesgesundheitsministerium liegt der Raucheranteil der Bevölkerung bei 23,8 Prozent. Es sind also deutlich mehr als 5 Prozent der Bevölkerung gefährdet.

Nun kann man aber zumindest vermuten, wie Hockertz auf die 5 Prozent kommt:

Gehen wir mal von einer Durchschnittsmenge von 25 Prozent gefährdeter Personen aus. COVID-19 verläuft bei 80 Prozent milde, bei 20 Prozent schwerer.

80 Millionen / 25 Prozent = 20 Millionen
20 Millionen / 20 Prozent = 4 Millionen = 5 Prozent der Gesamtbevölkerung

In dem Sinne hat Hockertz also mit seiner Einschätzung recht und gleichzeitig unrecht – denn bis zu 4 Millionen Tote alleine in Deutschland, das hat bisher noch nicht einmal die heftigste Grippewelle geschafft!

Die Aussage ist verharmlosend, ohne Maßnahmen würde die Zahl der Toten jede Grippewelle harmlos aussehen lassen.

Behauptung: Die mangelnde Krankenhaushygiene in Italien sei schuld

Im Interview sagt Hockertz:

„Die Menschen sterben, noch einmal, nicht -an- Corona, sie sterben -mit- Corona. Und zwar weil sie sich in den Krankenhäusern nosokomiale Infektionen einfangen, also Krankenhauskeime.“

Als Beispiel führt Hockertz eine Statistik des European Center of Disease Control von 2015 an: Demnach seien damals in Deutschland 2.363 Menschen an nosokomialen Infektionen (Infektionen, die man sich in einem Krankenhaus zuzieht) gestorben, in den Niederlanden nur 206, in Italien hingegen fast 11.000, was ein deutlicher Hinweis sei.

Die von Hockertz genannten Zahlen finden sich auch tatsächlich in einem Artikel der Fachzeitschrift „The Lancet“, der auf den Zahlen des ECDC beruht. Wichtig ist allerdings, was unter den Zahlen steht:

„Belastung durch Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien“

Gemäß dem RKI treten in Deutschland jährlich schätzungs­weise 400.000 bis 600.000 noso­ko­miale Infek­tionen pro Jahr auf. Nur ein Teil davon geht auf antibiotika­resistente Erreger zurück, im Jahr 2013 beispielsweise nur ca. 6 Prozent.

Wichtig: In jenem Artikel ist von antibiotikaresidenten und multiresidenten Bakterien die Rede! Tatsächlich ist ein Schutz davor schwer, während es allerdings gegen Coronaviren schon seit Jahrzehnten wirkungsvolle Hygienemittel gibt, die auch in Krankenhäusern standardmäßig angewendet werden.

Im Endeffekt ist dies also nur eine Vermutung Hockertz‘, die auf einer Statistik beruht. Zwar ist es wahrscheinlich, dass mehr Menschen in Italien sowohl eine noso­ko­miale Infek­tion als auch COVID-19 hatten, jedoch sind die Sterbezahlen viel zu hoch, als dass man sie rein auf Krankenhauskeime schieben könnte.

Zum jetzigen Zeitpunkt zählt Italien bereits knapp 16.000 COVID-19 Tote. Selbst wenn ein Teil davon tatsächlich nur mit, nicht an COVID-19 verstarb, ist die Zahl unverhältnismäßig hoch.

Die Aussage ist irreführend. Zwar mag mangelnde Hygiene in Italiens Krankenhäusern tatsächlich ein Problem darstellen, die extrem hohen Zahlen erklärt dies aber nicht.
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Fazit

Eine endgültige Aussage über die Gefährlichkeit des neuen Coronavirus lässt sich bisher noch überhaupt gar nicht stellen, kein ernstzunehmender Arzt oder Wissenschaftler würde dies auch zum jetzigen Zeitpunkt tun.

Der aktuelle Verlauf, auch der Rückgang der Erkrankungen und der Todesfälle in mehreren Ländern, die harte Maßnahmen ergriffen, zeigen jedoch, dass exakt diese Maßnahmen greifen, um die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen.

SARS-CoV-2 ist keine Apokalypse, es kommt nur vielen Leuten wegen den Quarantänemaßnahmen so vor.
Es ist allerdings ein neues Virus, gegen das es noch keinen Impfstoff und keine Immunität gibt, und das macht es gefährlich.

Eine Verharmlosung, nämlich dass nur die Angst krank macht, kann deshalb für viele Menschen leider tödlich enden.

An dieser Stelle möchten wir auf einen Artikel der Kollegen von Correctiv verweisen, die das Interview und die Aussagen noch ein wenig präziser unter die Lupe nahmen.

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