„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

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Und wenn der eine Nachbar ein Muslime ist, während der andere Nachbar gerne jodelt, scheint Ärger vorprogrammiert. So gibt es auf einer Seite namens „Journalistenwatch“ folgenden… ehm… „aktuellen“ Artikel:

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Ein gewisser “Autor“ (aha) schreibt dort:

„Diese Nachricht haben wir auf Facebook gefunden:

Gestern in Graz habe ich mit einem Demonstranten gesprochen- seine Geschichte konnte ich fast nicht glauben, aber dann hat er mir einen Zeitungsartikel gezeigt,welcher alles bestätigte!

Der österreichische Rentner mähte seinen Rasen und jodelte dabei und sang Volkslieder. Seine muslimischen Nachbarn fühlten sich im Gebet gestört und zeigten den Mann an – er hätte den Ruf eines Muezzins nachgemacht. Das absolut gestörte an der Sache: Der Rentner wurde wegen “Verächtlichmachung religiöser Symbole” und “Behinderung der Religionsausübung” zu 800€ Geldstrafe verurteilt!!!! Er wusste nichtmal, wie der Muezzin-Ruf geht, geschweige denn hat er ihn nachgemacht!

Also GUT AUFPASSEN Freunde, wenn ihr mit offenen Fenster Musik hört oder singt. Es könnte sich ein Moslem gestört fühlen und dann seid ihr nen Tausender ärmer!

Deswegen, genau deswegen brauchen wir Islamkritiker wie Gert Wilders, Michael Mannheimer, Michael Stürzenberger, Udo Ulfkotte, Akif Pirincci, Ignaz Bearth, Oskar Freisinger und alle anderen, die sich trotz Diffamierung, Morddrohungen, staatlichem Mobbing usw. kein bisschen in ihrer Klarheit und Durchschlagskraft beirren lassen!“

Auf diversen ausländerfeindlichen Seiten auf Facebook wird dieser Artikel nun fleißig geteilt, dementsprechend „liebevoll“ sind auch die Kommentare.

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Nun haben wir mal die österreichische Presse der letzten Wochen durchwühlt, aber haben diesen gedruckten Zeitungsartikel auf dem Bild nirgends finden können.

Mit starker Vergrößerung konnten wir schließlich erkennen, dass die Zeitung vom 27. November 2010 ist.

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Wir fragen uns zwar, warum Demonstranten viereinhalb Jahre alte Zeitungen mit sich herumtragen, aber lassen wir das mal außen vor.

Tatsächlich erschien jener Artikel im November 2010 auch auf dem Internet-Auftritt der österreichischen Seite „Krone.at“, welche diese Artikel (insgesamt waren es drei) im Dezember wieder offline nahm. Aus gutem Grund, aber dazu kommen wir gleich.

Fast 5 Jahre alt, okay, aber ist der Artikel deswegen falsch?

Dem österreichischen Medienwatchblog Kobuk.at war diese Geschichte damals schon suspekt, also fragten sie ganz einfach am Gericht nach und kamen zu folgenden Erkenntnissen:

1. Jener Nachbar jodelte nicht etwa nur an einem einzigen Freitag, sondern jeden Freitag von 2009 bis 2010, während er den Rasen mähte. In den erhobenen Vorwürfen wird auch nicht nur von Jodeln gesprochen, sondern sinngemäß auch von „anderen kreativen Arten, die das Gebet der Muslime gestört und verhöhnt hätten.“

2. Die Muslime hatten einen Lautsprecher im Garten für ihre Gebetsstunden, montierten jenen aber nach einigen Monaten wieder ab. Die Verhöhnungen des Nachbarn gingen noch einige Monate weiter.

3. Die Anklage erfolgte nicht auf Betreiben der Muslime. Nachdem die Polizei mehrmals eingeschritten war, leitete sie den Fall an die Staatsanwaltschaft weiter, welche Anklage erhob, weil es sich dabei um ein sogenanntes Offizialdelikt handelt. Die Muslime selber drängten laut den Gerichtsakten auf eine einvernehmliche Lösung.

4. Es gab nie eine Verurteilung des Nachbarn. Das Verfahren wurde nach Diversion, in Österreich eine alternative Beendigung eines Strafverfahrens, in diesem Falle eine Geldstrafe gem. §200 StPO, eingestellt.

Fazit:

Krone.at waren die offensichtlichen Fehler in ihrer Berichterstattung wohl selbst zu peinlich. Anstatt, wie in solchen Fällen üblich, die Artikel zu korrigieren, wurden sie am 1. Dezember kommentarlos entfernt.

Irgendjemand hat beim Wegwerfen des Altpapieres wohl diese alte Zeitung gefunden, sie fotografiert und präsentiert sie nun als aktuelle Geschichte.

Wie üblich springen die üblichen Verdächtigen wie Mannheimer, PI-News & Co auf den Zug auf und verbreiten die Geschichte auf Facebook und in diversen Blogs unreflektiert weiter.

Die Geschichte selber wurde in der Presse ziemlich verdreht und sorgte auch in Deutschland für Spott über den „irren Jodel-Prozess in Österreich“ (Hamburger Morgenpost).

Ausländerfeindliche Facebook-Gruppen und Blogs sind allerdings nicht wirklich an der Wahrheit interessiert, sondern nur an Hetze. Also jodeln sie nun im Stechschritt die verdrehte Meldung über den armen jodelnden Rentner wieder nach. Auch wenn die Töne doch sehr schief klingen.

Autor: Ralf, mimikama.at

Quellen:
Hamburger Morgenpost
Kobuk.at
derstandard.at

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